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«Zehnmal mehr getan, so wäre nicht einer verhungert»

Kategorie: Leben
 Ausgabe_12/2016 - 01.12.2016

Text:  Martin Arnold

Vor 200 Jahren litt die Schweiz unter einer Hungerkrise; im Osten des Landes herrschte gar die nackte Hungersnot – Tausende starben. Die Katastrophe hätte man vermeiden können, wären alle Hilfsmöglichkeiten gebündelt und mit dem entsprechenden politischen Willen durchgesetzt worden. Doch viele Kantone schlossen ihre Grenzen. Lernen wir aus der Geschichte?

@ Historisches und Völkerkundemuseum St. Gallen, istockphoto.com

Ein Elendszug wälzt sich durch St. Gallen – wieder Hungertote in Hundwil!» Solche Schlagzeilen sind wir uns von Afrika, Nordkorea oder Syrien gewohnt. Aber nicht aus der Ostschweiz. Und doch war dies vor 200 Jahren bittere Wirklichkeit. Dank Zeitzeugen wie Peter Scheitlin, Pfarrer, Professor und Gründer mehrerer Hilfsgesellschaften, sind Schilderungen erhalten, die unter die Haut gehen.

«Eine dieser Haushaltungen machten mich wehmütig und froh: wehmütig, weil die Armut fürchterlich war, froh, weil ich sah, wie Vater und Mutter das Unglaubliche für ihre Haushaltung taten. Der Vater war Stocker, ein Taglöhner, der die Stöcke, Strünke und Wurzeln abgehauener Bäume ausgrub. Welch ein Beruf im Winter. Welch eine Arbeit, den Tag im Schnee zwischen den mit Eis behangenen Tannen zuzubringen, und die eisernen Stangen und Werkzeuge mit ihrer starren Kälte von morgens bis in die Nacht in den Händen zu haben. Mit leeren Magen oder nur ein wenig dünner Brühe, erlag er mehrmals, wurde im Wald zufällig wie tot gefunden und dann nach Hause getragen. Nach wenigen Tagen erging es ihm wieder so. Die Mutter tat ebenfalls alles ihre Mögliche. Täglich ging sie etwa eine Dreiviertelstunde in die Stadt hinunter, entweder Blut oder auch nur Kuttelwasser zu holen.»

Das Jahr ohne Sommer. Am Anfang der letzten grossen Hungerkrise in der Schweiz stand der Ausbruch des Vulkans Tambora auf der indonesischen Insel Sumbawa im April 1815. Mehr als 90 000 Menschen kamen unmittelbar dort ums Leben. Die Asche wurde rund 30 Kilometer in die Atmosphäre geschleudert und veränderte das Weltklima. Auf der nördlichen Halbkugel herrschte im Folgejahr statt Sommer Elend bringender Winter. Im Toggenburg schneite es über dreissig Mal. Nicht nur in der Ostschweiz, fast auf der gesamten nördlichen Erdhalbkugel konnte nur ein Bruchteil der üblichen Ernte eingefahren werden.

Vor allem Europa und Nordostamerika traf es hart. Die Ostschweiz besonders schlimm. Hier waren aus vielen Bauern Heimarbeiter geworden, die auf ihren Höfen stickten und woben; Vieh hielten sie kaum mehr, viele Felder lagen brach. Die Textilwirtschaft brachte in den Jahrzehnten zuvor einen kleinen Wohlstand, der zu einem starken Bevölkerungswachstum führte.

Den Nahrungsmittelbedarf deckte die Ostschweiz überwiegend mit Importen, die aber 1816 und in der ersten Hälfte 1817 praktisch zum Erliegen kamen. Denn auch Baden, Württemberg und Bayern, die traditionellen Lieferanten, litten unter Missernten und stoppten die Exporte.

