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Der Hirsch weist den Weg

Kategorie: Natur
 Ausgabe_11_2014 - 01.11.2014

Text:  Barbara Hutzl-Ronge

Auf den Spuren zweier Königstöchter vom Uetliberg in die Stadt Zürich wandern und dabei uralte Siedlungsgebiete und Gräber entdecken.

Das ist eigentlich eine Wanderung für Frühaufsteher, denn von den Baldern aus die Sonne aufgehen zu sehen, ist ein besonderes Erlebnis. Weil zu dieser Zeit aber noch keine Seilbahn fährt, muss der doch ziemlich steile Weg von Adliswil über die Felsenegg bis nach Baldern zu Fuss gemacht werden.

Aber zuerst wollen wir in die Vergangenheit eintauchen: Abgeschieden von allem Weltenlärm lebten auf der Burg Baldern auf dem Zürcher Uetliberg die beiden Königstöchter Hildegard und Berta. Eines Abends, als ein lauer Wind die ersten Kirschblüten durch die Luft tanzen liess, überfiel sie ein grosses Verlangen, sich im Wald zu verlustieren. Obwohl sie sich fest vorgenommen hatten, beim Verklingen der letzten Vogelstimme in die Burg zurückzukehren, gefiel es ihnen im rauschenden Hochwald so gut, dass sie blieben, bis die Nacht hereinbrach. Mit einem Mal bemerkten sie einen wunderbaren Glanz zwischen den Bäumen. Und es erschien ihnen ein grosser, weisser Hirsch, auf dessen Geweih zu ihrem Erstaunen zwei Kerzen brannten. Langsam gingen Hildegard und Berta auf ihn zu. Plötzlich war er aber verschwunden und sie fanden sich unversehens daheim vor dem Burgtor wieder.

Vom Berg in die Stadt

Am folgenden Abend gingen die beiden Schwestern wieder in den Wald. Sie hatten geträumt, der Hirsch könne eine Bedeutung für sie haben und sei von Gott geschickt worden. Und richtig, das vornehme Tier erschien wieder, und es war den beiden Königstöchtern, als wollte es sie veranlassen, ihm zu folgen. Sie gingen ein Stück des Weges mit ihm, doch kehrten sie ängstlich in die Burg zurück. Nun aber wurde ihnen das Herz schwer. Sie fanden keine Ruhe mehr und beschlossen, dem Hirsch zu folgen, falls er sich nochmals zeigen sollte. In aller Morgenfrühe traten sie mutig in den dunklen Wald hinaus, wo ihnen der Hirsch auch schon entgegenkam. Die Lichter auf seinem Geweih schienen diesmal doppelt so stark zu leuchten, und sie folgten ihm den Grat entlang durch die erwachenden Auen bis mitten hinein in die Stadt Zürich. Dort führte er sie zur Stelle an der Limmat, wo die Stadtheiligen Regula, ihr Bruder und der heilige Felix begraben lagen. Die Königstöchter verrichteten dort ihr Gebet und kehrten dann auf die Burg zurück. Noch zweimal führte sie der Hirsch zu dieser Stelle. Da verspürten beide das Bedürfnis, an diesem Ort leben zu wollen. Auf ihren Wunsch hin errichtete ihr Vater, König Ludwig, im Jahr 853 das Kloster Fraumünster, dem Hildegard umsichtig als erste Äbtissin vorstand.

Begehrtes Siedlungsgebiet

Heute würde man den Hirsch wohl als Krafttier der beiden Königstöchter und ihre Erfahrung als Initiationsreise bezeichnen. Im Bewusstsein einer grossen göttlichen Kraft hinter allem Lebendigen hatten sich die beiden Frauen lange Zeit auf dem Kraftort Baldern mit der Natur verbunden. Doch Gebet, Meditation und Naturverbundenheit allein waren nicht Hildegards und Bertas Schicksal. Sie sollten in der Welt tätig werden und der Hirsch zeigte ihnen den Weg. Die Wanderung von der Felsenegg nach Zürich führt auch uns den Albisgrat entlang. Bald öffnet sich eine liebliche Aussicht über die Hügel bis hin zu den Bergen bei Zug und Luzern. Je näher wir dem Ausfugsziel Uetliberg Kulm kommen, desto belebter wird der Weg. Kein Wunder zieht es Zürcher und Zürcherinnen auf diesen Berg. Er ist seit fünfeinhalb Jahrtausenden begehrtes Siedlungsgebiet. Schon in der Jungsteinzeit lebten hier Menschen in kleinen Gehöften. Kurz nach Mitte des 6. Jahrhunderts vor Christus entstand ein frühkeltischer Fürstensitz: mit einer durch einen grossen Graben gesicherten Burg auf dem Uto Kulm.

