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Einfach der Nase nach

Kategorie: Natur
 Ausgabe 04 - 2012 - 01.04.2012

Text:  Sabine Joss

Die Suche nach der seltenen im Mai blühenden und nach Zitrus duftenden Diptam-Pflanze führt durch Rebberge und Eichenwälder – eine abwechslungsreiche Frühlingswanderung im schaffhausischen Klettgau.

Einfach der Nase nach Osterfingen, der Ausgangspunkt unserer Wanderung, ist ein Winzerdorf, wie fast alle 13 Dörfer im Klettgau. Der Klettgau ist das grösste Weinbaugebiet der Ostschweiz und gilt als Blauburgunderland. Im Regenschatten von Schwarzwald und schaffhausischem Randen-Berggebiet gelegen, sind die jährlichen Niederschlagsmengen im Klettgau mässig, die Sommer jedoch ausgesprochen trocken. Dieses Klima und der aus verschiedenen Kalken und Nagelfluh zusammengesetzte, mineralstoffreiche Boden ergeben gute Bedingungen für die Trauben, aus denen fruchtige Landweine gekeltert werden.

Der Klettgau ist aber auch eine der Kornkammern der Schweiz. Das ausgedehnte Tal reicht bis weit ins deutsche Bundesland Baden-Württemberg hinein. Bis zum Ende der Riss-Eiszeit vor rund 200 000 Jahren floss der Rhein von Schaffhausen westwärts durch den Klettgau. Das Flussbett wurde dabei mit Alpenschotter aufgefüllt. Ein weiteres Relikt davon ist die «Klettgaurinne», ein grosses Grundwasservorkommen, aus dem heute einige deutsche Gemeinden ihr Trinkwasser beziehen. Die Ortschaft Osterfingen liegt am Fuss von Wannenberg und Rossberg. Die sonnige Talseite ist mit Reben bebaut, während die schattigere Seite von Wiesen und Wald bedeckt ist. Durch die Rebberge Wir wandern durch das verträumte Dorf mit stattlichen Riegelhäusern und kommen an gepflegten Bauerngärten vorbei, die Teil des Osterfinger Gartenpfads sind. Am Dorfende folgen wir dem Feldweg, der nach rechts gegen den Wald hinaufführt. Vor dem Wald gehen wir wiederum rechts weiter zum Himmelrich, der westlichen Ecke des Rossbergs. An dieser Ecke ist die Exposition wieder für den Weinbau geeignet. Von hier aus sehen wir auf den Hallauer- und Wilchingerberg und auf die liebliche, vom Weinbau geprägte Landschaft des Klettgaus.

Schmetterlingsparadies

Oberhalb der Rebberge führt uns der Weg in den Wald hinein. Hier nehmen wir den oberen Weg, der zu einem alten Steinbruch führt. Dort steigen wir geradeaus weiter an, entlang der Waldflanke des Wangentals. Am Wegrand blühen im Eichenmischwald wärmeliebende und Trockenheit ertragende Arten wie das Immenblatt mit weiss-rosa Blüten, die gelbe Strauchwicke oder die seltene Berg-Kronwicke mit ebenfalls gelben, aber langgestielten Blütendolden. Die Flaum-Eiche mit ihren beflaumten Blattunterseiten kommt hier auch als Kreuzung mit der Trauben-Eiche vor, ferner kommt auch die Stiel-Eiche mit ihren kaum gestielten Blättern vor. Ihren Namen hat sie von ihren langgestielten Fruchtständen mit den Eicheln darin. Die Eichenblätter sind für Raupen von mehr als 40 verschiedenen Schmetterlingsarten Nahrung. Auch über 30 Insektenarten, die ihren Nachwuchs in sogenannten Pflanzengallen ziehen sind von den Eichen abhängig.

Mit ihrer Insektenvielfalt bieten Eichenmischwälder auch gute Futtergründe für Vögel. An vielen Hängen, an denen heute Reben angebaut werden, kam früher dieser Waldtyp vor. Bereits können wir nach weiss-rosa Diptam Ausschau halten, und schon bald erblicken wir die ersten Exemplare. Einzelne Pflanzen wachsen gleich am Wegrand auf der Talseite, die meisten sehen wir jedoch auf der Bergseite des Weges, einige Meter oberhalb der steilen Wegböschung unter Feld-Ahorn, verschiedenen Eichenarten und Sommer-Linde. Der stattliche Diptam mit seinen grossen Blüten bietet einen erstaunlichen Anblick in diesem niederwüchsigen, steinigen Wald. Seine weissen, mit dunkelroten Adern durchzogenen Blütenblätter wirken aus der Entfernung rosafarben. Durch seinen intensiven Duft nach Zitrusfrüchten verrät der Diptam seine Verwandtschaft mit ihnen. Die Blätter, die von Bau und Anordnung her an die der Esche erinnern, enthalten zahlreiche Öldrüsen. Wenn man sie gegen das Licht hält, sehen sie aus wie perforiert.

