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Der Reiz des Schönen

Kategorie: Natur
 Ausgabe_10/17 - 01.10.2017

Text:  Remo Vetter

Nicht die offenkundige Schönheit ist das Höchste, sondern die verhüllte, lehrt das japanische ästhetische Konzept Wabi-Sabi. Das sollten sich besonders Gärtner zu Herzen nehmen, die keine Zeit für nichts haben.

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In den letzten Monaten habe ich verschiedentlich das Dilemma zwischen Entfaltung und Verwahrlosung des Gartens beschrieben. Damit ich nicht falsch verstanden werde: Es geht mir nicht darum, den Garten verwahrlosen zu lassen, im Gegenteil: Sich mit dem Projekt Garten anzufreunden, ist das Ziel. Doch sehr oft sagen Besucher unseres Gartens, dass ihnen die Zeit zum Gärtnern fehle. Im Sinne von: Wenn ich es nicht perfekt machen kann, lasse ich lieber die Finger ganz davon. Doch das ist schade. Denn gerade das nicht Perfekte hat seinen besonderen Reiz.

Es gibt einen Begriff, den meine Geliebte und ich immer wieder verwenden, und wir wissen stets haargenau, was der Andere gerade damit meint: «Wabi-Sabi». Wabi-Sabi ist ein japanisches philosophisches Konzept der Wahrnehmung von Schönheit. Nicht die offenkundige Schönheit gilt als das Höchste, sondern die verhüllte; nicht der unmittelbare Glanz der Sonne, sondern der gebrochene des Mondes. Der bemooste Fels, das grasbewachsene Strohdach, die knorrige Kiefer, der Kupfer-Kessel mit Patina. Es geht um die Hoheit, die sich in der Hülle des Unscheinbaren verbirgt, um die herbe Schlichtheit, die dem Verstehenden alle Reize des Schönen offenbaren. In diesem berühmten Vers schwingt das Wabi und Sabi mit: «In den Wäldern drüben, tief unter der Last des Schnees, ist letzte Nacht ein Pflaumenzweig erblüht» (unbekannter chinesischer Dichter).

Nützlinge im Garten

Die Fledermaus – effiziente Insektenjägerin
Die Fledermaus ist in unserem Garten ein dankbarer und gerne gesehener Nützling. Speziell in der Abenddämmerung kann man diese besonderen Flugakrobaten beobachten. Leider werden sie oft mit negativen Geschichten in Verbindung gebracht, was aber völlig unangebracht ist. Die bei uns heimischen, nachtaktiven Fledermausarten ernähren sich ausschliesslich von Insekten, welche sie meist direkt im Flug erbeuten. Fledermäuse haben schlechte Augen, dafür aber eine gute Nase. Ausserdem orientieren sie sich mithilfe des Echolotes und können so selbst sehr kleine Insekten oder für sie gefährliche Hindernisse wie Äste, Mauern oder Zäune genauestens orten und an- respektive umfliegen. Unsere heutige Bauweise bietet den Fledermäusen nur wenige Möglichkeiten sich anzusiedeln. Wenn wir den Fledermäusen etwas Gutes tun wollen, müssen wir einheimisches Gehölz und Unterschlupfmöglichkeiten am Haus anbringen. Fledermäuse benötigen eine ausreichende Menge an Nahrung wie Stechmücken, Läuse und andere in unserem Garten ungebetene Schädlinge. Wichtig ist, dass wir auf chemische Pflanzenschutzmittel verzichten.

Kleiner Wurm mit grosser Bedeutung.
Der Regenwurm kann bis zu zu 25 Zentimeter lang und acht Jahre alt werden und je nach Art bis zu zwei Meter tief graben. Er ernährt sich überwiegend durch das Aufnehmen von Erde, aus der er verrottete Pflanzenteile entnimmt und verwertet. Die ausgeschiede Erde ist sehr förderlich für verschiedene Mikroorganismen im Gartenboden. Regenwürmer lockern, lüften und vermischen das Erdreich, befördern organisches Material in die Unterschichten und sind so massgeblich an der Bodenfruchtbarkeit und der Bodenqualität beteiligt. Die Winterzeit verbringt der Regenwurm in tiefen geschützten Lagen in einer Art Kältestarre. Natürliche Feinde des Regenwurms sind unter anderem, viele Vogelarten, Maulwürfe, Igel und Ameisen. Persönlich halte ich den Regenwurm für einen der wichtigsten Nützlinge im Garten. Er hat unseren früher schweren Lehmboden in 35 Jahren zu einem krümeligen gut durchlüfteten Gartenboden gemacht.

Wenn ein Garten oder auch ein Objekt in uns ein Gefühl der tiefen Melancholie und eines spirituellen Sehnens hervorruft, dann kann man sagen: Dieses Objekt, dieser Garten ist Wabi–Sabi. Wabi-Sabi anerkennt drei einfache Wahrheiten: nichts bleibt, nichts ist abgeschlossen und nichts ist perfekt. Und so kommt es des Öfteren vor, dass sich bei der Betrachtung von etwas Wunderschönem unsere Blicke treffen, und wir beide sagen aus einem Mund: «Wabi-Sabi», und wissen, was der Andere empfindet.