Pforte zur Anderswelt

Die Quellen zu hüten und rein zu halten, ist für Menschen, die auf einem Berg leben, überlebenswichtig. Wer immer über die Jahrtausende auf dem Uetliberg lebte, war auf das Quellwasser angewiesen, das auf dem Berg zutage tritt. In allen Kulturen und Zeiten haben Menschen um die Bedeutung des Wassers gewusst und den Ort, wo es hervortrat, aus diesem Grund als heilig verehrt. Unsere heutige Kultur lässt ein solches Bewusstsein vermissen.

Das Quellgebiet des Uetlibergs ist ein wunderbarer Ort. Dort, zwischen Aegertenweg und Hohensteinweg auf dem Abstieg in Richtung Stadt, liegt auch eine Teichquelle, der Nymphenweiher, die inmitten von Eschen, Buchen und Tannen aus dem Boden tritt. Am Rand wachsen Lilien und seltene Wasserpflanzen, verschiedene Moose beleben abgestorbene Baumstämme. Wenn man dort in der Stille, ab vom Wanderweg, beobachten kann, wie das Sonnenlicht auf die Wasseroberfläche trifft, versteht man auf einmal, warum die Kelten dachten, jede Quelle sei eine Pforte zur Anderswelt. Wie über der Wasserfläche, so spiegelt sich auch unter ihr eine ganze Welt.

Zurück auf dem Hohensteinweg geht es hinunter bis zur Station Triemli. Von dort bringt einen die Uetlibergbahn in den Hauptbahnhof. Wer mag, spaziert dann noch der Limmat entlang zum Fraumünster, der sagenumworbenen Wirkungsstätte der Heiligen Hildegard und Berta.

Das Wanderbuch «Magisches Zürich» von Barbara Hutzl-Ronge ist als Leserangebot zu einem Vorzugspreis erhältlich.

Auf dem Zürcher Hausberg
• Ausgangspunkt
Zug bis Adliswil, Luftseilbahn Adliswil–Felsenegg
• Endpunkt
Zürich Hauptbahnhof
• Route
Von der Felsenegg auf dem Gratweg bis zur ehemaligen Burg Baldern. Weiter zum Uetliberg Kulm von dort via Fürstinnengrab (Sunnenbüel) zum Quellgebiet mit Nymphenweiher. Dann auf dem Hohensteinweg hinunter bis zur Station Triemli der Uetlibergbahn. Zug bis Zürich Hauptbahnhof. Die Strassen und Wege auf dem Uetliberg sind grösstenteils markiert. Auch auf besondere Orte (Grabhügel) wird hingewiesen.
• Wanderzeit
3 1/4 Stunden von der Bergstation Felsenegg bis Zürich Hauptbahnhof.
Varianten: Aufstieg Adliswil–Felsenegg, 1 Stunde, Spaziergang Zürich Hauptbahnhof – Fraumünster 15 Minuten.
• Einkehren
Restaurant auf der Felsenegg, Berggasthaus Uto Staffel, Restaurant Uto Kulm, Restaurant Gmüetliberg. Tipp: Teehaus Jurablick, idyllisch gelegenes Gasthaus mit lokalen Spezialitäten. Nur Freitag bis Sonntag geöffnet. Liegt in der Nähe des Grabhügels.
Weitere Informationen www.uetlibergverein.ch, www.szu.ch, www.erratiker.ch

Illustration: AT Verlag, Aarau, Foto: AT Verlag, Aarau natürlich

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