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Stärker als die Kirche

Kategorie: Leben
 Ausgabe 03 - 2012 - 01.03.2012

Text:  Susanne Strässle

Zu unserer Kultur gehört auch der uralte Glaube an Dämonen und magisches Denken – dieser tief verwurzelte Volksglaube ist lebendig geblieben.

Der Lindenberg im aargauischen Freiamt ist ein Ausflugsort mit Spaziergängern und Feuerstellen. Mit Kurt Lussi unterwegs wird er zur magischen Landschaft mit steinzeitlichen Gräbern, mit Rutschsteinen, auf denen Frauen nackt im Mondlicht in der Hoffnung auf einen Bräutigam hinunter glitten, mit keltischen Steinreihen und mit Pilgerorten, deren Kirchen auch mal über römischen Ruinen errichtet wurden oder eine wunderreiche Heilquelle bergen.

Von Christen und Kelten

«Wenn ich hier unterwegs bin, werden Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft eins. Es ist wie in einer anderen Welt», sagt der Luzerner Volkskundler und Konservator des Historischen Museums Luzern, während er durch das Unterholz stapft. Längst nicht alle Spuren der Vergangenheit seien ans Tageslicht geholt worden. «Das ist gut so. Sie sind im Boden besser geschützt», sagt Kurt Lussi.

Die Vergangenheit soll nicht zur Touristenattraktion verkommen, und doch gibt Lussi sein Wissen weiter. In Büchern, aber auch in Kursen, zum Beispiel für die Hochschule für Soziale Arbeit. Sollen die Studierenden das magische Denken lernen? «Sie sollen ihre Wurzeln kennen. Wurzeln machen den Menschen aus. Ich bin in der Innerschweiz verwurzelt, das gibt mir unheimlich Kraft», sagt Lussi. Er gibt auch Seminare für Sterbebegleiter. «Manche von ihnen arbeiten mit Trommelritualen und Suó-Tänzen, aber sie haben noch nie vom heiligen Josef, dem Patron der Sterbenden, gehört.» Man dürfe die alte Kultur nicht gering schätzen und in den Boden stampfen, wie etwa in Göschenen, wo für die Autobahn der alte Teufelsstein in eine Zufahrt verpflanzt wurde, während am ursprünglichen Standort nun Staus die Menschen narren.

Wo beginnt Aberglaube ? Das Wort gefällt Kurt Lussi nicht. «Es ist unnötig abwertend. Aberglaube ist Glaube ausserhalb kirchlicher Dogmen.» Eine willkürliche und unscharfe Grenze, denn streng genommen gehöre auch die vergötternde Verehrung wundertätiger Heiliger nicht zum Kanon. Lussi spricht daher lieber von Volksglaube.

Die Macht magischen Denkens

Manch alter Volksglaube gibt Einblick ins soziokulturelle Leben und die bäuerliche Ökonomie von einst. Ein Mädchen müsse so lange vor der Himmelstür warten, wie es kochendes Wasser auf dem Herd weiterbrodeln lasse. Koche die Milch über, stehe Streit ins Haus. Werde wertvolles Salz verschüttet, komme der Teufel in die Küche. Es gibt unzählige Elemente, die wir nicht mehr kennen, nicht mehr verstehen. Denken und handeln moderne Menschen deshalb rational? Die Antwort liegt im Holz, das wir anfassen, wenn wir Glück, Gesundheit oder Erfolg zu früh verschrien haben. Die Geste soll neidische Dämonen in Schach halten, wobei das Holz einst jenes des Kreuzes war und noch früher das des Hausbaums, in dem die Ahnengeister wohnten. Ohne davon zu wissen, führen wir die Geste reflexartig aus und fühlen uns beruhigt. Genauso wie Fischer auf ihre Köder spuken, keiner vor dem Geburtstag gratuliert, ein Prüfling sein Maskottchen einsteckt.

Viel magisches Handeln hat sich in den modernen Alltag eingeschlichen : Anstossen bei Tisch? Das Klirren der Gläser soll Dämonen vertreiben. Die Daumen halten? Sie galten als Sitz von Dämonen, die bei einem Vorhaben dazwischenfunken könnten. «Hals- und Beinbruch» wünschen? Einen bereits symbolisch Verwünschten werden böse Geister nicht nochmals behelligen. Mit Vergnügen werfen wir noch immer Münzen in Brunnen (ehemals ein Quellopfer). Nach der Hochzeit trägt der Bräutigam die Braut über die Schwelle (einst weil darauf die Hausgeister hockten, die die Fremde noch nicht kannten).

Geborgen im Übernatürlichen

Manch psychischer Tick hat seinen Ursprung im magischen Denken – und das kann unfrei und abhängig machen. Nicht nur Kinder kennen diese Logik: Tue ich dies (nicht), wird ein Unglück geschehen. Gesunder Realismus schützt davor, oder wie es der Wiener Fritz Muliar ausdrückte: «Ich habe noch keinen Menschen getroffen, der sein 13. Monatsgehalt zurückgegeben hätte.»

Als Schauspieler gehörte Muliar zu einer Berufsgruppe, die besonders anfällig ist, da ihre Auftritte immer mit Risiken verbunden sind. Genauso Glücksspieler und Sportler: Wir belächeln den Voodoozauber afrikanischer Fussballer, aber auch mancher Schweizer Spieler zieht den rechten Schuh vor dem linken an. Andere beschliessen, absichtlich jedes Mal alles anders zu machen, weil das magische Denken sie sonst beinahe in den Wahnsinn triebe. Auch Gruppen, deren Tun von äusseren Unwägbarkeiten abhängt, wie Soldaten, Seeleute und Bauern, kannten und kennen viele magisch-religiöse Handlungen.

Kurt Lussi hat oft gesehen, wie Kräfte wirkten: «Das ist spannend und wunderbar. Aber was wirklich dahinter steckt, ist für mich nicht wichtig.» Beweisen lässt es sich ohnehin nicht. Auch nicht, ob die embryoförmige Kuhle am Lindenberg von Menschenhand aus einem «Chindlistein» gehauen wurde. Aber Kurt Lussi bewahrt das alte Wissen und die Legenden vor dem Vergessen, für jene, die ihre Wurzeln kennen und das Menschsein mit seinen Nöten und Hoffnungen besser verstehen wollen.

Ausstellung
«Zauberwahn & Wunderglauben. Amulette, Ex Voto und Mirakel in Einsiedeln.» Museum FRAM Einsiedeln (Wiedereröffnung : 6. März– 14. Oktober 2012).

Fotos: fotolia.com, zvg

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