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Gedankensplitter: ❞Sind wir bereit, uns lieben zu lassen?

Kategorie: Leben
 Ausgabe_12/17 - 01.12.2017

Text:  Tobias Karcher

Vor kurzem feierten wir den 80. Geburtstag meines Mitbruders Niklaus Brantschen in Bad Schönbrunn.

Ich sollte die Festansprache halten und musste nicht lange überlegen: Unser Generaloberer – der Chef sozusagen von weltweit gegen 17000 Jesuiten – hatte bei seinem letzten Besuch weise Worte für uns. Am Ende gab er uns, die wir zur Mehrheit in der zweiten Lebenshälfte stehen, eine dreifache Orientierung auf den Weg: Wir sollten immer wieder etwas Neues beginnen. Nicht aufhören zu lieben und uns lieben zu lassen. Und uns einüben im Aushalten und Ertragen – er nannte es «endurance». Worte, bestens geeignet für einen 80. Geburtstag.

Immer etwas Neues beginnen: Hinter diesem Rat steht die Weltfreudigkeit der Jesuiten, die Einladung unseres Ordensgründers Ignatius, Gott in allen Dingen zu suchen. Das macht einen Jesuiten grundsätzlich neugierig und unternehmenslustig. Meinen Mitbruder Niklaus hat dies bis nach Japan geführt. Das Entdecken anderer Kulturen, Religionen, bei ihm insbesondere des Zen, diesem östlichen Meditationsweg – das mag im Vordergrund stehen. Doch ist es vieles mehr, das Niklaus geprägt hat: Er stammt aus einem Bergdorf im Mattertal, brach auf als jüngster einer kinderreichen Familie, wurde Jesuit und Priester und bekannt als Fastenpater, Schriftsteller und Leiter des Lassalle-Hauses, wichtigstes Werk der Schweizer Jesuiten.

Jeder von uns hat verschiedene Rollen, Identitäten, und wir brauchen keinen 80. Geburtstag, um sie Revue passieren zu lassen. So wären spannende Fragen: Was hat uns geprägt, uns zu der unverwechselbaren Person werden lassen, die wir sind? Was heisst Menschwerdung für jede und jeden einzelnen von uns? Wer sind wir bisher geworden und wer möchten wir vielleicht noch werden?

Nicht aufhören zu lieben und uns lieben zu lassen: Niklaus Brantschens Freude an der Begegnung und seine Fähigkeit, Freundschaften zu pflegen, machen aus ihm den Menschen, der er heute ist. Das Gespräch über die Liebe und ihre Bedeutung ist ein Klassiker aller Religionen. Es ist eine sehr persönliche Frage: Sind wir wirklich bereit zu lieben und uns lieben zu lassen?

Und schliesslich das Einüben in «endurance». Aushalten, wo immer wir stehen im Leben, aushalten des Alterns, des Loslassens. Wir sind in unserer Jesuitenkommunität in Bad Schönbrunn wahrlich gesegnet – unser ältester Mitbruder ist 91, und sein Blick aus seinen strahlend blauen Augen ist für mich jedes Mal eine entwaffnende Erfahrung. Aber es gibt auch die andere Seite des Alterns: Das Gebrechlich werden; der Geist lässt nach bis hin zur Demenz … Wir können uns wohl nur vage vorstellen, was hier Aushalten bedeutet. Und doch kann zu jedem Zeitpunkt des Lebens gelten, immer wieder etwas Neues zu beginnen – unseren Weg der Menschwerdung, der über Lieben und Geliebt werden führt, zu Ende zu gehen.❞

Zur Person
Tobias Karcher (54) ist Jesuit und Direktor des Lassalle- Hauses Bad Schönbrunn, Bildungszentrum der Jesuiten in Edlibach im Kanton Zug.


Kurse im *Lassalle-Haus
Zeitinsel um die Festtage
Stille am hektischen Jahresende
Drei Angebote am Wochenende vom  15.–17. Dezember: Kontemplative Tage,  Zen-Einführung und Yoga-Vertiefungstage. 23.–27. Dezember: gemeinsam Weihnachten feiern mit der ref. Pfarrerin Noa Zenger und Jesuit Tobias Karcher; jeweils 27. Dezember–2. Januar: Exerzitien-Woche mit dem Weihnachtsoratorium von Bach und Zen-Sesshin mit Niklaus Brantschen.
Mit altem Wissen zum eigenen Wesen
Faszinierendes Enneagramm
5.–7. Januar 2018, Freitag 18.30 bis Sonntag 13.30 Uhr
Das Enneagramm ist ein grafisches Modell, um Persönlichkeitsstrukturen zu erfassen und das eigene Wesen zu ergründen. Noa Zenger und Reto Bühler loten die psychologische Dimension der fast 2000 Jahre alten Methode aus und legen dabei den Akzent auf die christliche Mystik.
• Im Alter neuen Sinn suchen und finden
Das Beste kommt noch
4 Module ab 25.2.2018. Infotag Montag, 15.1.2018
Es gibt sie: Weise, gütige ältere Menschen, die zu ihren Jahren stehen und dankbar auf die Vergangenheit zurückblicken, ohne sie zu vergolden. Die Kursreihe «Das Beste kommt noch» richtet sich an Menschen, die so werden möchten.
Kurs in 4 Modulen: 25.–28. Februar / 27.– 30. Mai / 26.–29. Aug. / 25.–28. November 2018.
• Infos und Anmeldung:
Telefon 041 757 14 14, infowhatever@lassalle-haus.org, www.lassalle-haus.org

Das *Lassalle-Haus in Edlibach ist ein von Jesuiten geführtes interreligiöses, spirituelles Zentrum mit einem breiten Kursangebot, das von Zen-Meditation über Naturseminare bis zu klassischen Exerzitien reicht. Für «natürlich» schreiben der Jesuit Tobias Karcher und die Pfarrerin Noa Zenger abwechselnd die Kolumne «Gedankensplitter».

Foto: zvg

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