Artikel Natur :: Natürlich Online

Weckruf der Vögel

Kategorie: Natur
 Ausgabe_03_18 - 01.03.2018

Text:  Eva Rosenfelder

Zum Sonnenaufgang geben die Vögel von Frühling bis Sommer nicht nur ein prächtiges Konzert – ihre melodiöse «Vogeluhr» terminieren sie auch noch erstaunlich exakt.

@ unsplash.com

Gehören sie etwa noch zu den Menschen, die sich mit elektronischen Klängen oder Lichtreizen aus dem Reich der Träume reissen lassen? Seien Sie versichert, es gibt etwas viel Besseres. Wer im Frühjahr und Sommer das Schlafzimmerfenster weit öffnet, kommt, wenn er nicht gerade an einer vielbefahrenen Strasse wohnt, in den Genuss eines vielstimmigen Vogelkonzertes der wunderbarsten Art. Was die verschiedenen Arten darbieten, motiviert, in aller Frühe aus den Federn zu kriechen. Wer seine Sinne schärft, darf sich im wahrsten Sinne des Wortes «erwecken» lassen.

Besonders intensiv singen Vögel zur Brutzeit; vom Spätwinter (Februar) bis etwa Ende Juli also. Danach gehen die Jungvögel bereits in die Selbstständigkeit und die Mauser beginnt. Sie verharren dann eher still und verstecken sich, weil ihre Flugfähigkeit reduziert ist. Das absolute Konzert-Highlight findet von Ende April bis Anfang Juni statt; dann bieten besonders viele Arten ihren Gesang feil.

Die meisten Gesangskünstler tirilieren frühmorgens am intensivsten. Das ist auch die beste Zeit für ungeübte Ohren, den Vögeln zu lauschen. Jede Art gibt ihr eigenes Konzert zu einem anderen Zeitpunkt. Nachtigall und Sumpfrohrsänger beginnen bereits, wenn es noch stockdunkel ist, die meisten Arten folgen vor Sonnenaufgang oder mit diesem; dann zwitschern noch einige Langschläfer, bis das Morgenkonzert wieder verstummt.

Jedem Vogel seine Zeit

Vorgegeben wird das vielstimmige Konzert durch die zunehmende Tageshelligkeit. Zwar singen einige Arten wie erwähnt schon, wenn es noch stockdunkel ist, etwa Garten- und Hausrotschwanz; auch Rauchschwalbe und Singdrossel gehören zu den Frühaufstehern und konzertieren rund eine Stunde vor Sonnenaufgang. Das eigentliche Konzert wird aber mit der Dämmerung eingeläutet. Unsere heimischen Singvögel richten sich dabei nach ihrer inneren Uhr, die durch verschiedene Einflüsse gesteuert wird, hauptsächlich eben durch den Sonnenaufgang, der wiederum durch die Jahreszeit beziehungsweise den Sonnenstand im Jahreslauf. Massgebend ist dabei auch der örtliche Breitengrad, in dem sich die Vögel befinden. Die «Vogeluhr» richtet sich zudem nach dem lokalen Wetter und nach weiteren Umweltbedingungen wie etwa Lärm. Insgesamt ist sie erstaunlich exakt. Dem Elektronik-Wecker allerdings entspricht sie nur ungefähr.

Im Sommer beginnen bei uns demnach die Vögel zeitiger zu singen als im Herbst und Winter. Doch die Zeitdifferenz zwischen Sonnenaufgang und Beginn des Vogelgesangs bleibt immer und überall nahezu gleich. Der Grad der Morgendämmerung ist der für jede Art typische Weckreiz. Vögel sind sensitiv für ein ähnliches Lichtspektrum wie wir Menschen; doch sie können auch Magnetfeldlinien und UV-Licht erkennen. Welche Vogelart welche Spektren wahrnehmen kann, ist bis jetzt noch wenig erforscht. Man weiss aber, dass die Wahrnehmung von Helligkeit von der Anzahl der Stäbchen auf der Retina und ihrer neuronalen Verschaltung abhängt; und dass diese von Art zu Art variiert, sodass vermutlich jede Vogelart die Helligkeit etwas anders wahrnimmt.

