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Genug gesessen!

Kategorie: Leben
 Ausgabe 09/2016 - 01.09.2016

Text:  Marion Kaden

Der Rücken schmerzt, der Kopf brummt. Doch das sind bloss Nebenwirkungen. Zu langes Sitzen erhöht das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen massiv. Experten empfehlen, das Fitnesscenter ins Büro zu integrieren.

@ fotolia.com, zvg

Sitzen, sitzen, sitzen. Ein Grossteil der Arbeitnehmer in Industrienationen verbringt 8 bis 14 Stunden täglich sitzend, bei der Arbeit, auf dem Weg dorthin und natürlich abends daheim, um sich zu «erholen». Schon seit Jahrzehnten beschäftigt sich die Wissenschaft mit diesem Umstand, und das Resultat ist klar: Sitzen kann die Gesundheit massiv gefährden. Rückenprobleme verschiedenster Art, durch Bürot.tigkeiten verursacht, sind längst zur Volkserkrankung geworden. Dabei sind Rückenprobleme noch das kleinste Übel beim Dauersitzen, wie nun verschiedene gross angelegte Studien zeigen.

Dänische Forscher beispielsweise konnten in einer Studie mit 71 000 Männern und Frauen zwischen 18 und 99 Jahren eine eindeutige Beziehung zwischen Sterblichkeit durch Herz-Kreislauf-Erkrankungen und der Dauer des Sitzens herstellen. Kurzgefasst lautet das Ergebnis: Je höher die tägliche gesamte Sitzzeit, desto höher die Sterblichkeitsrate – insbesondere bei inaktiven Erwachsenen. Also bei all jenen, die weder Sport treiben, noch zu allgemeiner Bewegung im Alltag kommen. Eine weitere Studie aus den USA mit 155 000 Probanden im Alter von 59 bis 82 Jahren lieferte quasi dasselbe Resultat. Da die Untersuchten dieser Studie im Durchschnitt wesentlich älter waren, lagen indes sowohl das Auftreten von Herz-Kreislauf-Erkrankungen als auch die Sterblichkeit proportional noch höher. Unterschieden wurde in der Studie des National Cancer Institute zwischen «aktiven» und «nicht aktiven» Teilnehmern. Diejenigen, die sich beispielsweise täglich aktiv mehrere Stunden mit Haus- und Gartenarbeiten beschäftigten oder viel zu Fuss unterwegs waren, hatten wesentlich geringere Sterblichkeitsraten als «nicht aktive», resümierten die Forscher.

Evolutionäre Last. Dauersitzen macht dick oder sogar fettsüchtig, belegte auch der Arzt James A. Levine von der renommierten Mayo-Klinik, einer amerikanischen Non-Profit-Organisation mit Sitz in Rochester und Minnesota. Seit 15 Jahren beschäftigt sich der Wissenschaftler mit dem pandemisch auftretenden Übergewichtsproblem. International wurde Levine bekannt, weil er erstmals exakte Daten lieferte, warum manche Dauersitzer dick werden und andere nicht. Er kam zum Schluss, dass nicht die zugeführte Kalorienmenge ursächlich ist, sondern minimale, verhaltensabhängige Unterschiede des Energieverbrauchs. Ausserdem: Mehrstündiges Sitzen entspricht nicht dem natürlichen Bewegungsdrang der Menschen. Denn von ihren evolutionären, erblich bestimmten Anlagen her sind wir Sammler und Jäger, nicht Autofahrer, Schreibtischsitzer oder Couchpotatoes. Der noch in historischer Zeit normale Bewegungsumfang wird von Wissenschaftlern mit 20 bis 30 Kilometer pro Tag angegeben. Doch hat die Lebenswirklichkeit der meisten Menschen nichts mehr mit dem Zurücklegen solcher Distanzen zu tun. Im Gegenteil: Die durchschnittliche Strecke amerikanischer Bürger beträgt gerade einmal 600 Meter täglich.

Etwas Tempo bitte. Das tägliche Sitzen ab drei Stunden gilt nach moderner Einsicht als definitiv gesundheitsschädigend, oder drastischer ausgedrückt, als tödlich. Das sind beunruhigende Tatsachen, die viele betreffen – trotzdem werden sie nicht besonders publik gemacht. Mögliche Gründe könnten sein: Das teure Umrüsten von Büros auf gesundheitsförderliche Einheiten oder fehlende Bereitschaft der Unternehmen, in kostenlose betriebsinterne Fitnessstudios zu investieren. Oder auf der anderen Seite die Bereitschaft der Arbeitnehmer zu «gesünderen, verordneten Arbeitsbedingungen», die oft nicht vorausgesetzt werden kann. Oder könnten Sie sich problemlos vorstellen, während der Arbeit täglich 5 oder gar 20 Kilometer zu gehen oder zu laufen? Diese Idee entwickelte Levine nämlich vor 15 Jahren und liess entsprechende Arbeitsplatzmodelle in Zusammenarbeit mit Büroherstellern bauen. Mit seinem NEAT-Desktop (Non-Exercise-Activity-Thermogenesis) wird ein Gutteil der Energie verbraucht, die sonst zu Übergewicht führt. Dazu werden modifizierte Laufbänder mit variablen Geschwindigkeiten wie im Fitnessstudio unter Stehpulte oder höhenverstellbare Schreibtische gestellt. Levine experimentierte mit diesen bis heute revolutionären Arbeitsplätzen und führte dazu etliche Studien durch. Die Ergebnisse: Das Arbeiten an solchen speziellen Arbeitsplätzen kann bei minimaler Laufgeschwindigkeit bei Übergewichtigen einen Gewichtsverlust von bis zu 30 Kilogramm im ersten Jahr bringen. Einige wenige Sportgeräte- und Büromöbelhersteller bieten in Europa das Levinesche Konzept in ausgereiften Formen an.

