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«Mehr Urzeit, bitte!»

Kategorie: Natur
 Ausgabe_02_2013 - 01.02.2013

Text:  Thomas Widmer

Auf der Suche nach dem Unberührten sehnt sich Thomas Widmer zurück in die Steinzeit – als es noch keine Skiliftmasten und Schnellstrassen gab.

Das Primordiale, also Ursprüngliche, hat mich stets fasziniert. Als ich ein Kind war, damals im Appenzellerland, wollten die andern Kinder «Räuber und Poli » spielen. Oder Indianer und Cowboy, was man « Koboi » aussprach. Ich aber und mein bester Freund Ernst, wir spielten ausschliesslich Steinzeit.

Tagelang pirschten wir, Speer in der Hand, durch das kleine Waldstück, das Ernsts Familie gehörte. Regnete es, machten wir Feuer, legten einen flachen Stein ins Feuer und stellten uns barfuss auf ihn; wer zuerst absprang, wenn der Stein heiss wurde, hatte verloren. Und einmal gingen wir auf Wildsaujagd. Ernsts Mutter war die Wildsau, was Fantasie verlangte, sie war schlank und hübsch. Sie trug eine Schürze und sägte auf einem Sägebock Holz, als wir attackierten; ein Tannzapfen traf sie ins Auge, sie ging in die Knie. Gott sei Dank stand sie schnell wieder auf, nichts passiert, sie war auch nicht böse auf uns Wilde.

Die Sehnsucht nach dem Urweltlichen hat mich dann nie mehr losgelassen – und spielt oft in meine Wanderplanung hinein. Viele Routen sind in dieser Hinsicht natürlich hoffnungslos. Wenn du von Melchnau via St. Urban nach Murgenthal ziehst, ist das hübsch. Und interessant. Aber du musst nicht meinen, du sähest unterwegs irgendwo keine Menschenzeichen. Im Gegenteil, sie sind allgegenwärtig: Zäune, Vieh mit Glocken, Schlossruinen, Bauernhöfe, Schnellstrassen, Zäune, Masten, Weiler und Dörfer, das gewaltige Kloster, die Bahn 2000, Infotafeln, Bachkanäle allenthalben.

Trotzdem verspüre ich immer wieder den Wunsch, eine Wanderung zu finden, die zu einem Ort führt, an dem nichts von der Zivilisation und ihren Betreibern zeugt. Als ich einmal von der Barmelweid oberhalb Aarau in die Höhe stieg, kam ich zum Aussichtspunkt Rohrerplatte. Dort an der jähen Kante der Jurafluh hatte ich kurz das Gefühl, ich sei der einzige Mensch auf der Welt. Der Nebel tötete den Mittelland-Lärm und beförderte die Illusion des Outback; ich sah nur Bäume und Kalkfelsen.

Bei freier Sicht ist es schwieriger. Immer wieder bin ich nah dran – und dann stört doch etwas. Unterhalb des Segnespasses auf der Flimser Seite hatte ich zu meinen Füssen die Hochebene Plaun Segnas Sut, auf der der Bach mäandern darf, wie es ihm beliebt. Aber diese Skiliftmasten! Auf dem Restipass, zwischen dem Lötschental und Leukerbad, rührte mich das Szenario mit schwarzem Geröll und Sand; wäre nicht das Weglein gewesen mit Fussspuren, wäre das die perfekte Mondlandschaft gewesen. Viel versprach ich mir vom Ofenloch, das als « Grand Canyon der Ostschweiz » gilt. Es zu erreichen, ging ich stellenweise im jungen Necker, das Wasser reichte bis zu den Knien, Wandermarkierungen gab es keine.

Zuhinterst im Ofenloch dann: herrlich! Das Tobel verengte sich und schloss in einer unendlich hohen Nagefluhwand: Das mir entgegenkommende Wasser sprang über die Wand, glitzerte und funkelte. Niemand ausser mir war da, ich hörte nur Rieseln und Plätschern. Ich war allein, endlich allein. Gerührt ging ich ein paar Schritte auf den Wasserfall zu … und stiess mit dem Fuss an eine rostige Konservenbüchse. u Dort an der jähen Kante der Jurafluh hatte ich kurz das Gefühl, ich sei der einzige Mensch auf der Welt.

Zur Person
Thomas Widmer ( 50 ) schreibt die Wanderkolumne «Zu Fuss» im Tages-Anzeiger und Bund.





Foto: Tim Gage / flickr / cc

 

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