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Carte Blanche:
Die Terroir-Terroristen

Kategorie: Leben
 Ausgabe 2 - 2009 - 01.02.2009

Text:  Thomas Widmer

Stammt das Frühstücksei nun von der Henne Emma oder vom Grossverteiler? Thomas Widmer über die Extrempositionen der Terroir-Fans und der Fastfood-Fresser.

Je älter ich werde, desto mehr hänge ich dem Ideal eines mittleren Weges an. Hardcore-Impfgegner, SVP-Pöbler, Superfeministinnen, Hundertzehnprozent-Christen, Fussball-Ultras mag ich nicht. Meine Abneigung gegen das Fanatische richtet sich gegen beide Extreme: Autoraser und Veloraser auf dem Trottoir finde ich ebenso daneben.

Je älter ich werde, desto mehr bin ich auch ein Anhänger der Dialektik. Es gibt etwas, es gibt dazu das Gegenteil, und aus beidem bauen wir etwas Höheres: Das ist Dialektik. Ich finde diese Art von Denken und Leben tröstlich, weil sie das Gegenteil von einseitig ist.

Nehmen wir das Essen. Ich habe eine deutsche Kollegin, die kocht nicht schlecht. Aber wirklich gut auch nicht. Es liegt an den Rohstoffen. Kürzlich führte sie kiloweise Hühnergeschnetzeltes von einem Grossverteiler ein, tiefgefroren in einer Kühlbox. «Du glaubst nicht, wie billig dieses Fleisch war!», eröffnete sie mir, während ich gerade das Besteck ergriff. Mir verging da schon fast der Appetit an dem Curry.

Nahrung darf und soll etwas kosten, ein vernünftiger Standard tut not. Aber dann wieder dies: Ich komme in Zürich auf dem Weg zur Arbeit an einem Bio-Reformhaus vorbei, kaufe zwei Äpfel und zahle 2 Franken 55. Das ist nicht normal! Und erst das Säcklein Cranberries: So gesund können die gar nicht sein, dass sie 8 Franken 50 kosten!

Ich favorisiere den mittleren Weg, wie gesagt. Bio-Exaltiertheit à la «Nur ein Ei, dessen Huhn 120 Quadratmeter Auslauf hatte, ist ein gutes Ei» finde ich suspekt. Die labberigen Brötchenhälften um den Hamburger von Mc Donald’s, anderseits, sind ein Skandal. Ich liebe es, irgendwo im Maggiatal ein Grotto zu entdecken, wo es Formaggini gibt von einer Alp, wo der Senn mehr macht als käsen nach Vorschrift. Aber ich verabscheue die Terroir-Terroristen, die bloss noch die Nase rümpfen, wenn man ihnen einen Coop-Cervelat vorsetzt.

Ich bevorzuge einheimische Nahrung, die nicht mit dem Lastwagen über den Brenner oder die Pyrenäen herangekarrt werden musste. Ich sehe nicht ein, wieso mein Merlot aus Australien kommen soll. Aber ich finde es lächerlich, wenn auf der Beizenspeisekarte steht: «Deftiges Wollsäuli-Kotelett vom Bumä-Heiri im Schangnou mit Rotkraut vom Mülibüel-Puur.»

Es wird kaum möglich sein, die Menschheit auf Dauer mit handgeschnitzten Pommes frites zu füttern. Schon gar nicht deren darbenden Teil. Im Südsudan ist es unwesentlich, von welchem Landwirt das Mehl kommt. Hauptsache, man macht daraus Brot für die Armen.

Ein höhlengereifter Emmentaler aus der Migros – das ist eine tolle Sache. Als Massenware verweigert er sich dem Warenfetischismus, der in Luxus-Comestibles und linksalternativen Ökolädeli herrscht, wo kein Büezer je einkaufen wird. Gleichzeitig verkörpert er den Anspruch, dass auch das einfache Volk geniessen soll. Und diese Kombination bringt uns auf ein höheres Niveau. Das ist Essdialektik, wie ich sie liebe.

carte blanche | Thomas Widmer
Thomas Widmer, 46, ist Hintergrundredaktor beim Zürcher «Tages Anzeiger» und schreibt dort auch die Wanderkolumne «Zu Fuss». Er hat zwei Wanderbücher publiziert.
www.echtzeit.ch

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