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Wollfett als Heilmittel

Kategorie: Natur
 Ausgabe_04_19 - 02.05.2019

Text:  Gundula Madeleine Tegtmeyer

Wollfett kann als sanftes Heilmittel vielerlei Beschwerden lindern und erobert sich vielerorts seinen Platz in der Hausapotheke zurück. Und auch unbehandelte Wolle erfährt eine Renaissance als altes Hausmittel.

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Selbst bei trübstem Wetter trotzen die zotteligen Vierbeiner ungerührt Wind und Kälte. Erstaunlich, ihre Widerstandskraft! Den Schutz vor Kälte und Feuchtigkeit verdanken Schafe nicht etwa ihrem dichten Fell, sondern vielmehr einem natürlichen Gemisch aus Fettsäuren und Fettalkoholen auf ihrem Fell, dem sogenannten Wollwachs, auch bekannt als Lanolin. Es ist Bestandteil zahlreicher kosmetischer Produkte, Heilsalben und Pflegecremes. Aus gutem Grund: Lanolin bindet Wasser und ist stark rückfettend. Schafe produzieren das Wollwachs in ihren Talgdrüsen, von wo es sich in ihrer dichten Wolle verteilt und dieser die kälteisolierende Wirkung, aber auch den charakteristischen strengen Geruch verleiht.

Kauf-Tipp

Kaufen Sie
möglichst Wolle von freilaufenden Schafen aus ökologischer Tierhaltung: Ihr Fell wurde nicht mit chemischen Substanzen behandelt. Die höchste Qualität hat die Wolle vom jeweiligen Sommer, wenn die Schafe zuvor auf der Alp weideten. Heilwolle von guter Qualität gibt es im Bioladen und in der Apotheke oder natürlich direkt beim Schäfer. Fragen Sie nach naturbelassener, gewaschener und gekämmter Schafwolle.

Naturbelassene und schonend verarbeitete Schurwolle behält viel des natürlichen Lanolins. Das macht sie als sanftes Heilmittel interessant, denn sogenannte Fettwolle wirkt entzündungshemmend, hautpflegend und durchblutungsfördernd. Dank der Wollwachsalkohole können die Wollfasern 38 Prozent ihres Eigengewichts an Feuchtigkeit absorbieren, ohne dass sich die Fettwolle feucht anfühlt. Zudem weist Fettwolle noch eine weitere wichtige Eigenschaft auf: Sie ist atmungsaktiv.

Tut gut



Anwendungs-Gebiete


Wunder Babypopo
Windel dünn mit Heilwolle auslegen, dabei die Bünde aussparen. Popo nicht eincremen.

Entzündete Brustwarzen der Mutter
Heilwolle in Form von Pads an entsprechender Stelle im Büstenhalter platzieren.

Ohrenschmerzen
Kleines Knäuel Heilwolle wie einen Ohrstöpsel in den äusseren Gehörgang einführen.

Rücken- und Gelenkbeschwerden
Eine Auflage mit Heilwolle kann entzündlichen Prozessen entgegenwirken.

Schmerzhafte Muskelverspannungen
Heilwolle löst eine gesteigerte Durchblutung des Gewebes aus, das kann Schmerzen lindern.

Erkältungen und Husten
Wickel mit Heilwolle können Linderung verschaffen. Allenfalls ein passendes ätherisches Öl auf die Heilwolle tröpfeln.

Entspannungsbad
Wenn Sie zuvor geprüft haben, ob Sie Fettwolle gut vertragen, können Sie ein sogenanntes «Wollbad» nehmen.
Dazu wird der ganze Körper in Wollfliesstreifen eingewickelt.

«Hebammen-Joker»
Bereits in der Antike wussten die Menschen um die pflegenden und heilungsunterstützenden Eigenschaften des Wollwachses. Im ersten Jahrhundert diente der griechische Arzt und Pharmakologe Dioskurides als Militärarzt den römischen Kaisern Claudius und Nero. In seinen Schriften bezeichnete er das Wollwachs als «Oesypus» und lobte seine heilende Wirkung. In den folgenden Jahrhunderten verlor das Naturprodukt dann allerdings an Bedeutung und geriet für lange Zeit in Vergessenheit. Erst im Jahr 1885 entdeckte der deutsche Pharmakologe Oskar Liebreich die besonderen Anwendungsmöglichkeiten der Fettwolle als sanftes Heil- und Hausmittel wieder.

Merinoschafe, eine Feinwollrasse ursprünglich aus Nordafrika und von den Arabern nach Andalusien eingeführt, liefern eine der hochwertigsten und feinsten Wollsorten. Das andalusische Klima ist milder, dies erklärt, warum ihre Wollfasern dünner und feiner sind. Zudem ist Merinowolle im Gegensatz zur Wolle anderer Schafrassen stark gekräuselt, weich, leicht und sehr elastisch. Und sie kratzt nicht. Das macht sie gut verträglich für Menschen mit sehr sensibler Haut. Diese Eigenschaften haben aber auch ihren Preis. Ausserdem gibt es kaum Merinowolle aus tierfreundlicher Produktion (siehe unseren Artikel von 01/02-2019).

Für weniger Empfindliche muss es nicht die teure Wolle der Merinoschafe sein, denn «die Merinowolle unterscheidet sich als Heilwolle ansonsten nicht von der Wolle anderer Schafe. Jede Schafwolle hat Fettanteil», versichert Barbara Giesiger, Schweizer Schäferin aus Berufung. Seit vielen Jahren ziehen sie und ihr Lebensgefährte mit ihren Schafen in den Wintermonaten durch den Kanton Bern; im Sommer hüten sie ihre Schafe auf der Mattenalm im Gauli.

