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Ein Blatt mit Kraft

Kategorie: Garten
 Ausgabe_11/2016 - 01.11.2016

Text:  Christine Wullschleger

Grüntee ist purer Genuss – und er soll vor diversen Krankheiten schützen. Zu Besuch bei Teepionier Peter Pppliger auf dem Monte Verità, der einzigen Teeplantage des europäischen Festlandes.

@ zvg, istockphoto.com

Ein vielstimmiges Grunzen. In den Büschen raschelt es, dann rennen drei junge Wildschweine quer durch die Teeplantage auf dem Monte Verità ob Ascona. Peter Oppliger verscheucht sie armwedelnd. Widerwillig trotten die Wildschweine davon, aber nur bis zum Zen-Brunnen, wo sie ein Bad nehmen. Offensichtlich fühlen sich die Wildschweine hier wohl. «Am liebsten graben sie zwischen den Teepflanzen nach Eicheln und pflügen die Erde um», ärgert sich Oppliger. «So zerstören sie die Wurzeln der Teepflanzen. Deshalb haben wir die Plantage eingezäunt.» Manchmal findet das Borstenvieh aber einen Weg in die Plantage – und dann bricht Hektik aus bei Oppliger und seinen Mitarbeitern. Sind die Wildschweine vertrieben, legt sich Stille auf die Teeplantage. Es ist ein ruhiger, kraftvoller Ort. Oppliger hat vor gut zehn Jahren auf dem «Berg der Wahrheit» angefangen, Tee zu kultivieren.

Der 76-Jährige ist Spezialist für Naturheilkunde und war vor seiner Pensionierung Inhaber einer Drogerie und Apotheke. «1964 bin ich auf der Suche nach meiner Wahrheit nach Indien gegangen. Die Wahrheit habe ich zwar nicht gefunden, aber die Teepflanze», erzählt Oppliger, während er durch die Plantage spaziert mit seinem weissen, gepflegten Bart und dem Strohhut; die Brille hat er in der Brusttasche seines beigen Hemdes verstaut. Seit jener Indienreise habe ihn die Pflanze nicht mehr losgelassen, erzählt Oppliger. Heute bezeichnet er sich selbst als Teephilosophen – als Mensch, der sich mit viel Leidenschaft allen Facetten des Tees widmet.

Ein mystischer Ort.
Deshalb hat er in der rund 2500 Quadratmeter grossen biologisch bewirtschafteten Plantage auf dem Monte Verità auch einen kleinen Zen-Garten mit Pavillon anlegen lassen. Denn das Teetrinken ist für Oppliger unweigerlich mit der Zen-Philosophie und deren vier Aspekten Harmonie, Respekt, Reinheit und Ruhe verbunden. Der Teephilosoph lässt sich auf einer Holzbank im japanischen Garten nieder, legt seinen Strohhut behutsam neben sich und atmet tief ein und aus. Dann erzählt er weiter. Dass er 2005 die Möglichkeit bekam, oberhalb von Ascona Teepflanzen zu kultivieren, habe er einem erfolgreichen ersten Versuch zu verdanken: Zwei Jahre zuvor hatte Oppliger auf den Brissago-Inseln 80 Teepflanzen angepflanzt und festgestellt, dass die klimatischen Bedingungen für das Gedeihen der Pflanze im Tessin ideal sind. Mittlerweile wachsen 1400 Teepflanzen auf dem Monte Verità, der mit seinen rund 320 Metern über Meer mehr Hügel als Berg ist. Die Plantage ist die einzige auf dem europäischen Festland.

Die Anlage im Park des Monte Verità hat Oppliger «Cultura del Tè» genannt. Sie umfasst neben dem Weg durch die Plantage und dem Zen-Garten auch ein japanisches Teehaus, wo regelmässig Teezeremonien durchgeführt werden. «Weil der Monte Verità ein spezieller und mystischer Ort ist, passt die Cultura del Tè besonders gut hierher, nicht nur aus klimatischen, sondern auch aus kulturellen und geschichtlichen Gründen», sagt Oppliger. Auf dem Monte Verità haben vor rund hundert Jahren Lebenskünstler eine Gemeinschaft gegründet. Ihr gemeinsames Ziel war eine gesunde, vegetarische Lebensweise. Die Gründer wanderten später aus, das Anwesen wurde verkauft, es entstand ein Hotel. Heute werden Hotel und Park von der kantonalen Stiftung Fondazione Monte Verità verwaltet.

