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Götter und Geister

Kategorie: Leben
 Ausgabe 7/8-2018 - 04.07.2018

Text:  Fabrice Müller

Viele Traditionen, Symbole und auch Orte zeugen von der heidnischen Vergangenheit unseres Landes. Mit der Christianisierung ist diese Naturreligion jedoch weitgehend verschwunden. Nun stösst sie wieder auf ein steigendes Interesse.

@ Petra Bischoff

Nein, so habe ich ihn mir nicht vorgestellt. Ich erwartete mindestens lange Haare, aber auch einen Bart, der bis zum Bauchnabel reicht, dazu ein grosses Amulett um den Hals und vielleicht noch alternative Kleidung aus Jute. Doch nichts von alledem. Matthias Volz entspricht auf den ersten Blick so gar nicht den Klischees und Vorstellungen eines Mannes, der sich dem heidnischen Glauben angeschlossen hat und als Präsident den Verein Asatru Schweiz führt. Kurze Haare, Brille, normale Kleidung, Wanderschuhe von Beruf Chemietechniker.

Wir treffen uns am Bahnhof von Kollbrunn im Zürcher Oberland. Unser Ziel: die «Tüfels Chilen», vermutlich einst ein heidnisches Quellheiligtum, das im Mittelalter – wie so vieles – verteufelt wurde. Von daher stammt wohl auch der Name – des Teufels Kirchen.

Starker Bezug zur Natur
Ursprünglich kommt Matthias Volz aus dem Raum Mainz. Seit 2003 lebt er in der Schweiz. Zum Heidentum kam er – so erzählt der Naturwissenschaftler – wie die Jungfrau zum Kind. «Ich bin katholisch erzogen worden. Doch das Christentum sagte mir mit der Zeit immer weniger zu. Vor allem die Idee der Sündigkeit ist für mich nicht schlüssig.» Matthias Volz war und ist ein Suchender. Er beschäftigte sich mit der Freimaurerei, mit der Geschichte der Ägypter und stiess irgendwann auf die Naturspiritualität der Germanen und Kelten. «Diese Art von Religion hat mich berührt und angesprochen. Ich merkte sofort: Das ist mein Ding. So habe ich es schon immer empfunden.» Der starke Bezug zur Natur, die im Heidentum als beseelt und somit belebt betrachtet wird, fasziniere ihn. Ebenso der Bezug zu den verschiedenen Göttern. Und schliesslich die Möglichkeit, über die Naturreligion mit sich selber enger in Kontakt zu kommen.

«Diese Art von Religion hat mich berührt und angesprochen. Ich merkte sofort: Das ist mein Ding.» Matthias Volz

Längst haben wir die Zivilisation verlassen. Hinter uns liegt der Friedhof von Kollbrunn. Wir folgen der Strasse auf den Nussberg. Dort biegt ein Weg rechts ab und strebt dem Wald zu. Dem Bäntalbach entlang windet sich der Pfad durch ein malerisches Tobel. Im Sommer angenehm kühl, im herbstlichen Dämmerlicht dann eher mystisch.

Von Schamanen magisch angezogen
Seit einigen Jahren kommen immer öfter traditionelle Schamanen aus entlegenen Teilen der Erde zu Besuch nach Mitteleuropa. Viele Europäer fühlen sich geradezu magisch von ihnen angezogen. «Nirgends werden so viele Bücher und Artikel zum Schamanismus publiziert und von Lesern verschlungen wie im deutschen Sprachraum. Offensichtlich sehnen wir uns nach Schamanen und wünschen uns ein bisschen mehr Schamanismus in unserer Welt», sagt Christian Rätsch, Autor des Buches «Der Heilige Rain». In unserer modernen, technokratischen Zivilisation klaffe eine kulturelle Lücke: Es gibt hierzulande keine Schamanen und kein Schamanentum mehr. Umso wichtiger sei es, so Christian Rätsch, die eigenen Wurzeln, jene der Germanen und heidnischen Kultur, zu finden. «Wir haben früher all das gehabt, was wir heute in exotischen Kulturen suchen. Wir hatten eine schamanische Kultur mit schamanischer Mythologie und Kosmologie, mit spirituellen Ritualen der Sinnfindung und kannten auch einen entheogenen Gebrauch diverser Zauberpflanzen. Wir waren einst zu Hause in unserer eigenen Kultur, fühlten uns geborgen in einem die Natur verehrenden Kult», so Rätsch.

