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Weit, wild, wunderbar

Kategorie: Garten
 Ausgabe 09/2016 - 01.09.2016

Text:  Caroline Fink

Glatt und makellos liegt der Gletscher Plaine Morte zwischen den Berggipfeln im Berner Oberland. Ein perfekter Ort für alle, die karge Landschaften, berauschende Weitblicke und aussergewöhnliche Geschichten lieben.

@Caroline Fink, at-verlag.ch

Allein sein Name klingt harsch: Glacier de la Plaine Morte, der Gletscher der toten Ebene. Als wäre dies nicht genug, steht neben ihm das Tothorn, und auf der anderen Seite des Gletschers erhebt sich mächtig der Wildstrubel. Nach den Namensgebern befinden wir uns also in wildem Gelände, an einem lebensfeindlichen Ort. Und so ist es: Wer karge und wilde Landschaften mag, wird gern hier sein, am Rand dieses Gletscherplateaus, das sich fünf Kilometer in die eine und zwei Kilometer in die andere Richtung ausdehnt. Glatt und makellos liegt der Glacier de la Plaine Morte zwischen den Berggipfeln und gleichzeitig an der Kantonsgrenze zwischen Bern und Wallis. Doch obwohl er – von der Seite betrachtet – flach wirkt, ist sein Eispanzer im Schnitt gegen 100 Meter und an seiner mächtigsten Stelle um die 230 Meter dick.

Während der kleinen Eiszeit, vor gut hundertfünfzig Jahren, floss sein Eis zwischen Gletscherhorn und Wildstrubel nordwärts hinab Richtung Simmental. Daran indes erinnert heute nur noch das Rezligletscherseeli, das er nach seinem Rückzug auf 2265 Meter Höhe hinterliess. Seit damals schrumpfte der Plaine-Morte-Gletscher jedoch rasch und stetig. Gemäss glaziologischen Berechnungen wird der Gletscher Ende unseres Jahrhunderts wahrscheinlich verschwunden sein. Bisher ist dieser Plateaugletscher jedoch alles andere als «mort». Ganz im Gegenteil: Im Laufe seines Rückzugs haben sich an seinen Rändern Eisgrotten und blau schimmernde Schneewannen voller Schmelzwasser geformt. Und jeden Sommer bilden sich drei Seen auf ihm – der Faverges, der Vatseret und der Strubelsee. Diese entwässern, teils sehr schnell, über subglaziale Strukturen in Richtung Berner Oberland und führten in den vergangenen Jahren mehrmals zu Flutwellen in den angrenzenden Tälern. Die Simmenfälle verwandelten sich in der Folge in tosende Wildwasser mit einem Durchfluss von 20 Kubikmeter Wasser pro Sekunde, die Simme schoss hoch und trat 2011 über die Ufer.

Seither werden die Seen genau beobachtet. Vier Überwachungsstationen kontrollieren die Wasserpegel. Doch nicht nur wegen der Ausbrüche der Gletscherseen interessieren sich Forscher und Forscherinnen für die Abflusskanäle des Glacier de la Plaine Morte, sondern auch ganz grundsätzlich. Denn lange Zeit blieb im Verborgenen, wohin das Wasser abfliesst. Wie der nahe Glacier de Tsanfleuron liegt auch der Glacier de la Plaine Morte auf einem zerschrundeten Karstbett, in dem viel Wasser verschwindet. Um Antworten auf diese Fragen und Informationen für die künftige Wasserversorgung beidseits des Gletschers zu erhalten, färbten Glaziologen und Hydrologen die Schmelzwasserbäche auf der Gletscheroberfläche vor einigen Jahren bunt ein. Die Stoffe Uranin, Eosin und Duasin verwandelten die Wasserläufe auf dem Eis in fluoreszierend grüne, rote und gelbe Schmelzwasserkanäle, die im Eis verschwanden, während die Wissenschaftler gespannt darauf warteten, wo im Tal die Farben wieder ans Tageslicht treten würden. Denn einzig bekannt war bisher, dass sich das Entwässerungssystem des Gletschers in drei Zonen gliederte: Von einer Zone aus gelangte Wasser ins Berner Oberland, von einer zweiten Richtung Lac de Tseuzier, während bei der dritten die Entwässerung ein Geheimnis blieb.