Erhört werden

Die erstaunlich exakte Vogeluhr hat den biologischen Sinn, dass die Sänger – bei den meisten Arten singen ausschliesslich Männchen – bereits zu früher Stunde brutwillige Weibchen anlocken und ihr Revier hörbar abgrenzen. Würden alle Arten gleichzeitig singen, wäre es für die Gefiederten sehr schwierig, die Reviergrenzen feststellen zu können und es käme deshalb ständig zu kräftezehrenden Revierstreitigkeiten. Die umworbenen Damen finden so ihre entsprechenden Artgenossen ebenfalls zu ihrer Zeit.

Die Solo-Gesangszeiten der einzelnen Arten werden an die Nachkommen weitergegeben; sie haben sich also evolutionär eingependelt. Jungvögel erlernen die Uhr jeweils «by doing», also spätestens, wenn sie ihre ersten Balzversuche unternehmen. Bis zu hundert Tage kann es dauern, bis die Gesangskunst bei den jungen Piepmätzen richtig sitzt und sie die Vogelsprache vollumfänglich erlernt haben. Besonders die Lautstärke macht dabei die Musik: Je lauter ein Männchen trillert, desto besser schätzen die Vogelweibchen seinen körperlichen Zustand ein, weshalb sie ihn im Hinblick auf gesunden Nachwuchs bevorzugen. Aber auch besondere Kreativität im Gesang – also ein gewisses Repertoire an Strophen und Gesangselementen – wirkt attraktiv und verstärkt die Revierverteidigung.

Soziallaute und fröhliches Geplauder

Ist das Morgenkonzert vorbei, wird es ruhiger. Meist verebbt in den Mittagsstunden der Vogelgesang ganz und schwillt erst im Laufe des Nachmittags langsam wieder an. Bis zum Sonnenuntergang wird er dann merklich gesteigert. Zum Ende des Tages beenden die Vögel ihren Gesang wieder in derselben Reihenfolge, wie sie am Morgen losgelegt haben.

Einige Vögel singen zwar auch tagsüber, doch da ist es einiges schwieriger, ihre Stimmen zu differenzieren. Denn nachmittags singen alle Vögel durcheinander und zu den Reviergesängen gesellen sich auch noch verschiedenste «Soziallaute». Für Laien ist es sehr schwierig, diese mannigfaltigen Laute einer Art zuzuordnen, zumal sich das muntere Geplauder und Tirilieren häufig artenübergreifend ähnelt.

Am besten besorgt man sich verschiedene Vogelstimmen-CDs und vergleicht, ob mehr als nur typische Reviergesänge darauf zu hören sind. Wer es aber wirklich wissen möchte, begibt sich am besten mit Bestimmungsbuch, Fernglas und sehr viel Musse hinaus in die Natur. Mit etwas Geduld und Stille lassen sich die Sänger vor Ort beobachten und zuerst mal optisch bestimmen. Mit der Zeit wird man sich so auch die Vogelsprache aneignen. Ein guter Anfang ist es, den gängigen Vögeln in der näheren Umgebung auf die Spur zu kommen und deren Ausdrucksweisen zu erlernen, ähnlich wie eine Fremdsprache. Auch dabei braucht es viel Übung und mit Vorteil einen Aufenthalt im fremdsprachlichen Raum. Bei den Vögeln sind das Wald und Flur.

Im Takt der Technik

Es ist nicht verwunderlich, dass künstliches Licht und Lärm der Städte den feinen biologischen Rhythmus der Vögel verändern und Einfluss nehmen auf ihre innere Uhr und ihr Singverhalten. So werden einige Arten in der Stadt zu regelrechten Schreihälsen und verschaffen sich auf sehr lautstarke Weise Gehör. Andere erfinden originelle Variationen oder verändern ihren natürlichen Singrhythmus.