Mit der germanischen Kultur bestehe ein direkter Zugang zum Schamanentum. «Als Europäer haben wir unsere Wurzeln in der griechischen Mythologie, als Deutschsprachige in der germanischen Mythologie. Beide Mythologien sind nahe verwandt und stammen wiederum aus derselben Wurzel – der indogermanischen», erklärt Christian Rätsch. Der Mensch brauche Mythen. Sie seien metaphorische Erklärungsmodelle für das Sein des Menschen im Kosmos. Mythen erklären, warum die Dinge so sind, wie sie sind. Aber dennoch: «Mythen sind nur Modelle, Modelle des Geists, Erkenntnismodelle», sagt der Völkerkundler. Mythologie wiederum gilt als Grundlage der Spiritualität, der geistigen Erfahrung der Natur. «Durch die Spiritualität werden Universum und Kosmos für den Menschen erfahrbar. Der Schamane ist die Brücke zwischen Universum und Kosmos, zwischen Natur und Kultur», erläutert Rätsch.

«Wir opfern keine Tiere»
Viel Heidnisches hat die Jahrhunderte in ganz Europa überdauert – teils umgedeutet in christlicher Hinsicht, teils in alten Ritualen, Namen und Geschichten. «Wir versuchen nicht, einen heidnischen Glauben nachzuahmen, der schon seit vielen Jahrhunderten von der Bildfläche verschwunden ist. Vielmehr ver­stehen wir uns als moderne Menschen, die sich die Freiheit nehmen, ihren Glauben der heutigen Zeit und Sichtweise anzupassen», sagt Matthias Volz und hält vor der nächsten Weggabelung kurz inne.

Wir wählen den rechten Weg. Die «Tüfels Chilen» beginnen. Der Weg wird rutschiger und steiler.

Seit 2015 ist Asatru Schweiz ein Verein mit Statuten und Vorstand, nachdem sich Gleichgesinnte 2009 erstmals als lose Gruppierung getroffen hat. «Wir sind ein bunter Haufen mit Leuten aus verschiedensten Berufen und Altersgruppen», erzählt Vereinspräsident Volz. Monatlich trifft man sich zum Stammtisch. Viermal jährlich werden die Jahreskreisfeste gefeiert, hinzu kommen Maifeste und Museumsbesuche. 28 Personen zählt der Verein derzeit, Tendenz steigend.

 

 

«Wir haben früher all das gehabt, was wir heute in exotischen Kulturen suchen.»  Christian Rätsch

 


Rituale spielen bei Asatru eine wichtige Rolle. Im Sinne der Naturreligion finden diese Rituale meist im Wald statt. Als sogenannter Heiliger Hain gelten Orte, in denen die Götter wohnen und die Menschen zu ihren Ehren zusammenkommen. Im Tempel der Natur, dem Stück Wald, vereinen sie sich, finden zu Harmonie, um danach wieder glücklich und gesund in die Menschenwelt zurückzukehren.

«Nein, wir opfern keine Tiere. Und wir sind auch keine Geheimlehre», schmunzelt Matthias Volz, als er auf die Rituale in seinem Verein angesprochen wird, derweil der Bäntalbach an uns vorbeiplätschert. «Wir bringen in unseren Ritualen Opfer in Form von ausgewählten Gegenständen, zum Beispiel aus der Natur, oder mit Trankopfern. Wir pflegen den rituellen Umtrunk ‹Sumbel› und reinigen unsere Ritualplätze spirituell.»