Vorsicht beim Berühren

Doch Vorsicht beim Berühren des Diptam: Blätter, Stängel oder Samenkapseln sondern fototoxische Stoffe ab, die bei empfindlichen Personen unter nachträglicher Sonneneinwirkung zu verbrennungsartigen Hautverletzungen führen können. Wegen möglicher Trittschäden empfiehlt es sich nicht, zu den höher gelegenen Beständen zu gehen. Es wird im unteren Waldbereich im Wangental noch mehr Gelegenheiten geben, Diptam am Wegrand zu bestaunen.

Im Wald fallen auch Elsbeerbäume mit rissiger Rinde und runden, spitz gelappten Blättern auf. Wir folgen dem Waldweg oberhalb des Rutschgebiets Steimüri und steigen bei der nächsten Abzweigung ins Wangental hinunter. Weil es sich an diesem humusarmen Südhang nicht lohnte, die niedrigen Flaum-Eichen, Feld-Ahorne, Mehl- und Vogelbeerbäume zu bewirtschaften, wurde dieses Trockengebiet sich selber überlassen, sodass sich hier viele seltene und an anderen Orten verschwundene Arten wie Diptam oder Berg-Kronwicke halten konnten. Im Zweiten Weltkrieg entwichen Sikahirsche aus deutschen Gehegen und flohen in die Region Südranden. Diese ursprünglich aus Ostasien stammende Art konnte sich bis heute im Wangental halten. Von Sikahirschen wird man aber kaum etwas merken auf dieser Wanderung, eher schon von den Wildschweinen, die oft entlang der Wege den Boden aufwühlen auf der Suche nach Fressbarem wie Engerlingen und Würmern.

Lauschiger Grillplatz

Auf der Strecke zwischen Lachenhau und Badstighau lohnt es sich wieder, nach dem Diptam Ausschau zu halten. An blauer und braunviolett blühender Akelei vorbei wandern wir nach dem Steinbruch ein kurzes Stück dem gleichen Weg entlang bis zum Waldrand. Wer bereits genug erlebt hat, kann von hier aus in wenigen Minuten nach Osterfingen zurückwandern und den Ausflug beenden.

Doch es lohnt sich, die Wanderung etwas zu verlängern. Wir gehen am Waldrand entlang weiter hinein ins Osterfinger Tälchen, überqueren die Strasse und steigen via Hilbihau auf den westlichen Ausläufer des Wannebergs. Hier befinden wir uns wieder oberhalb der Rebberge von Osterfingen, und zwar auf dem Stuel. Wenige Hundert Meter höher befindet sich ein aussergewöhnlicher, amphitheaterartiger Grillplatz in der alten Steingrube. Richtung Neunkirch wandern wir über das Armenfeld an blauer Saat-Luzerne, Gelber Luzerne und an den rubinroten Blüten des Inkarnat-Klees vorbei. Aus dem Wald mit dem sogenannten Festplatz vernehmen wir den flötenden Gesang des gelben Pirolmännchens. Wie bei den meisten Vögeln, bei denen hauptsächlich das Weibchen die Eier bebrütet, ist auch bei dieser Art das Männchen sehr auffällig und hübsch, während das Weibchen zur besseren Tarnung unscheinbar gefärbt ist.

In Neunkirch lohnt sich ein Rundgang durch das mittelalterliche Städtchen. Kinder spielen in den verkehrsarmen Gassen und Katzen räkeln sich an halbschattigen Plätzchen. Allfällige Wartezeiten auf den Zug lassen sich in einem der gemütlichen Cafés bestens überbrücken.

Den Blüten und Düften nach
• Anreise
Mit der Bahn nach Schaffhausen und je nach Verbindung weiter nach Wilchingen oder Neunkrich und von dort weiter mit dem Bus nach Osterfingen.
• Rückreise
Von Neunkrich mit der Bahn nach Schaffhausen.
• Wanderzeit
Osterfingen bis Neunkrich 3 Stunden. Für die kürzere Variante zurück nach Osterfingen müssen 2 Stunden eingeplant werden.
• Höhendifferenz
Etwa 300 Meter Auf- und 300 Meter Abstieg.
• Restaurants / Übernachten
Das Weingut Bad Osterfingen ist nur auf Voranmeldung geöffnet. Telefon 052 681 21 21. In Neunkrich gibt es mehrere Cafés, Restaurants und Hotels.
• Karten
Landeskarte 1: 25 000, 1031 Neunkrich, Wanderkarte 1: 50 000, 405T Schaffhausen-Stein am Rhein.
• Wichtig
Grenzgebiet: Auch wenn es keine Grenzkontrollen mehr gibt, sollte man einen Pass oder eine Identitätskarte dabei haben.
• Weitere Informationen
Tourismus Wilchingen Osterfingen, Telefon 052 687 02 87, www.wot.ch
Tourismusbüro Neunkirch, Telefon 052 687 08 08, www.neunkirch.ch

Fotos: Zoonar, lilli2de / flickr / cc

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