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Wintermärchen

Kategorie: Natur

Text:  Frances und Remo Vetter

Damit der Garten im Winter zum Märchenland wird, braucht es Schnee. Und einen etwas faulen Gärtner.

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«Jedes erlebte Gartenjahr macht uns als Gärtner und Menschen reifer und erfahrener.»

 
Frances und Remo Vetter

Der aufkommende Winter hüllt den Garten in einen ganz besonderen Zauber: Auf den grossflächigen Dolden des Fenchels formt der Schnee kleine Hütchen; und die verblühten, wattebauschigen Samenstände der Astern bekommen an frostigen Tagen ein ganz eigenes, neues Leben; von Schnee umhüllte Nadelbäume und stark verzweigte Gehölze strahlen eine beinahe feierliche Ruhe aus. Auch Vögel lassen sich jetzt schön beobachten, wenn sie die Saat aus den Dolden picken. Viele Pflanzen können den ganzen Winter über stehenbleiben, es sei denn, es kommt viel und sehr schwerer Schnee.

Wenn starker Frost Einzug gehalten hat, zeigt sich der Garten wie in einem Wintermärchen. Wenn dann noch die Sonne herauskommt, glitzert es zauberhaft, ja fast magisch. Und wenn der Mond in einer wolkenlosen, kalten Nacht auf die starren Schneeskulpturen im Garten scheint, ist das von einer aparten Schönheit. Solch eine fantastische Wintergartenwelt erlebt aber nur jener Gärtner, der seine Schere im Herbst im Zaum hält. Wir plädieren darum immer wieder dafür, möglichst viele Pflanzen den Winter hindurch stehen zu lassen.

Morgens mit einem wärmenden Tee durch den Schnee zu stapfen, die bizarren Eisblumen an den Sträuchern und Pflanzen zu bewundern und die Vögel bei der Futtersuche beobachten zu können, tut der Seele gut. Und es bringt Ruhe in den hektischen Alltag. Hin und wieder überraschen wir sogar ein Reh, das im Schnee nach grünem Gemüse auf den Beeten sucht. Die Hügelbeete dampfen an sonnigen Tagen und wenn es die Temperaturen erlauben, essen wir draussen mit Freunden und der Familie ein Fondue oder Raclette.

Üppige Ernte
Im Winter muss der Boden nicht umgegraben werden. Die nasse und harte Erde würde dabei nur unnötig verdichtet. Es gibt auch andere Meinungen und Ansichten zu diesem Thema: Einige raten zum Umgraben im Herbst, andere zur Brache und wieder andere (und dazu zählen wir uns) zum Nichtstun, sprich: belassen, wie es ist. Verschiedene Kleinlebewesen halten sich nur in ganz bestimmten Schichten; wenn wir diese Bodenschichten und Strukturen durch Umgraben oder mechanische Bearbeitung verändern, zwingen wir die Kleinlebewesen zu einem Leben in einer für sie ungünstigen Umgebung. Das beeinträchtigt ihre Arbeit und somit ihren Nutzen. Darum setzen wir lieber auf permanente Bepflanzung, Gründüngung sowie «Bodenkosmetik» mit Brennnessel und Beinwell-Auszügen. Diese einfache Art der Bodenpflege hat sich bewährt.

Die Wintermonate sind keinesfalls so mager, wie man vermuten mag. Mit etwas Wetterglück und ohne Fröste sind jetzt verschiedene Winterkohl-Sorten erntereif: Rosen-, Blumen-, Rot- und Weisskohl ebenso wie der unverwüstliche und besonders vitaminreiche Federkohl. Auch frisches Wurzelgemüse wie Rüben, Pastinaken, Knollensellerie und Steckrüben gibt es frisch aus dem Garten, ebenso Endivie, Winterportulak, Feldsalat und je nach Witterung sogar noch Kopfsalat und Rucola. Es gilt zu entscheiden, ob wir das Gemüse auf dem Beet belassen oder ernten und einlagern. Da wir einen relativ grossen Garten bearbeiten, leisten wir uns den Luxus, einiges auf dem Beet stehen zu lassen, mit dem Risiko, dass es erfriert. Wir sind der Überzeugung, dass Gemüse frisch aus dem Boden qualitativ und geschmacklich besser ist als eingelagertes.