Religion der Götter
Götter nehmen im heidnischen Glauben einen zentralen Platz ein. Die wichtigsten Hinweise über die Götter finden sich zum einen in den alten Quellen wie jene von Edda oder der Merseburger Zaubersprüche, zum andern sind alte Bräuche und Sagen aufschlussreich. Der Gott Wotan gilt als Urschamane, der schamanistischste aller indogermanischen Götter. Er ist der Gott, der nach Wissen strebt. Dafür reist er durch alle Welten, verwundet sich selbst mit der eigenen Lanze und erhängt sich für neun Nächte am Weltenbaum.

Damit sucht er jede der neuen Welten des Weltenbaums zu ergründen. Dann bricht er Zweige vom Weltenbaum und wirft sie auf die Erde. Dort formieren sie sich zu Runen, den Buchstäben beziehungsweise den Buchstaben, die das geheime Wissen in sich tragen. Ein wichtiger Fund mit heidnischen Runen wurde in Bülach ZH gemacht, wo man eine Scheibenfibel mit Runeninschrift aus dem 6. Jahrhundert nach Christus entdeckte.

Zu den weiteren Göttern gehören zum Beispiel Frigga, die Gemahlin von Wotan, der im Norden auch Odin genannt wird, der Wettergott Donar, im Norden als Thor bekannt, und Ziu, der Gott des Krieges, dem der «Ziischtig» gewidmet sein soll. Ziu war bei den Alemannen der wichtigste Gott.

Zahlreiche Bräuche und Rituale, die heute noch gepflegt werden, erinnern laut Matthias Volz an ihren heidnischen Ursprung. Das Sechseläuten in Zürich etwa, wo durch das Feuer der Winter vertrieben wird, die alemannische Fasnacht mit ihren furchterregenden Gestalten, die Treicheln oder die Ostereier und ­-hasen als Symbol der Fruchtbarkeit.

Heidnische Symbole in der Natur

Bingelkraut, auch bekannt als Wodanskraut: Zauberpflanze der Germanen, u.a. zur Behandlung von Nachtmaren und Albdrücken.

Hanf und Leinen: In der Schweiz wurden früher in den Hanffeldern auf der Allmende heidnische und erotische Rituale durchgeführt, auch als Hexentänze bekannt.

Mistel: Wunderpflanze, Heilmittel und Glücksbringer. Bei den Germanen Symbol der Wintersonnenwende.

Weihnachtsbaum: Abbild des Weltenbaums, geschmückt mit heiligen und magischen Symbolen.

Eibe und Esche: Symbol des Weltenbaums als geistiges Prinzip.

Seidelbast: Die heilige Pflanze des Gottes Ziu; mit der Rinde, dem Mark und dem Samen sowie mit Kröten wurde ein Gift hergestellt.

Mohn: Als Pflanze des Glücks und Rauschmittel bekannt, eine der wichtigsten Heilpflanzen der Pharmaziegeschichte. Schützt vor nächtlichen Quälgeistern, blutsaugenden Vampiren und Nickel-Kobolden.

Monster, Teufel und Dämonen

Schon mal was von glubschäugigen, gehörnten indischen Dämonen aus dem 18. Jahrhundert gehört, deren Hintern in engen, adrett gemusterten DiscoHot-Pants stecken? Nein? Dann lohnt sich ein Besuch der erhellenden und amüsant-schaurigen Schau «Monster, Teufel und Dämonen» in der Parkvilla des Museums Rietberg in Zürich.

Nicht nur die Welt der europäischen Heiden war beseelt mit Dämonen, Göttern und Naturwesen. Praktisch in jeder Kultur – vertreten sind in der Schau unter anderem Persien, Indien und Japan – wurde sowohl die Natur als auch die Mythologie bevölkert mit Dämonen jedweden Kalibers, die oft als chaotische Gegenspieler der Götter auftreten. Monster und Dämonen müssen aber trotz grässlichem Aussehen nicht per se böse sein, sondern können durchaus auch «humane» Züge haben. Einfluss auf den Charakter der Dämonen besitzen seit je die Künstler, die deren «diabolischen» oder «guten» Seiten optisch prägen.

