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Würdevoll älter werden

Kategorie: Leben
 Ausgabe 01 - 2012 - 01.01.2012

Text:  Susanne Hochuli

Eigentlich wird man im Alter kleiner – nur Susanne Hochuli zieht es in die Höhe. Erste Anzeichen einer beginnenden Midlife-Crisis?

Machen wir uns nichts vor. 2012 wird ein schwieriges Jahr werden, auch wenn Sie das nicht wahrhaben wollen. Für viele von uns wird es sogar schrecklich werden. Dann nämlich, wenn Sie in diesem Jahr das Jahrzehnt wechseln. Stellen Sie sich vor, wenn plötzlich eine Fünf statt eine Vier, eine Sechs statt eine Fünf Sie ausmacht. Ich weiss, man sollte nicht über das Alter reden, beziehungsweise wenn, dann schönreden, weil wir alle ja nur gesund und schön älter werden – sagt auf jeden Fall die Werbung. Die Realität ist brutaler und ich rede jetzt mit Blick zurück aufs alte Jahr, als ich noch ein Jahr jünger und also alles noch besser war. Damit Sie mich richtig verstehen: In meinem Departement ist seit dem 1. Tag dieses schwierig werdenden Jahres die Fachstelle für Alter installiert; die Stelleninhaberin ist eine junge Frau: sportlich, schön, blitzgescheit und voller Engagement für die Sache des Alters, und ich als Departementsvorsteherin sehe mich in der Pflicht, die harten Facts dieses Themas zur Sprache zu bringen:

Ende des alten Jahres sass ich mit Nobilitäten und Honoratioren am Nachbarschaftstreffen im Regierungspräsidium in Freiburg im Breisgau. Mein Tischnachbar, geübt in Small-Talk, fragte mich, ob ich die Festtage im Kreis meiner Lieben verbringen würde. «Nein», sagte ich, «ich gehe auf den Kilimandscharo.» Er schluckte, nippte am Wein, drückte sich die Serviette an die Lippen und meinte, jetzt sei ihm fast etwas Böses rausgerutscht. «Nur zu», meinte ich. «Nein», sagte er. Ich insistiere und er sagte, da würden doch alle in der Midlife-Crisis hochgehen. «Vielleicht finde ich die oben», sagte ich und schmollte. Das durfte ich tun, weil meine Tochter nicht dabei war. Sie hätte mir sonst laut gesagt: «Mami, hör auf, dein Kinn sieht beim Schmollen so komisch aus.» Vor Jahren erzielte ich beim Schmollen ganz andere Reaktionen. Nun, so schlimm kann es nicht sein. «Du siehst auf den Fotos in den Zeitungen so jung aus», mailte mir eine Kollegin. «Die Antifaltencreme wirkt.» Geschmeichelt schrieb ich zurück: «danke» und kokettierte: «aber ich brauche doch Faltenauffüllcreme.» «Stimmt», doppelte sie nach: «für die andere ist es zu spät.»

Aber glauben Sie nicht, das Altern sei eine reine Frauensache, oh nein. «Ich habe manchmal Mühe, nicht mehr so jung zu sein, so gesetzt zu werden, immer mehr graue Haare zu bekommen, halt der übliche Männerselbstmitleidsscheiss», meinte ein Kollege – und der Chefredaktor dieses Blattes. «Hab ich dir schon gesagt, dass ich auf den Kilimandscharo gehe?», mailte ich ihm. Der bald Mittfünfziger schrieb zurück: «Kilimandscharo? Das gehört sich für Leute ab Mitte 40. Machen alle! – und bluffen dann zwei, drei Stehpartys lang die Schwarzen vom Himmel. Ich geh 2013 in den Himalaya. 7300 Meter sind angesagt. Forschungsexpedition. Machen auch alle! – und bluffe dann vier, fünf Stehpartys lang die Sherpas haarig wie Yaks.» Meine liebe Leiterin Fachstelle für das Alter: Hilf uns Mittelalterlichen mit Würde alt zu werden, unsere Schwächen anzunehmen und neue Stärken zu entdecken. u «Mami, hör auf, dein Kinn sieht beim Schmollen so komisch aus.»

Zur Person
Susanne Hochuli, erste grüne Regierungsrätin im Aargau, ist Mutter einer 18-jährigen Tochter und wohnt mit ihr, Hund und Pferden auf ihrem Bauernhof in Reitnau.



Fotos: Erik Cleves Kristensen / flickr cc,  ehsan_00 / flickr / cc 

 

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