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Kategorie: Natur
 Ausgabe_11_2014 - 01.11.2014

Text:  Hans Keller

Holzarbeiten in ökonomisch genutzten Wäldern: Seit einigen Jahren kehrt ein jahrhundertelang prägend gewesenes Tier in dieses Metier zurück, das Pferd.

Schräg zwischen den Bäumen hindurchdringende Sonnenstrahlen beleuchten Pferdeführer und Pferd, dessen Flanke goldbraun schimmert. Helle Flecken am Boden zeigen Stellen an, wo das Sonnenlicht auf den Schnee trifft, daneben verliert sich der Wald im Schatten. Adrien Cattin und sein Hengst Holaf sind dabei, einen Baumstamm aus dem Dickicht herauszuziehen. «Maximal eine Tonne kann das Tier so ziehen», erklärt der Förster. Drei bis vier Baumstämme schafft das Team Adrien-Holaf pro Tag. Die Holzarbeit wird vorzugsweise im Winter verrichtet, weil sich in dieser Jahreszeit alle Kräfte in die Wurzeln zurückgezogen haben und das Holz deshalb besonders trocken ist. Abgesehen vom Hochsommer kann aber auch in anderen Monaten gefällt werden. Charakteristisch jedoch sind die Klopf- und Sägegeräusche in den Monaten Oktober bis April und Mai.

Mit Maschine und Pferd

«Ein Pferd, das diese Arbeit verrichtet, muss ganz bestimmte Eigenschaften haben », sinniert Adrien Cattin. Lernfähigkeit und Geduld sind zwei solcher Merkmale. Im grossen Wohnraum seines Hauses im jurassischen Les Bois präsentiert Cattin Zeitungsartikel und Magazine, in denen über ihn und seine Arbeit mit Holaf berichtet wurde. Les Bois liegt nördlich von La Chaux-de-Fonds im typischen Freiberger Teil des Kantons Jura. Die Waldarbeit ist für diese Gegend, geprägt von sanften Hügeln, Baumgruppen und mächtigen Einzeltannen, prägend.

Der 52-jährige Cattin steckt seine ganze Leidenschaft in die Waldarbeit. Sie mag folkloristisch wirken, ist es aber keinesfalls; das sogenannte Holzrücken, das er zusammen mit seinem 8-jährigen Freiberger Holaf erledigt. Bereits beim Fällen des Baumes kommt das Pferd zum Einsatz. Danach kommt die Hauptarbeit: Pferd und Führer «rücken», ziehen, den Baumstamm bis zur sogenannten Rückegasse, wo er deponiert wird. Dafür gibt es doch heute Fahrzeuge, die alles maschinell erledigen, vom Abschleppen der gefällten Bäume bis zur Entastung, mag man denken. Was natürlich stimmt. Aber Cattin weiss die Arbeit mit Pferden zu verteidigen. «Das Pferd arbeitet dort, wo es um das Fällen und Transportieren von Bäumen in unwegsamem Gelände geht.» Das Tier bringt Stämme bis zu einer Stelle, wo entsprechende Maschinen das Holz weiterverarbeiten oder abtransportieren können. «Wir brauchen beides, die Maschinen und die Pferde, für eine effektive Holzarbeit in unseren Wäldern.»

Tatsache ist, dass diese traditionelle Art des Holzens in den letzten Jahrzehnten durch hochtechnisierte Methoden fast verdrängt wurde. Früher gehörte das Holzrücken mit Pferden zum Wie Alltag der Waldarbeit. Das althergebrachte System ist auch äussert effizient, vorausgesetzt Forstwarte, Pferdeführer und Pferde sind entsprechend gut ausgebildet, wie Fachmann Cattin erklärt. Ausserdem können Pferde auch bestens an Hanglagen und in schwierigem Gelände eingesetzt werden.