Tonisierender Meerrettich
Der im Winter gestochene Meerrettich ist eine den ganzen menschlichen Organismus stärkende Wurzelpflanze. Aufgrund seines scharfen Geschmacks wird er gerne zu Fleischgerichten, Wurstwaren, Eintöpfen und Fisch gereicht. Nebst der Verwendung in der Küche wird Meerrettich als Heilmittel hauptsächlich bei Beschwerden der Verdauung, hartnäckigem Bronchialhusten und Lungenleiden eingesetzt. Nicht umsonst heisst die Pflanze auch «Antibiotikum der Bauern». Die wirksamen Inhaltsstoffe sind Senfölglykoside, Vitamin C, Vitamin B1, Flavonoide und Kaliumsalze. Aufgrund des scharfen Geschmacks kommt es zu einer Anregung von Magensaft und Gallensäure und damit zu einer appetitanregenden Wirkung. Nachgewiesen wurde auch eine krampflösende Wirkung auf die Muskulatur der inneren Organe. Gut bewährt hat sich Meerrettich auch bei Viren und Entzündungen. Deshalb halten wir ihn neben dem Roten Sonnenhut (Echinacea purpurea) für eine der wichtigsten Pflanzen, um gesund und grippefrei durch den Winter zu kommen.

Das Herz des Gartens
Das Früh- oder Treibbeet ist eine wertvolle Einrichtung, die in keinem Garten fehlen sollte. Es ist sozusagen das Herz des Kleingartens. Dank ihm kann man schon im zeitigen Frühjahr erste Aussaaten vornehmen. Die Lage sollte sonnig und in Nähe des Hauses gut zugänglich sein. Ein Frühbeet kann man fertig im Gartenfachhandel kaufen oder aber selbst bauen.

Wir verwenden dazu Lärchenholzriemen von 6 Zentimetern Stärke, 30 Zentimetern Höhe und zirka 400 bis 500 Zentimetern Länge. Als Beetbreite hat sich ein Mass von 120 bis 150 Zentimetern bewährt, sodass man bequem von beiden Seiten bis zur Mitte hin arbeiten kann. Je nach der gewünschten Höhe des Frühbeets bringen wir auf der einen Seite zwei bis drei Riemen und auf der gegenüberliegenden Seite drei bis vier Riemen an. Die Stabilisierung der aufeinander gesetzten Riemen erfolgt mittels Dachlatten, die wir im Innenbereich mit den Riemen verschrauben.

In den unteren Bereich des Treibbeets geben wir 30 bis 40 Zentimeter mässig gestampften Pferdemist und darüber eine zirka 10 Zentimeter dicke Schicht Brennnessel- und Beinwellblätter als Starthilfe und Dünger. Das Ganze decken wir mit 10 bis 15 Zentimetern guter Gartenerde. So schaffen wir beste Voraussetzungen für die Jungpflanzenanzucht und später im Jahr für die Tomaten und wärmeliebenden Gemüse. Bei Letzteren geben wir nach der Pflanzung gleich noch eine Brennnessel- und Beinwellpackung rund um die Jungpflanzen, sodass eine weitere Düngung während der Wachstumsperiode bis zur Ernte nicht mehr nötig ist.

Zum Schliessen des Frühbeets nehmen wir Fenster oder stabilen Hartplastik aus dem Baumarkt oder Gartencenter. Zum Lüften der Fenster benötigen wir Hölzer aus Dachlatten. Zur Beschattung an heissen, sehr sonnigen Tagen verwenden wir Schilfmatten oder Vlies, die wir auch in Nächten mit Frostgefahr nutzen.

Wie eingangs erwähnt wird das Treibbeet im Frühjahr hauptsächlich für die Setzlingsanzucht gebraucht. Im Sommer eignet es sich für wärmebedürftige Gemüse wie Tomaten, Gurken oder Peperoni. Im Herbst und jetzt im Winter dient es für Feldsalat, Winterportulak und zum Überwintern von Lagergemüse.

 «Es gilt zu entscheiden, ob wir das Gemüse auf dem Beet belassen oder ernten und einlagern.»

 Winterarbeit in Kürze

Nutzgarten

● Auch wenn der Garten für den Winter vorbereitet wird, räumen wir nicht alles ab: Stauden, die Samen und Samenkapseln besitzen, bleiben stehen, etwa Feuerbusch (Diphtam), Stockrosen, Gewürzfenchel und Sonnenhut. Sie sind bezaubernder Schmuck im Garten, besonders wenn sich Reif über sie legt.

● In dieser Jahreszeit nisten viele Nutzinsekten in den Stämmen, Stengeln und Insektenhotels. Sie bereiten sich auf das kommende Jahr vor, um dann gegen Schädlinge vorzugehen. Darum ist es wichtig, den Garten nicht gänzlich aufzuräumen, sondern Gras, Laub, Ast und Steinhaufen an verschiedenen Stellen auf dem Gelände zu belassen, auch damit Igel, Blindschleichen, Salamander, Kröten und Frösche Unterschlupf finden.

