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Hallo Nützling!

Kategorie: Garten
 Ausgabe_03_2016 - 01.03.2016

Text:  Vera Sohmer

Ein Garten ohne Chemie macht mehr Arbeit. Stimmt nicht. Kluge Gärtner setzen auf eine durchdachte Bepflanzung. So müssen sie weniger jäten und der Kampf gegen Schädlinge wird leichter.

Über 2100 Tonnen Pestizide wurden laut WWF im Jahr 2013 in der Schweiz verkauft. Davon kamen schätzungsweise 420 Tonnen in privaten Gärten zum Einsatz. Mit der Chemiekeule Schädlinge, Unkraut und Krankheiten zu bekämpfen, ist beliebt und in der Regel auch durchaus Erfolg versprechend. Manch ein Hobbygärtner verschliesst Augen und Ohren, wenn es um die durch die Verwendung von Pflanzenschutzmitteln verursachten Schäden geht – zu schön sind die Erfolge und zu hartnäckig sassen die Läuse auf den Salatblättern.

Gleichgewicht herstellen. Doch Umweltschützer warnen schon lange und stets von Neuem: Pestizide haben schlimme Auswirkungen. Sie beeinflussen das Hormonsystem, gelten als krebserregend und wirken über ihr Ziel hinaus. Fische werden unfruchtbar und Nützlinge wie Bienen werden anfälliger für Krankheiten und Parasiten. Ein Garten ohne Chemie ist nicht nur ökologischer, streng genommen funktioniert er sogar besser. Denn wer die Grundsätze des biologischen Pflanzenschutzes beherzigt, sorgt dafür, dass sich «nach einer gewissen Zeit eine Art neues Gleichgewicht einstellt und sich viele Abwehrmittel erübrigen», betonen die beiden Bio-Gärtner Otto Schmid und Silvia Henggeler. Beide haben sich intensiv damit auseinandergesetzt, wie man naturnah gärtnert, und mit ihrem Buch «Biologischer Pflanzenschutz im Garten» einen ausführlichen Leitfaden verfasst.

Die richtige Planung. Englischer Rasen und exotische Pflanzen wie Rhododendron sind nach wie vor beliebt und der Inbegriff einer gepflegten Grünanlage. «Der Komplexität und Schönheit der Natur trägt man so aber keine Rechnung», gibt der WWF zu bedenken. Und: Monokulturen sind anfälliger für Schädlinge und Krankheiten. Resistenter sind artenreiche Gärten mit einheimischen Pflanzen. Sie bieten zudem Nützlingen Nahrung und Unterschlupf. Wer auf einen Hauch von Exotik nicht verzichten möchte, setzt auf Samen und Setzlinge seltener Schweizer Arten zum Beispiel von Pro Specie Rara.

Artenreichtum und Pflanzengemische sind gut für die Bodenfauna. Die verschieden langen Wurzeln durchlüften das Erdreich. So werden Blumen, Gemüse und Kräuter besser mit Nährstoffen versorgt. Die Pflanzen gedeihen gut und verfügen über natürliche Abwehrkräfte. Vielfalt heisst auch: Vermeintlich lästiges Unkraut darf wachsen. Beikraut, wie man es politisch korrekt auch nennen kann. Brennnessel etwa. Zu Unrecht wird sie oft mit allen Mitteln bekämpft. Dabei ist sie nicht nur ein gutes Heilkraut zur Blutreinigung, sie hilft bei Nieren- und Blasenbeschwerden oder bei Erschöpfungszuständen. Zudem ist Brennnessel Nahrungsquelle für rund 50 Schmetterlingsarten. Das Wildkraut schmeckt vorzüglich als Salat oder als Spinatersatz. Bio-Gärtner produzieren aus Brennnessel ausserdem eine ziemlich streng riechende, aber wirksame Jauche zum Düngen oder ein vorbeugendes Spritzmittel gegen Ungeziefer.

Vorbeugende Wirkung haben auch sogenannte Schutz- oder Repellentpflanzen. Dass Lavendel ein vielfach wirksames Kraut ist, wussten schon die alten Römer. Wird ein Beet damit umpflanzt, bleiben Ameisen fern. Zwischen Rosen gesetzt, schützt Lavendel vor Blattläusen. Derart wirksame Allianzen zur Schädlingsabwehr gibt es viele. Zwiebelgewächse neben Karotten schützen vor der Möhren iege. Salat zwischen Kohlgewächsen hilft gegen Erdflöhe. Knoblauch wird als guter Nachbar von Erdbeeren geschätzt. So haben Pilzkrankheiten oder Milben keine Chance.