Die Vorteile des Holzrückens mit gut trainierten Pferden sind evident. Wesentlich beweglicher als Maschinen, wenn es etwa darum geht, Baumstämme im Slalom aus dem Wald zu ziehen, schonen Pferde den Boden und sorgen so dafür, dass der Wald als einzigartiges, verletzliches Ökosystem durch die Holzarbeit möglichst wenig belastet wird. Sogenannte Vollernter, Maschinen, die Bäume fällen, entasten und dann zum Abtransport stapeln, können beladen gegen 30 Tonnen wiegen. Zu viel Gewicht für den Waldboden, der dadurch zunehmend verdichtet. Das Holzrücken mit Pferden schaffe neue Perspektiven, ist der Förster überzeugt. Cattin sieht das Holzrücken als Möglichkeit, wirtschaftliche Rentabilität und Umwelt- und Naturschutz in Einklang zu bringen. Dieses System der Zusammenarbeit von Mensch, Tier und Maschine bedeute für den Menschen zudem einen Gewinn an Arbeitsfreude und Arbeitsergonomie.

Eine Vertrauensbeziehung

Stichwort Arbeitsfreude: Wenn Adrien Cattin über die Symbiose zwischen ihm und seinem Hengst Holaf spricht, gerät  der eher zurückhaltende Jurassier ins Schwärmen. «Mich fasziniert die Beziehung zwischen Mensch und Pferd. Holaf reagiert vor allem auf meine Stimme, auf milde oder scharfe Töne und auf leichten Druck des Halfters.»

Das Pferdegehege befindet sich hinter dem Haus neben einer Scheune: Kaum ist Cattin in der Nähe von Holaf, reagiert das Pferd freudig und kommt näher; die Vertrauensbeziehung zwischen Mensch und Tier ist offensichtlich. Zwei Jahre hat Cattin mit Holaf auf dessen Einsatz im Wald trainiert. Neben der Führung des Pferdes ist es vor allem Cattins Stimme, die den Hengst bei der Arbeit leitet. «Holaf ist sehr auf den Tonfall meiner Stimme sensibilisiert, es genügt eine bestimmte Nuance bei dem, was ich sage, um das Ross in der gewünschten Art und Weise reagieren zu lassen.»

Lernfreudig, «kompakt» und «quadratisch»
Freiberger
Pferde sind die einzige ursprüngliche und noch existierende Schweizer Pferderasse. Ihre Heimat hatten und haben die Tiere im Jura, der zur Zeit der französischen Revolution und Napoleon zu Frankreich gehörte. Die Pferdezucht hatte eine wichtige Bedeutung in der Region. Napoleon bediente sich in den Ställen und liess lediglich ein paar alte Gäule zurück. Trotzdem gelang es ein paar Haltern, gute Zuchttiere zu retten. 1815 gelangte der Jura zum Kanton Bern. Die Behörden stellten rasch fest, dass sich aus dem übrig gebliebenen Bestand durchaus etwas machen liess. Im Jahr 1821 fanden die ersten Schauen statt. Heute zieht der alljährliche Pferdemarkt «Marché Concours» in Saignelegier Zehntausende von Besuchern an.
Das Aufkommen der Eisenbahn Mitte des 19. Jahrhunderts machte den Schweizer Pferden ihren Platz in der «Gesellschaft» aber zunehmend strittig. Typische Reit- und Kutschpferderassen verschwanden langsam eine nach der anderen. Dank der Unterstützung von Bund und Kantonen, die ein Pferd suchten, «das man in der Landwirtschaft gut gebrauchen kann» und vielleicht auch dank seinem angenehmen und ruhigen Naturell konnte sich das Freiberger-Pferd als einziges Schweizer Pferd behaupten, auch wenn es in den 1960er-Jahren abermals Konkurrenz auf Rädern bekam: Bauern waren nicht mehr mit dem Pferd, sondern mit dem Traktor unterwegs. Heute sind die Freiberger vor allem auch als Freizeitbegleiter geschätzt: als Reitpferd und als Kutschenpferd. Sie gelten als sehr lernfähig, genügsam und besonnen.
Das Äussere beschreibt Wikipedia wenig charmant als «kompakt» und «quadratisch». Das nationale Gestüt befindet sich in Avenches; mehr als zwei Drittel aller Zuchthengste leben dort. Pferdebesitzer bekommen in Avenches Beratung und Unterstützung.
Tertia Hager

Fotos: Yves Perton

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