Heilwirkung oder purer Genuss. Dreimal im Jahr wird auf der Teeplantage des Monte Verità geerntet. Von Hand – rund sechs bis acht Kilogramm pro Jahr, abhängig von der Witterung. Nach der Ernte werden die Blätter kurz gedämpft, getrocknet und von Hand gerollt. Der Monte Verità-Grüntee ist meist schnell ausverkauft; es gibt sogar Wartelisten. Oppliger erhebt sich von der Bank und streift weiter durch seine Plantage, zwickt hier und da ein Teeblatt ab, begutachtet es und sagt: «Die Teepflanze ist die faszinierendste aller Heilpflanzen.» Das Spektrum der Heilwirkung sei so gross wie bei keiner anderen Heilpflanze. Die Teepflanze wirke aber nicht in jedem Fall heilend. «Durch verschiedene Verarbeitungsprozesse können aus der Pflanze echte Tees wie Grüntee, Schwarztee oder Weisser Tee hergestellt werden», erklärt Oppliger. «Die grösste Heilwirkung entfaltet die Teepflanze, wenn sie als Grüntee serviert wird.» Bei der Grünteeproduktion werden die Oxidationsprozesse (fälschlicherweise auch Fermentation genannt) verhindert, sodass die natürlichen Wirkstoffe im Blatt erhalten bleiben.

Genau das Gegenteil passiert bei der Herstellung von Schwarztee: Die Oxidation wird bewusst eingeleitet. Dadurch gehen die wertvollen Wirkstoffe und damit die Heilwirkung verloren. «Ein hochwertiges Naturprodukt wird so zum reinen Genussmittel gemacht», kommentiert Oppliger. Je länger das Teeblatt oxidiere, desto wertloser werde der Tee für die Gesundheit. «Schwarztee ist aber für die Gesundheit immer noch besser als Kaffee.» Das Koffein im Tee halte den Geist wach und rege die Intuition an; das Koffein im Kaffee hingegen halte zwar ebenfalls wach, fördere aber die Konzentrationsfähigkeit keineswegs, sagt der Teekenner und ergänzt: «Auch ein länger angesetzter Tee wirkt niemals beruhigend, wie oft behauptet wird, da das Teeblatt keine beruhigenden Wirkstoffe enthält und solche auch bei längerem Ziehenlassen nicht entstehen können.»

Peter Oppligers wichtigste Grünteeregeln
★ Die Verpackung des Tees ist ausschlaggebend: Sie sollte luft-, wasser-, lichtdicht und wiederverschliessbar sein. Wenn man Grüntee in Form von Teebeuteln kauft, sollten diese einzeln entsprechend verpackt sein.
★ Auf dem Etikett sollten detaillierte Angaben zur Herkunft und im besten Fall auch zur Plantage angegeben sein.
★ Vorsicht vor aromatisiertem Tee: Meist sind die Aromen synthetischer Natur.
★ Wählen Sie Teequalitäten aus biologischem, natürlichem und organischem Anbau.
★ Man sollte den Tee nie überdosieren. Besser zu wenig als zu viel Kraut aufgiessen.
★ Man sollte die Kräuter zwei bis zweieinhalb Minuten ziehen lassen. Sie können ein zweites Mal aufgegossen werden, dann enthalten sie allerdings nur noch wenig Koffein.
★ Die Wassertemperatur ist auf die jeweilige Grünteesorte abzustimmen; sie darf höchstens 90 Grad Celsius betragen – also nicht mit kochendem Wasser übergiessen.
★ Grüntee trinkt man ohne Zucker.

Ein Tee gegen viele Leiden. Wer von der heilenden Wirkung der Teepflanze profitieren will, sollte also Grüntee trinken. Dieser wurde in den letzten Jahrzehnten gut erforscht. Grüntee soll den Cholesterinspiegel senken, das Herzinfarktrisiko verringern, Arteriosklerose vorbeugen oder das Auftreten und Wachstum von Krebszellen hemmen. «Grüntee ist ein Allerweltsmittel», sagt Oppliger. Er wirke vorbeugend und heilungsfördernd bei vielen Zivilisationskrankheiten. Er soll auch schwach antidepressiv und karieshemmend wirken. Ein Schlankheitsmittel sei er aber nicht, so Oppliger, auch wenn er zuweilen als solches angepriesen wird. «Grüntee wirkt zwar cholesterinabbauend, harntreibend und begünstigt einen gesunden Stoffwechsel. So kann Grüntee Fastenkuren oder Diätkuren unterstützen. Mehr aber nicht.» Schon gar nicht sei Grüntee ein Allheilmittel.

Ähnlich tönt es bei der Schweizerischen Gesellschaft für Ernährung (SGE): Ein Lebensmittel alleine könne nie die Lösung für alles sein. «Dem Grüntee werden verschiedene gesundheitliche Vorteile nachgesagt, ausreichende wissenschaftliche Studien liegen dazu jedoch nicht vor», sagt Sabine Oberrauch, SGE-Fachberaterin, «Insofern gibt es aus ernährungsphysiologischer Sicht keinen Grund, Grüntee speziell zu empfehlen.»

Der Buchtipp
Peter Oppliger: «Grüner Tee. Kultur – Genuss – Gesundheit», 2010, AT Verlag, Fr. 31.90

Fotos: zvg, istockphoto.com

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