Hilfreicher Zaun. Technische Hilfsmittel leisten darüber hinaus gute Dienste, auch wenn sie vielleicht als altmodisch angesehen werden. Paradebeispiel ist der Schneckenzaun, jener abgewinkelte Blechrahmen, mit dem man Beete einfasst. Oder Fanggürtel für Insekten, mit denen Stämme von Obstbäumen in ungefähr einem Meter Höhe umwickelt werden. Und ein denkbar einfacher Trick hilft gegen Wühlmäuse: Holzpfosten in den Boden stecken, eine leere Konservendose darüber stülpen. Der Wind bewegt die Dose, die Schwingungen übertragen sich in die Erde, die Wühler nehmen Reissaus.

Fleissige Helfer. Nehmen die Schädlinge überhand, setzen Hobbygärtner oft gezielt Nützlinge aus, die sie im Handel beziehen. Einer der grossen Anbieter ist die Andermatt Biogarten AG aus Grossdietwil im Kanton Luzern. «Nützling gegen Schädling ist die umweltfreundlichste Schädlingsbekämpfung überhaupt», heisst es dort. Denn die lebenden Larven, Milben oder Käfer hinterlassen weder schädliche Rückstände auf der Pflanze oder in der Erde noch gefährden sie Mensch oder Haustier. Wer Nützlinge ansiedelt oder aussetzt, hat ausserdem weniger Aufwand, weil er die kleinen Helfer für sich arbeiten lässt.

Biologischer Pflanzenschutz
Stark gedüngte Pflanzen sind häufig anfällig für Schädlinge. Düngen empfiehlt sich nur, wenn wirklich Bedarf ist oder bei stark zehrenden Pflanzen. Die Stiftung Praktischer Umweltschutz Schweiz (Pusch) hat ein «Who’s who» der Gartenpolizei zusammengestellt (www.giftzwerg.ch). Damit sich Nützlinge von alleine ansiedeln, muss auf jegliche Art von Pflanzenschutzmittel verzichtet werden. Verstecke und Futterplätze auf Bäumen, Sträuchern und in Wiesen schätzen die Florfliegenlarven. Diese saugen unter anderem Schmierläuse und Weisse Fliegen aus. Igel gelten als nützliche Vielfrasse, sie verzehren unter anderem Schnecken mit grossem Appetit. Man sollte ihnen Schlaf- und Winterquartiere einrichten, Laubhaufen zum Beispiel. In einem generell naturnahen Garten, am besten mit Natursteinmäuerchen, fühlen sich Eidechsen wohl. Diese ernähren sich mit Vorliebe von Larven, Nacktschnecken und Raupen.

Wichtig: Man muss den Schädling eindeutig identifizieren, was ohne fachkundige Hilfe oft schwierig ist. Die meisten kommerziell erhältlichen Nützlinge sind nach WWF-Angaben wirts- und beutespezifisch. Sie verhungern oder wandern ab, wenn sie nichts zu fressen finden. Zu den bekanntesten Nützlingen zählen Marienkäfer. Sie ernähren sich zur Hauptsache von Blattläusen. 200 bis 600 davon frisst eine Käferlarve bis zu ihrer Verpuppung. Hecken aus Wildkräutern, Steinhaufen und Marienkäferhäuser zum Überwintern fördern die Ansiedlung. Zunehmend problematisch ist der Asiatische Marienkäfer geworden, weil er einheimische Arten bedrängt. Einst von Bauern vor allem in Gewächshäusern zur Bekämpfung von Blattläusen eingesetzt, konnte sich der Käfer durch seine geringen Ansprüche auch rasch im Freiland verbreiten.

Der – vielerorts ungeliebte – Ohrwurm leistet ebenfalls gute Arbeit. Neben Blatt-, verzehrt er Schildläuse und diverse kleine Insekten. Er gilt im Obstbau als hilfreich. Allerdings steht er auch auf Blüten, jene von Dahlien zum Beispiel. Einfacher Trick dagegen: Den Ohrwürmern mit Rainfarntee oder Schmierseifenlösung den Appetit darauf verderben. Oder sie in Blumentöpfen, ausgekleidet mit Holzwolle oder Stroh, sammeln und dorthin verfrachten, wo sie gebraucht werden.

Buchtipp
Otto Schmid, Silvia Henggeler: «Biologischer Pflanzenschutz im Garten», Ulmer Verlag

Fotos: fotolia.com

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