Artikel Natur :: Natürlich Online Natur mit Bahn-Anschluss | Natürlich

Natur mit Bahn-Anschluss

Kategorie: Natur
 Ausgabe 11 - 2011 - 01.11.2011

Text:  Urs Fitze

Der Wildnispark Zürich ist der einzige Naturerlebnispark der Schweiz. Nahe der Grossstadt darf sich die Natur auf zehn Quadratkilometern ungestört ausbreiten. Der Mensch wird zum teilnehmenden Beobachter.

Seit dem frühen 14. Jahrhundert gehört der Sihlwald der Stadt Zürich. Angeblich bedankten sich die Habsburger damit für die Neutralität der Zürcher in deren Kampf gegen die Herren von der Schnabelburg auf dem Albis. Ein Beauftragter der Stadt, der Sihlherr, sorgte im 1000 Hektaren grossen Waldgebiet dafür, dass die Stadt mit genügend Brennholz versorgt wurde. Zu Beginn des 18. Jahrhunderts war der Hunger nach Energie so gross, dass der Sihlwald – wie die meisten anderen Wälder in der Schweiz – regelrecht geplündert war. 1838 gebot die Stadt Einhalt: Unter Stadtforstmeister Carl Anton Ludwig von Orelli gelang der Übergang zu einer nachhaltigeren und effizienteren Bewirtschaftung. Ab Mitte des 20. Jahrhunderts wurden die damals vorbildliche Nutzung des Waldes und der arbeitsintensive Holzschlag jedoch zur Kostenfalle für die Stadt. Das billige Erdöl lief dem Brennholz den Rang ab: Der Stadtwald fuhr Millionendefizite ein. In den 1980er-Jahren schliesslich schlug Stadtforstmeister Andreas Speich vor, den Sihlwald nach jahrhundertelanger Nutzung der Natur zurückzugeben und sich selbst zu überlassen. Vor der Grossstadt sollte ein Ort entstehen, wo die Natur den Gang der Dinge wieder selbst bestimmt. Vorerst stiess seine Idee aber auf Unverständnis. Doch 1994 fiel der Entscheid, die Waldnutzung einzustellen, und 14 Jahre später sagte auch das Stimmvolk der Stadt Zürich Ja zum Naturpark Sihlwald.

Faszination Wildnis

Es ist der Gegensatz zwischen städtischer Ordnung und der Unberechenbarkeit der Wildnis, der diese für viele Städter so anziehend macht. Die Stadt ist vergleichsweise lebensfeindlich, es fehlt an Freiheit, es fehlt an Grün. Die Stiftung Wildnispark Zürich schuf die Voraussetzungen für die Anerkennung des Sihlwalds als Naturerlebnispark von nationaler Bedeutung durch das Bundesamt für Umwelt. Die Ziele sind mit jenen eines regionalen Naturparks vergleichbar, wurden aber an die Erholungsbedürfnisse der umliegenden städtischen Agglomerationen angepasst. Dazu kommt, als wichtigster Unterschied, die Ausweisung einer mindestens vier Quadratkilometer umfassenden Kernzone.