● Abgeräumte Beete vor Frost schützen – dazu Kompost und Mulch ausbringen. Grasschnitt und Gartenabfälle schützen vor Nährstoffverlust. Diese Abdeckung kommt in einer etwa ein bis zwei Zentimeter dicken Schicht auf die abgeräumten Beete. Die Mikroorganismen im Boden benötigen eine ausreichende Luftzufuhr, um die Pflanzenteile in nährstoffreichen Humus zu verwandeln. Zu dicke Schichten ersticken den Boden und führen zu Fäulnis.

● Die Beete noch einmal von Unkraut befreien. Leicht verrottbares Laub auf die Beete verteilen.

● Unter Bäumen und Sträuchern lassen wir das gefallene Herbstlaub liegen. 

● Schwer verrottbares Laub schreddern wir vor dem Kompostieren. Dazu gehören zum Beispiel Walnuss-, Eichen-, Kastanien- oder Pappelblätter. Es sollte mit anderen organischen Materialien wie Rasenschnitt, kleinen Zweigen oder Küchenabfällen gemischt werden. Der Laubanteil sollte nicht mehr als etwa ein Fünftel betragen.

● Pflanzung von wurzelnackten Bäumen und Sträuchern an frostfreien Tagen.

● Schnitt von Obstbäumen und Beerensträuchern, ehe der Boden zu kalt und zu nass wird.

● Beete eventuell mit Folie abdecken, um Pflanzen vor starkem Regen und Frost zu schützen.

● Es ist Zeit, den Chinakohl zu ernten, wobei er leichten Frost ohne Probleme übersteht. Chinakohl ist leicht verdaulich und enthält viel Vitamin C, Ballaststoffe sowie Spurenelemente.

● Die Haupterntezeit von Rosenkohl ist von November bis Mitte Januar. Leichter Frost schadet ihm nicht, im Gegenteil: Er sorgt dafür, dass die Röschen das richtige Aroma erhalten, denn durch die Minusgrade erhöht sich deren Zuckergehalt. In sehr rauen Gegenden mit anhaltendem Frost sollte man Rosenkohl jedoch mit Vlies oder Reisig schützen.

● Lauch, Endivie, Feldsalat, Radicchio, Fenchel, Pastinake, Rettich, Rote Beete, Schwarzwurzeln, Topinambur, Blumenkohl, Brokkoli, Weisskohl sollten jetzt geerntet werden.

Ziergarten

● Die Kübelpflanzen brauchen einen Frostschutz. Tontöpfe nicht direkt auf den Boden stellen, damit das Wasser ablaufen kann. Andernfalls besteht die Gefahr, dass sich das Stauwasser beim Gefrieren ausdehnt und die Töpfe sprengen.

● Zimmerpflanzen in Fensternähe so platzieren, dass sie ausreichend Tageslicht bekommen, jedoch nicht in der prallen Sonne stehen.

● Amaryllis-Zwiebeln eintopfen.

● Letzte Blumenzwiebeln für die Frühlingsblüte in Garten und Balkongefässe setzen.

● Frostgefährdete Wasserleitungen und Wasserbecken im Nutz- und Ziergarten entleeren.

● Ab Dezember fällt vielerorts Schnee; ab Januar ist mit verstärktem Schneefall zu rechnen. Um Schneebruch zu vermeiden, muss der Schnee von Bäumen, Sträuchern und Hecken abgeschüttelt sowie von den Dächern der Treibhäuser und Frühbeete weggeräumt werden.

 

«Vögel lassen sich jetzt schön beobachten, wenn sie ausgelegtes Futter oder die Saat aus den Dolden picken.» 

Rezept
Meerrettich-Schaum


Meerrettichwurzel ausgraben, waschen und schälen. Anschliessend fein raffeln und mit Schlagrahm, Zitronensaft und Fleur de Sel abschmecken. Meerrettich-Schaum passt ideal zu Fleisch, Fisch, Wurst und Geschwellten. Die Menge der geraffelten Meerrettich-Wurzel richtet sich nach dem gewünschten Schärfegrad. Wer es nicht so scharf mag, raffelt etwas Apfel dazu.

 

* Frances und Remo Vetter sind als freischaffende Gartengestalter, Referenten und Buchautoren unterwegs.

Fotos: dave brüllmann, at verlag| www.at-verlag.ch | www.istock.com
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