Mein lieber Freund Markus Kellenberger hat vor Kurzem ein wunderbares Buch mit dem Titel «Draussen schlafen» geschrieben. Ehrlich gesagt habe ich schon eine Weile nicht mehr unter freiem Himmel geschlafen, denn bei uns am Waldrand im tiefen Appenzellerland hat es eine Unzahl von «wilden Tieren», Füchse, Marder, Siebenschläfer, Dachse usw. Dennoch will ich es mit Markus’ Tipps mal versuchen. Vielleicht sogar die Ferien in wilder Natur verbringen, von dem Leben, was der Wald hergibt, von Pilzen, Flechten und Insekten! Vielleicht erlege ich ein Reh, ein Versuch wäre es wert! . . . Aber, ehm, wenn ich es mir recht überlege, versuch’ ichs erst mal mit einer Nacht im Garten.

Gartenarbeit im Oktober
• Kräuter wie z. B. Majoran, Oregano, Thymian und Basilikum ernten und trocknen.
• Bei Nachtfrösten empfindliche Gemüsesorten mit Winterschutzvlies schützen.
• Nicht mehr genutzte Parzellen im Gemüsegarten mit Gründüngung verwöhnen.
• Winterlager für Gemüse und Obst anlegen.
• Winterquartier für den Igel anlegen. Dazu auf Rasenflächen und im entfernten ruhigen Bereich des Gartens Laub und Reisighaufen aufschichten.
• Verblühte Pflanzen (Stauden) auf den Beeten bis im Frühjahr liegenlassen – zum einen als Frostschutz zum anderen als natürlicher Dünger.
• Rasen noch einmal mähen – dabei Messer nicht zu tief ansetzen. Anschliessend den Mäher reinigen, evtl. in Service geben, um Öl zu wechseln und Messer schärfen zu lassen. So ist er im Frühjahr funktionstüchtig.
• Rückschnittarbeiten an mehrjährigen Gehölzen.
• Rosen nur leicht zurückschneiden und störende Triebe entfernen. Der eigentliche Rückschnitt erfolgt im Frühjahr nach dem Frost.
• Empfindliche Stauden und Gehölze mit Vlies oder Tannenzweigen abdecken und einpacken, um vor Frost zu schützen.
• Kübelpflanzen einwintern: Mit Vlies einpacken, auf Styroporplatten stellen, damit die Töpfe nicht Feuchtigkeit aufnehmen, frieren und zerbersten.
• Komposthaufen umsetzen und reifen Kompost auf Beete, Rabatten und unter Gehölzen verteilen.
• Gute Zeit für das Stecken von Blumenzwiebeln für das kommende Frühjahr.
• Ziergräser den Winter über stehen lassen. Sehen im Frost sehr schön aus und bieten Vögeln Nahrung. Nicht standfeste Gräser zusammenbinden.

Ein Erdofen im Garten. Zum draussen schlafen gehört auf jeden Fall das draussen essen, auch im Garten. Eine Cervelat am Stecken über der Glut des Lagerfeuers gegrillt, ist etwas wunderbar einfaches, Urschweizerisches. Auch die Zubereitung von Fleisch und Gemüse im Erdofen hat eine lange Tradition, ist hierzulande aber leider etwas in Vergessenheit geraten. Schon unsere Vorfahren schmorten und garten erlegtes Wild im Erdofen. Diese Art der Zubereitung ist ein rustikales Highlight jeder Gartenparty, gerade jetzt im Herbst, wo alles im Garten reif ist, die Tage kürzer werden und wir wieder die Wärme des Feuers schätzen.

Einen Erdofen bauen ist ganz einfach. Zuerst hebt man eine Kuhle aus. Die Grösse richtet sich nach der zu garenden Menge. Dann bedeckt man den Grund der Kuhle mit grossen Steinen. Sie übernehmen später die Funktion der «Unterhitze». Anschliessend entfacht man auf den Steinen ein zünftiges Feuer. Brennt es gut, gibt man weitere Steine um und auf das Feuer. Dabei gilt es, geduldig zu sein und dem Feuer genügend Zeit zu geben, sodass sich die Steine zünftig erhitzen können. In der Zwischenzeit präparieren wir das Fleisch, die Kartoffeln und Gemüse aus dem Garten, indem wir sie mit etwas Olivenöl einreiben und mit Kräutern und Knoblauch würzen. Alles wird in Alufolie oder in wassergetränkte Rindenteile oder Bananenblätter gepackt. Wenn das Feuer abgebrannt ist, entfernen wir die oberen Steine mit Handschuhen (Vorsicht, heiss!). Sie dienen später als «Oberhitze».

Nun legen wir das Fleisch, die Kartoffeln und das Gemüse in die Mitte der Kuhle auf die heissen Steine und belegen das in Alufolie, oder Blätter gehüllte Gargut mit den zuvor beiseitegelegten Steinen. So eingepackt garen Fleisch, Kartoffeln und Gemüse unter der Resthitze der zuvor erhitzten Steine. Je nach Fleischgrösse (wir verwenden meist grössere Teile) dauert dieser Garprozess zwei bis vier Stunden. Nicht nur Kinder haben einen Riesenspass daran, einen Tag draussen zu verbringen, ein zünftiges Feuer zu entfachen und wie die Indianer in der Erdgrube zu kochen. Und anschliessend vielleicht sogar draussen zu schlafen.

Zur Person
Remo Vetter wurde 1956 in Basel geboren.1982 stellte ihn der Heilpflanzenpionier Alfred Vogel ein. Seither ist Vetter im A. Vogel Besucherzentrum in Teufen Appenzell Ausserrhoden tätig.



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