Die sogenannte Charta des Naturerlebnisparks füllt 350 Seiten – ein Spiegel der vielfältigen Erwartungen, die an dieses einzigartige Projekt gestellt werden. «Im Rhythmus der Natur» lautet der etwas schulmeisterliche Leitgedanke. Die Besucherinnen und Besucher sollen im Wildnispark «entschleunigt» werden, sich an den gemächlicheren Lauf der wilden Natur anpassen. Wer sich auf eine der schönen Wanderungen durch den Sihlwald begibt, wird nicht ganz nachvollziehen können, was damit gemeint sein soll. Das hat auch mit dem Begriff Wildnispark zu tun, dessen Definition sich nicht ohne Weiteres erschliesst. Denn welche Wildnis ist gemeint? Für Christian Stauffer, Geschäftsführer des Wildnisparks Zürich, eine Frage, auf die es keine eindeutige, schlüssige Antwort gibt. Wildnis sei im Sihlwald als Konzept zu verstehen, als das bewusste Zulassen einer Entwicklung, die langfristig einen Naturwald entstehen lassen werde. Das wird im Sihlwald Jahrhunderte dauern, bedenkt man, dass die ältesten Bäume keine 200 Jahre alt sind, dabei aber locker das doppelte Alter erreichen können. Und doch: Schon 17 Jahre nach der endgültigen Einstellung der forstwirtschaftlichen Nutzung zeigen sich die ersten Spuren dieses Wandels. So ist der Anteil des Totholzes deutlich gestiegen. Das wird auch die Entwicklung der Holz abbauenden Insekten beeinflussen.

Wald wird sich selbst überlassen

Am nächsten kommen diesem natürlichen Zustand die steilen Waldstücke unterhalb des Höhenweges am Albis. Dennoch wird der Begriff Wildnis im Sihlwald strapaziert. Zumindest wenn damit ein Urzustand suggeriert wird, wie es ihn vor der Verwandlung der Natur- in eine Kulturlandschaft gegeben hat. Am ehesten entspricht das Wildniskonzept im Sihlwald der Definition des Ökologen Mario Broggi: «Unter Wildnis wird jener Raum verstanden, in dem wir jede Nutzung und Gestaltung bewusst unterlassen, in dem natürliche Prozesse ablaufen können, ohne dass der Mensch denkt und lenkt, in dem sich Ungeplantes und Unvorhergesehenes entwickeln können.» Wer diesem Konzept folgt, muss jede Waldpflege unterlassen. Im Sihlwald ist das der Fall. «Wir haben Ende der 1990er-Jahre zum letzten Mal aktiv eingegriffen», sagt Christian Stauffer. Jetzt beschränke man sich auf reine Sicherungsmassnahmen – etwa wenn umstürzende Bäume die Wege im Wald gefährden könnten. Doch auch wenn in einem solchen Fall die Säge angesetzt wird: Das Holz bleibt am Wegrand liegen.

Der Verzicht auf Eingriffe heisst aber auch, dass seltene Orchideenarten aus einer Waldlichtung verschwinden könnten, wenn diese zuwächst. Und Wildnis heisst Verzicht auf jede Förderung von Baumarten, wie sie im natürlichen Zustand vorkommen würden. Die nach wie vor häufigen Fichten werden also nicht aktiv gefällt, um Platz zu machen für die standortgerechteren Buchen. Die Natur soll selbst entscheiden. Am Ende wird sich die konkurrenzfähigste Pflanze durchsetzen, die mit den natürlichen Bedingungen am besten zurechtkommt. Die Wildnis beginnt auch im Kopf. Für die einen ist sie, weil unbekannt oder gar unheimlich, abzulehnen, andere freuen sich schlicht daran. Der Umgang mit der Wildnis ist deshalb auch eine Frage der Umweltbildung. Das zeigt sich etwa in der Debatte um die Wiederausbreitung von Raubtieren wie Luchs, Bär oder Wolf. Sie verkörpern geradezu das Unberechenbare der Wildnis und nicht den Satz: Die Natur hat dem Menschen untertan zu sein. Auch deshalb braucht es Umweltbildung und das Erleben der Wildnis. Eine Käseglocke über der Wildnis wäre zu ihrem Verständnis wohl eher hinderlich. Denn nur was man kennt, lernt man zu schätzen – auch deshalb ist der Sihlwald als Naturerlebnispark anerkannt worden.