Buchtipps
• Christopher McDougall: «Born to run», Heyne Verlag. Ein sehr unterhaltsam geschriebenes Buch zum Laufen, und warum diese Tätigkeit jedem Menschen liegt. McDougall, Journalist und selbst ambitionierter Läufer, besucht verschiedene Lauf-Experten, Trainer und Wissenschafter, um aktuelles Wissen und Erfahrungen zusammenzutragen.
• Josef Glöckl: «Active Office», Springer Gabler Verlag. Das Buch beschäftigt sich unter anderem mit den Auswirkungen von Büroarbeit auf Skelett, Muskulatur und Stoffwechsel. Des Weiteren machen die Autoren Vorschläge, für ein «aktives Büro» und sie geben Tipps zur schrittweisen Veränderung der Lebensführung und der Ernährung. Erwachsene sollten sich täglich mindestens 30 Minuten bewegen


Laufband am Arbeitsplatz

Warum haben Sie sich für das Laufband entschieden?
Rainer Bubenzer: Alle bisherigen Empfehungen für sogenannt bewegtes Arbeiten sind bei wissenschaftlicher Überprüfung vollständig wirkungslos. Zum Telefonieren aufzustehen, ab und zu ein paar Mobilisierungs- und Dehnübungen zu machen oder einen «aktiven» Bürostuhl zu benutzen, hilft nichts gegen die Tödlichkeit von mehr als drei Stunden sitzen am Tag.

Wie muss man sich das Arbeiten am Laufband vorstellen? Kann man da überhaupt effizient sein?
Nach einer mehrwöchigen Eingewöhnungszeit, bei der das Lauftempo allmählich gesteigert wird, zum Beispiel von 0,6 auf 2,6 Stundenkilometer oder schneller, kann man nahezu alle üblichen Arbeiten durchführen. Schreiben am PC, E-Mails erledigen, Recherchieren, Surfen oder Onlinetexte lesen. Etwas Eingewöhnung braucht die Mausnutzung, bis alle alltäglichen mausgestützten Büroaktivitäten sauber koordiniert durchführbar sind. Lediglich sehr hochaufgelöstes Arbeiten zum Beispiel bei der Bildbearbeitung erfordert bei mir den Stopp des Laufbandes.

Gibt es noch andere Arbeiten, die Sie nicht laufend erledigen können?
Ja, tatsächlich gibt es eine Tätigkeit, die ich wegen einer speziellen Fokussierung auf mein Gegenüber meistens lieber im Sitzen erledige – und das ist Telefonieren, selbst wenn ich meine Büro-Freisprechanlage benutze. Und natürlich gibt es Tage, da sitze ich einfach lieber. Grundsätzlich können Sie aber alle Bürotätigkeiten laufend erledigen, die Sie auch am Stehpult erledigen können.

Welche Auswirkungen auf Ihre Gesundheit stellen Sie fest?
Die körperliche Aktivierung beim moderaten Laufen während der Arbeit hilft nicht nur gegen Übergewicht, es ist eine tiefgreifend gesundheitspflegende Massnahme. Fast noch entscheidender ist jedoch die Befreiung des Kopfes: Beim Schreiten oder beschleunigten Gehen am Schreibtisch, zum Beispiel mit drei Kilometer pro Stunde, wird der Körper natürlicherweise aufrecht gehalten, wodurch die kopftragenden Halsgelenke nahezu unbelastet und entspannt sind, was eine geistige Kreativität, Fantasie, Konzentration oder Fokussierung in einem Umfang bewirkt, der sonst nur bei geistig anregenden Spaziergängen im Grünen möglich ist.

Wem können Sie solche Schreibtisch-Laufbänder als Arbeitsplatz empfehlen?
Trotz der überschaubaren Kosten, ein günstiges Komplettsystem mit Laufband, Steuerkonsole und Stehpult wird in Europa unter 1500 Euro angeboten, erscheint ein solcher Arbeitsplatz bei uns noch sehr exklusiv. Selbstständige, freie Unternehmer, Mitarbeiter aller Firmen im Gesundheits- und Fitnessbereich oder in öffentlichen Einrichtungen wären prädestiniert, täglich an einem solchen Desktop zu arbeiten. Übrigens sollte trotz allem immer auch die Möglichkeit bestehen, zwischendurch nach Lust und Laune im Sitzen zu arbeiten.

Gibt es Nebenwirkungen?
Ja, definitiv! Sie werden mit der Zeit bewegungssüchtig, können es morgens manchmal nicht abwarten, sich endlich auf dem Laufband zu bewegen, etwa zum Erledigen der E-Mails, der Tagesplanung oder der Mitarbeiterbesprechung. Ansonsten müssen Sie lernen, dass andere Menschen sie überaus merkwürdig und fragend anschauen, wenn sie von Ihrer Arbeitsweise erfahren. «Beim Schreiten oder beim beschleunigten Gehen am Schreibtisch werden die Halsgelenke entlastet und dadurch der Kopf frei.»

Rainer Bubenzer, deutscher Medizin- und Wissenschaftsjournalist und Gesundheitsberater, erledigt seit eineinhalb Jahren seine Arbeit immer öfter auf dem Laufband.

Fotos: fotolia.com, zvg

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