Der deutsche Hebammenblog preist die Heilwolle als wahren « Hebammen-Joker» für den wunden Babypo, etwa bei Windel-Dermatitis, sowie bei Entzündungen der mütterlichen Brust, zur Nabelpflege und für Heilumschläge. Herkömmliche Wundcreme-Produkte enthalten Lanolin, häufig aber auch Konservierungsstoffe, Erdöl und weitere Zusätze. Diese Inhaltsstoffe können Allergien auslösen. Naturbelassene Heilwolle hingegen ist frei von Zusätzen. Das macht sie zu einer interessanten Therapie-Alternative.

Barbara Stemmler ist Hausgeburtshebamme mit Hebammenpraxis in Hombrechtikon (ZH). Auch sie verwendet Heilwolle, aber, und das betont sie: nie ausschliesslich. «Für mich ist Heilwolle wie eine liebende Hand, die sich über etwas Schmerzendes legt. Etwas Tröstliches, wie das ‹Heilesagen›: ein Zusatz, aber nicht die Therapie an und für sich.» Stemmler ist überzeugt, dass letztendlich etwas anderes heilt: die Zeit, das Zu-sich-Schauen, die Ruhe und Gespräche.

Tipps



Bei gesunder Haut
Für eine optimale Wirkung sollte die Fettwolle direkt mit der Haut in Berührung kommen. Fixieren Sie die Heilwolle mit einem Tuch, Verband oder Schal.

Bei offenen Wunden
Vermeiden Sie direkten Hautkontakt, denn die Wollfasern können die Haut mechanisch reizen und die Fasern sich mit der Wunde verkleben. Legen Sie eine Gaze über die Wunde und darauf die Heilwolle. Sollte die Wolle unangenehm kratzen, wickeln Sie sie in ein Seidentuch oder in Gaze. Verwenden Sie keine Cremes oder Salben. Sie reduzieren die Wirkung, da die Heilwolle dann keine Feuchtigkeit aufnehmen kann.

Hygiene
Wechseln Sie die Heilwolle nach jeder Anwendung. Lüften Sie die Heilwolle nach jeder Anwendung, am besten im Sonnenlicht.

Achtung
Bei Hauterkrankungen, die mit einer gestörten Hautbarriere einhergehen, ist Heilwolle nicht geeignet.

Hinweis
Heilwolle wirkt stark durchblutungsfördernd. Behandelte Stellen werden deshalb warm. Fettwolle kann darüber hinaus kribbelnde Reaktionen hervorrufen, mitunter auch leichtes Jucken auslösen. Treten gravierendere Beschwerden auf, sollten Sie die Therapie sofort abbrechen und eine Ärztin oder einen Heilpraktiker konsultieren.

Auffrischung und Aufbewahrung
Ist die Heilwolle ausgetrocknet, hilft ein kleiner Trick: Breiten Sie die Wolle über Nacht im Garten respektive auf dem Balkon oder der Terrasse aus. Die Fettwolle nimmt die Nachtfeuchtigkeit auf. Dann in einem gut verschlossenen Plastikbeutel aufbewahren.

Vielseitig anwendbar
Tabea Lüthi-Huber aus Wilen Gottshaus (TG) ist ebenfalls frei praktizierende Hebamme, zurzeit im Masterstudium Midwifery (Hebamme cand. MSc Midwifery). Auch sie wendet Heilwolle öfters an, und zwar bei wunden Brustwarzen ebenso wie bei wundem Babypo, aber auch bei Erkältungen und Ohrenschmerzen. «Die Heilwolle wirkt antibakteriell, entzündungshemmend, heilungsfördernd und beruhigend», erklärt sie. «Wunde Stellen behandle ich gerne mit Heilwolle in Kombination mit nativem Kokosöl oder Windelbalsam von Stadelmann. Die Wundheilung verläuft dann meistens sehr schnell. Die neu gebildete Haut wird auch nicht gleich wieder abgerissen beim Entfernen der Heilwolle, wie dies manchmal bei anderen Wundauflagen passiert.» Zudem sei Heilwolle sehr kostengünstig, da nur wenig davon gebraucht werde. «Meine Kinder haben sich bei Ohrenschmerzen auf ein Stück Heilwolle gelegt», fährt Lüthi-Huber fort, «offensichtlich lindert das den Schmerz. Und bei Erkältungen können Brustwickel mit Heilwolle gemacht werden. Diese kann man zusätzlich mit einem passenden ätherischen Öl beträufeln.»

Laut einiger Foren zum Thema Heilwolle soll diese selbst Migräne-Patienten Entspannung schaffen, Menstruationsschmerzen sowie Gicht und Rheuma lindern, für innere Ruhe und Ausgeglichenheit sorgen, den Körper und Geist in Einklang bringen und so den Stressabbau fördern. Wissenschaftliche Belege für die Wirkung der Fettwolle als sanftes Heilmittel fehlen indes. Trotzdem: Berücksichtigt man einige Anwendungshinweise sowie gesundheitliche Einschränkungen, ist bei vielen Wehwehchen eine Therapie mit Heilwolle allemal einen Versuch wert.

Fotos: iStock.com
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Kategorie: Garten

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