Wenn nun aber jährlich eine halbe Million Besucherinnen und Besucher unterwegs sind, wird das Konzept zur Gratwanderung. Hier soll die Besucherkanalisierung greifen. In den gut markierten Kernzonen gilt ein striktes Weggebot. Wer im Sihlwald wandert, wird sich aber wundern: Die Wildnis, wie sie sich hier präsentiert, unterscheidet sich kaum von anderen, nicht geschützten Waldgebieten. Wohl liegt mehr Totholz herum, und es finden sich auch keine Spuren forstlicher Eingriffe; langsam reift die Erkenntnis: Wildnis, wie sie im Sihlwald erfahren werden kann, ist unspektaktulär, still und leise – und gerade deshalb so wertvoll.

Das Buch«Die Naturpärke in der Schweiz» ist als Leserangebot zu einem Vorzugspreis erhältlich.

Wildnis unweit der Stadt
• Anreise
Von Zürich mit der SBB nach Thalwil oder mit der S4 nach Langnau-Gattikon. Von beiden Orten fährt das Postauto nach Oberalbis (Passhöhe). Oder vom Bahnhof Affoltern am Albis mit dem Postauto bis Oberalbis.
• Rückreise
Mit der Sihltalbahn (S4) von Sihlwald nach Zürich.
• Wanderzeit
3 ½ Stunden
• Höhendifferenz
180 m Aufstieg
420 m Abstieg
• Restaurants
Restaurants auf der Albispasshöhe und Bergrestaurant Albishorn, 8915 Hausen am Albis, Telefon 044 764 01 67, www.restaurant-albishorn.ch
• Route
Start auf dem Albispass (791 m), auf dem Wanderweg in Richtung Albishorn. Bald ist der Aussichtsturm Hochwacht erreicht, ein 1978 erstellter Holzturm, von dem man eine grossartige Aussicht auf den Zürichsee und den Sihlwald geniesst. Lohnend ist ein Abstecher zur Ruine Schnabelburg (ab Schnabellücke knapp 60 Meter Aufstieg). Nun geht es rund 110 Höhenmeter bergauf über einen schönen Gratweg zum höchsten Punkt der Albiskette, dem auf 909 Metern gelegenen Albishorn. Dort beginnt der Abstieg mitten durch den Sihlwald zum Besucherzentrum Sihlwald. Am natürlichsten ist der Sihlwald auf dem rund zwei Kilometer langen Abschnitt vom Albishorn hinunter zum Tannboden. Am Wegrand zeigen sich die Elemente eines Naturwaldes: Wurzelteller, Baumstümpfe mit grossen Spechtlöchern und Baumpilzen, kreuz und quer durcheinander liegende Bäume, die aussehen, als hätte ein Riese Mikado gespielt.
• Karten
Landeskarte 1:25 000, 1111 Albis
Landeskarte/Wanderkarte
1: 50000, 225/225T Zürich
• Tipp
Bis November 2012 dauert die Sonderausstellung «Schrecklich schön, furchtbar zahm: Wildnis und wir», eine inspirierende Collage aus Zitaten, Gegenständen, Fotografi en und Filmen, die den Begriff Wildnis nicht einordnet oder erklärt, sondern zur Diskussion stellt. Zum Angebot des Besucherzentrums Sihlwald zählen auch Filme, Kurse, Workshops und Theater, eine Biber- und Fischotteranlage sowie Spielmöglichkeiten. Auch im Winter lohnt sich ein Besuch des Wildnisparks
Zürich. Empfehlenswert ist der Walderlebnispfad, der sich in 1½ Stunden begehen lässt.
• Weitere Informationen
Besucherzentrum Sihlwald, 8135 Sihlwald, Telefon 044 720 38 85. www.wildnispark.ch

Fotos: fotolia.com, zvg

Tags (Stichworte):

Kategorie: Garten

Kartoffel: Trotz schlechtem Sommer, gute Ernte

2014 war für die Kartoffelbauer ein gutes Kartoffelerntejahr.

Kategorie:

Kategorie: Natur

Balkongemüse

Dank Mini-Zucchini, Tomätchen und winzigen Auberginen verwandeln sich Balkone...