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Mein Glücksmantra

Kategorie: Leben
 Ausgabe 08 - 2010 - 01.08.2010

Text:  Thomas Widmer

Thomas Widmer hat einen Traum. Und weil die Wirklichkeit weniger schön sein könnte als die Fantasie, wird er ihn sich nicht erfüllen.

Foto: FLICKR

Die einen halluzinieren sich einen Porsche herbei. Andere würden wahnsinnig gern mal zur Kirschblüte nach Japan reisen. Und wieder andere möchten unbedingt einen Hund. Was mich betrifft: Ich habe permanent und heftig Hausfantasien.

Ich sehe mich selber in einem Haus. In meinem Haus. Draussen heult der Wind. Grimmig rüttelt er an den verrammelten Läden und eiskalt ist er auch. Aber ich weiss: Das Haus hält ihm stand. Und ich habe warm.

Dieser Tagtraum folgt mir in den Schlaf. Dort erlebe ich die Szene des Öftern, stets begleitet vom beruhigenden Gefühl: Der Sturm kann mir nichts anhaben. Denn mein Haus schützt mich.

Ich glaube, fast jeder hat so eine Art Glücksmantra. Ein kleines Bild, das er immer bei sich hat, durchs ganze Leben, und das seine Vision von Glück abbildet.

Mein Haus muss klein sein. Es steht auf dem Land. Es ist vielleicht ein Chalet. Oder doch eher ein Juragemäuer aus gelbem Kalkstein. Die Küche ist grob und gross und so behaglich, dass es eine Wohnstube nicht braucht. Was ich nicht will: Garten. Der stört nur. Das Innen ist mir wesentlich, die Geborgenheit. Samt einem offenen Kamin mit einem Feuer aus Buchenholzscheiten. Dieses Feuer wärmt mich ja sogar in meinen nächtlichen Träumen.

Jeder trägt ein kleines Bild durch sein Leben, das seine Vision von Glück abbildet. Jeder, wie gesagt, trägt doch wohl etwas mit sich, das er hegt und pflegt. Freilich gibt es dann doch zwei Arten, mit dem Seelenbild umzugehen. Es gibt die, die sich den Porsche irgendwann kaufen. Es gibt die, die sparen, bis sie die Japanreise machen können. Es gibt die, die sich tatsächlich den Hund zulegen und dafür sogar die Wohnung wechseln. Dies sind die tätigen Träumer.

Und dann gibt es die anderen Träumer. Die untätigen. Leute wie ich. Sie belassen es bei der Idee. Oder sie verschieben die Realisierung immer wieder. Ich weiss nicht, wie viele Häuser ich mir auf dem Internet schon angeschaut habe. Einige Male fuhr ich zu Besichtigungen, reiste einmal nach Flond oberhalb Ilanz, einmal nach Mervelier im Kanton Jura, einmal ins Calancatal in Südbünden. Auch habe ich auf meinem iPhone eine Immobilienapp installiert mit einem Suchabo, das mir nun alle paar Wochen anzeigt, dass wieder ein Haus wartet, das mir gefallen könnte.

Einmal kam es tatsächlich so weit, dass ich ernsthaft einen Kauf erwog. Ich überlegte mir Dinge wie: Wie bringe ich meinem Chef bei, dass er mich bald nur noch zwei Mal pro Woche sieht, weil ich den Rest der Woche von meinem neuen Zuhause im Tessin aus arbeite? Tagelang war ich elektrisiert, war sozusagen hausverliebt, wälzte Sozialszenarien, studierte den Fahrplan, klärte ab, wie es mit der Ladensituation im Dorf stand.

Und am Schluss? Liess ich es doch bleiben. Denn ich fürchte, dass die Wirklichkeit dem Traum unterlegen sein könnte. Was mache ich, wenn ich am ersten Tag im neuen Haus im Bett liege – und der Wind bläst, doch das Gefühl der Geborgenheit kommt nur so halb, und dann frage ich mich: «Was mache ich eigentlich hier? Ist das nicht unheimlich? Wie bin ich bloss in dieses Haus gekommen?» Ich werde weiter träumen – und es dabei belassen.

Zur Person
Thomas Widmer ist Redaktor und Wanderkolumnist beim «Tages-Anzeiger». Seine Wanderbücher gibt es auf www.echtzeit.ch


Foto: Panoramas / flickr / cc

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