Bereits nach erstaunlich kurzer Zeit zeigten sich im Tal eindeutige Resultate: Nach vier Stunden floss der Trüebbach auf Berner Seite orangefarben durchs Tal, und die Simme hatte sich in einen knallgrünen Fluss verwandelt. Das oberflächliche Entwässerungssystem funktioniere schneller als erwartet, erklärten die Wissenschaftler. Dann, am nächsten Tag, zeigte sich markiertes Wasser «Bi de Sibe Brünne» beim Rezlibergli. Dieses hatte seinen Weg durch das Karstsystem gefunden. Doch was war mit dem Wallis? Während mehreren Monaten wurden regelmässig Wasserproben auf allen Seiten des Gletschers genommen. Das Fazit nach Abschluss des Experiments: Ein grosser Teil des Wassers fliesst von allen drei Gletscherzonen überraschend schnell zwischen Eis und Fels ins Bernische. Ins Wallis hingegen gelangt nur das Wasser einer Zone, die durch ein verästeltes Karstsystem entwässert.

Dem Wanderer bleiben
alle diese subglazialen Systeme verborgen. Er kann einzig am Rand dieses Eisschildes verweilen und über seine raue Schönheit staunen. Um danach den Weg fortzusetzen – sei es von der Iffigenalp kommend Richtung Montana oder von Montana her Richtung Lac de Huiton oder Richtung Rawilpass. Jenem Wanderpass, der – ähnlich wie der Gletscher – das Berner Oberland mit dem Wallis verbindet. Wie die Plaine Morte selbst, scheint auch der Rawilpass ein ziemlich vergessener Ort in der Zeit zu sein. Ein Ort, der unbemerkt von der Erde verschwinden könnte. Dabei ist dieser Pass, über den bereits Römer zogen, ein Ort voller Geschichte. Und wenn man bedenkt, dass nicht weit vom Rawilpass das Schnidejoch liegt, in dessen Nähe 6500 Jahre alte Kleidungsstücke aus Leder und Bast, Pfeile, Köcher, Fellreste und Kleidernadeln aus Bronze gefunden wurden, kann man seiner Fantasie freien Lauf lassen und sich vorstellen, wie hier bereits tausend Jahre vor Ötzi Menschen der Jungsteinzeit unterwegs waren.

Dass Wanderer bis heute zwischen Plaine Morte und Lac de Tseuzier in aller Ruhe unterwegs sind, darüber können wir uns glücklich schätzen. Denn weniger Sinn für Geschichte und Ruhe, dafür umso mehr Flair für die Zukunft zeigten die Planer einer Schweizer Nationalstrasse: Diese hätte als direkte Verbindung zwischen Bern und Sion dienen sollen – dank einem rund vier Kilometer langen Tunnel direkt unterhalb des Rawilpasses. Die Pläne mitsamt ihren Zubringerstrassen wurden erst 1984 ein für alle Mal in den Papierkorb verschoben. Womit der Abstieg von der Alpage du Rawil hinab nach Lourantse bis heute steil und still geblieben ist, während das letzte Stück des Weges die friedlich plätschernde Bisse de Sion aus dem Jahr 1903 entlang zum kleinen Stausee des Lac de Tseuzier führt.

Das Buch «Welten aus Eis» von Caroline Fink führt den Leser und Wanderer zu den schönsten Gletschern der Schweiz und ist nun als Leserangebot zu einem Vorzugspreis erhältlich.

Dem Gletscher entlang
• Ausgangspunkt
Bergstation Luftseilbahn Barzettes-Plaine Morte in Crans Montana.
• Endpunkt
Lac de Tseuzier, Postautohaltestelle Barrage du Rawil.
• Wanderzeit /Schwierigkeit
4 Stunden, T3.
• Höhendifferenz
250 m Aufstieg. 1360 m Abstieg.
• Charakter/Route
Dank den Seilbahnen von Montana kommt man direkt in die Mondlandschaft rund um den Glacier de la Plaine Morte und wandert dann an Berghütten und Bergseen vorbei, durch eine immer grünere Bergwelt bis hinab zur plätschernden Suone beim Lac de Tseuzier.
Route: Pointe de la Plaine Morte – Wisshorelücke – Wildstrubelhütte – Rawilpass – Plan des Roses – Lourantse – Lac de Tseuzier.
• Unterkunft und Verpflegung
Wildstrubelhütte SAC (2789 m), gemütliche und sehr aussichtsreiche Berghütte, Telefon 033 744 33 39, www.wildstrubelhuette.ch
Gîte de Lourantse (1810 m), sympathische Berghütte mit warmer Küche und einfacher Übernachtungsmöglichkeit, Telefon 079 285 69 38, www.gitedelourantse.ch
• Karten
Landeskarte 1: 25 000, 1266 Lenk, 1267 Gemmi, 1286 St-Léonard.
• Weitere Infos
Bergbahn Bergbahnen Crans Montana, Telefon 0848 221 012, www.crans-montanaaminona.com, Lenk Tourismus, Telefon 033 736 35 35, www.lenk-simmental.ch

Fotos: Caroline Fink, at-verlag.ch, Grafik: Atelier Köhler & Co.

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