Dämonen, so hat sich in Hunderten von Jahren herausgestellt, begegnet man am besten mit Humor. Insofern bildet die Holzschnittfolge «Nächtliche Prozession der 100 Dämonen» aus der japanischen Edo-Zeit ein Highlight der Ausstellung: Da formieren sich Gegenstände, die älter als hundert Jahre sind, zu einem nächtlichen Umzug. Das ist amüsant. Aber Achtung: Allfälligen Augenzeugen des Umzugs droht der Tod. Hans Keller

Monster, Teufel und Dämonen
Bis 16. September (Montag geschlossen)

Museum Rietberg Gablerstrasse 15, 8002 Zürich
www.rietberg.ch

Buchtipp
Christian Rätsch
«Der Heilige Rain», 2013, AT Verlag, 120 Seiten,
ISBN 978-3-03800-204-8, Fr. 35.90

Dämonisiert und verteufelt
Im Zuge der Christianisierung Europas wurden die heidnischen Traditionen dämonisiert, verteufelt und als Aberglauben gebrandmarkt. Die antiken Liebesgöttinnen wurden zu den Anführerinnen der Hexen, die heilige Katze zum Hexentier, der Hanf zur «Teufelsdroge» und das ehemalige heidnische Osterfest zum kirchlichen Ritual der Kreuzigung und Auferstehung Jesu umgedeutet. Auch manche Ritualplätze, die einst für heidnische Traditionen verwendet wurden, sind heute Standorte von Kirchen und Kapellen. Oder sie gelten als Kraftorte wie zum Beispiel die Sass da Grüm in Vairano GR, der Tiergartenhügel bei Mels SG, die Verenaschlucht bei Solothurn, wo die Kapelle vor einer heidnischen Höhle steht, oder möglicherweise auch der Kraftort Buschberg bei Wittnau AG, auf dem Ruinen sowie ein Grab aus der Kelten- und Römerzeit gefunden wurden.

Aufkeimen alter Traditionen
Matthias Volz ist überzeugt, dass immer mehr Menschen nach solchen Plätzen, Ritualen wie auch nach einer stärkeren Verbindung zur Natur suchen. «Als Verein sind wir eben erst vor die Tür getreten und schon spüren ein Aufkeimen dieser alten Traditionen. Der heidnische Glaube soll eine Chance haben, wieder in die Mitte der Gesellschaft zu finden», sagt er. Durch die Auseinandersetzung mit dem Heidentum erfahre er persönlich eine stärkere Verbindung zur Natur sowie eine Erdung. «Es ist ein Zusammenkommen von Körper und Geist. Ein sehr befreiendes Gefühl.» Und auch die Spiritualität habe in seinem Leben eine zentrale Rolle eingenommen. Und diese könne er eben am besten in der Natur leben und erfahren.

Alles andere als teuflisch präsentiert sich das Ziel unserer Wanderung: die Teufels Kirchen. Aus Quellen im oberen Teil des Moränenschutthügels fliesst kalkhaltiges Wasser über das Moos ins Bäntal hinunter. Der Kalk verbindet sich mit dem Moos und lagert sich als poröses, aber sehr hartes Gestein ab. Von der einstigen Grotte ist heute nicht mehr viel zu sehen. Offenbar wurde der Tuffstein hier im 19. Jahrhundert abgebaut. Zurück blieben die Treppenstufen zur Grotte hinauf. Und die mystische Ausstrahlung dieses Ortes, dem man eine Rolle als uralter Ritualplatz durchaus zutraut. 

Linktipp: www.asatruschweiz.ch

Fotos: Petra Bischoff | zvg

 

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