Die Nachtigall etwa, deren Männchen nachts mit ihrem kunstvollen Gesang um die Wette singen, erhöht ihre eigene Singlautstärke und schreit besonders gegen Morgen, wenn der Berufsverkehr einsetzt, gegen den Lärm an, was sie viel Kraft kostet. Die Kohlmeise wiederum pfeift in der Stadt höher und schneller, verkürzt jedoch ihren Gesangsauftritt. Und das Rotkehlchen hat seinen Rhythmus komplett verändert: Mit seinem leisen und perlenden Gesang weicht es in die stillen Nachtstunden aus, was für einen nicht nachtaktiven Vogel weniger Ruhephasen bedeutet und zu Stress führt. Auch Stadtamseln sind am Abend fast vierzig Minuten länger aktiv als ihre ländlichen Artgenossen.

Die Vögel sind – wie auch viele Menschen – diesen höheren Stressfaktoren ausgeliefert; doch erfinden sie immer neue Varianten, um mit diesen umzugehen: In der Vogelwelt findet Evolution regelrecht im Zeitraffer statt. Es bleibt zu hoffen, dass den entzückenden Sängern, deren Stimmen mitunter gar als Inspirationsquelle für die menschliche Musik gelten, die Kraft und Kreativität erhalten bleibt, um mit unserem Tempo und Lärm mitzuhalten.

Heilende Vogelstimmen

Klangforscher haben festgestellt, dass die Obertöne der Vogelstimmen das menschliche Gehirn positiv beeinflussen. Die Vielfalt der Vogelstimmen regt die Netzwerke des Gehirns an und sorgt für mehr Gelassenheit und Entspannung des Nervensystems. Leises Vogelgezwitscher, etwa beim Lernen, lenkt die neuronalen Netzwerke ab und bindet die Aufmerksamkeit der Teile, die sonst für Zerstreuung sorgen.

Dass der Gesang der Vögel fürs menschliche Gemüt, aber auch für die Gesundheit eine Wohltat ist, zeigen diverse Versuche und Studien. So wurde am Georg-Elias-Müller-Institut für Psychologie der Universität Göttingen mit verhaltenstherapeutischen Kursen in Selbsthypnose ein neuer Ansatz für die Behandlung von Schmerzpatienten entwickelt: Patienten mit Rückenschmerzen, Migräne oder Rheuma absolvierten zwei Diagnose-Sitzungen und neun wöchentlich stattfindende Therapie-Sitzungen. Sie lernten dabei, sich durch das Abspielen von Vogelgezwitscher selber zu hypnotisieren. Der Verbrauch an Schmerzmitteln konnte in der Folge bis zu 75 Prozent gesenkt werden! Im Sportkrankenhaus Hellersen im deutschen Lüdenscheid wiederum behandelte man chronische Verspannungskopfschmerzen erfolgreich mit Vogelstimmen. Beruhigend wirkt der Gesang der Gefiederten offensichtlich auch auf Schreibabys, denen auf Empfehlung zahlreicher Psychologen zur Beruhigung CDs mit Naturgeräuschen und Vogelgesang vorgespielt wird.

Wer also so oft wie möglich mit den Vöglein und den ersten Sonnenstrahlen erwacht, darf sich gewiss sein, für Körper und Seele Gutes zu tun – und gleichzeitig aller Hektik zum Trotze den Bezug zur «richtigen», durch den Tageskreis der Sonne vorgegebenen Zeit nicht zu verlieren.

Buchtipps
• Walther Streffer «Magie der Vogelstimmen. Die Sprache der Natur verstehen lernen», Freies Geistesleben 2005, Fr. 52.90 (mit Vogelstimmen-CD)
• Andrea Köhrsen, Jean Roché «Wer singt denn da?», Kosmos 2017, Fr. 16.90 (mit Vogelstimmen-CD)
• Peter Berthold «Mein Leben für die Vögel», Kosmos 2016, Fr. 28.90
• Ralph Müller «Die geheime Sprache der Vögel. Den Vögeln lauschen, sich berühren lassen, von ihnen lernen», AT Verlag 2010, Fr. 41.90

Foto: unsplash.com

Tags (Stichworte):

Kategorie: Natur

Die Steinheiligen

Husten, Liebeskummer, Zahnweh – sogenannte Heilsteine werden bei allen...

Kategorie:

Kategorie: Garten

Üppige Pracht des Herbstes

Sie ist die Herbstblume schlechthin.