Die Katastrophe wäre in diesem Ausmass zu vermeiden gewesen, hätte man alle Hilfsmöglichkeiten gebündelt und mit dem entsprechenden politischen Willen durchgesetzt. Viele Kantone schlossen jedoch ihre Grenzen, der Kanton Waadt bewachte sie sogar, damit ja kein Korn den Weg nach Osten fand.

Hilfe aus Russland. Und so haben die Menschen in der Ostschweiz aus Not Gras gegessen. Der Hunger trieb sie aus den ländlichen Gebieten auf der Suche nach Essbarem scharenweise in die Gassen St. Gallens. Es gab keine Arbeitslosenhilfe und kein Sozialamt, das man hätte um Hilfe bitten können. Viele wohlhabende Kommunen und reiche Leute zierten sich und wendeten sich ab. Wie heute: aus den Augen aus dem Sinn. Aber andere halfen: Institutionen und Private, allen voran Zar Alexander I. von Russland, der sich als christlicher Erneuerer des Abendlandes verstand. Seine 100 000 Rubel für die Ostschweiz
waren sehr willkommen. Doch dies reichte nicht. Ein Durchreisender in St. Gallen berichtete:

«Wir können keinen Schritt tun, ohne von einem Dutzend zerlumpter, barfüssiger Frauen, Männer und Kinder umringt zu werden. Sie zerren an uns, sie  ehen, man möge sich ihrer erbarmen. Die eingefallenen, runzligen Gesichter der Kinder erinnern an Greise, ihr Blick ist ausdruckslos. Manche Münder sind blutrot. Es ist Tierblut, das diese Menschen getrunken haben, die letzte verbliebene Nahrungsquelle. Hier herrscht keine Hungerkrise wie vielerorts in Europa und in anderen Kantonen der Schweiz. Es ist die nackte Hungersnot, und die Menschen kämpfen um ihr Leben.»

Kollektives Versagen
Trotz Millenniumsziel 1 – Beseitigung der extremen Armut und des Hungers – , das 2000 von einer Arbeitsgruppe aus Vertretern der UNO, der Weltbank, der OECD und mehreren Nichtregierungsorganisationen formuliert und auf dem sogenannten Millenniumsgipfel beschlossen wurde: Noch immer wird beinahe einer Milliarde Menschen die notwendige Nahrung vorenthalten. Zu essen gäbe es genug. Laut UNO könnte die Weltlandwirtschaft problemlos 12 Milliarden Menschen ernähren. Das heisst, sagt der ehemalige UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung und Globalisierungskritiker Jean Ziegler: «Ein Kind, das heute an Hunger stirbt, wird ermordet.» Sicher, wir lassen sie nicht absichtlich verhungern. Aber mit unserem Lebensstil und Konsumverhalten verursachen wir das Leid. Was tun? Bertolt Brecht, der einflussreiche deutsche Dramatiker und Lyriker des 20. Jahrhunderts, hat es auf den Punkt gebracht: «Ändere die Welt, sie braucht es.»

Krank vor Hunger. Die politischen Verhältnisse waren schon vor der Hungersnot unstabil. Und die Textilwirtschaft schlidderte ausgerechnet während der Hungersnot in eine schwere Krise, was die Not vergrösserte. Ab 1815 standen immer mehr Spinnräder und Webstühle still. Schuld daran war die Aufhebung der von Napoleon I. verhängten Kontinentalsperre. Die Grenzen waren wieder offen und England überschwemmte den Kontinent mit billigen Garnen und Tüchern. Die Preise sanken so stark, dass viele Weber für ihr Tuch nicht einmal mehr den Garnpreis als Gegenwert erhielten. Während sich die Nahrungsmittelpreise bis in den Frühsommer 1817 verfünffachten, sanken die Erträge aus der Textilindustrie teilweise auf 20 Prozent dessen, was die Heimarbeiter Jahre zuvor noch bekamen; wenn die Tücher überhaupt noch verkauft werden konnten. Diese auseinanderklaffende Schere zwischen Einnahmen und Ausgaben konnten viele nicht verkraften. Der Hunger kam schleichend und immer begleitet von der Hoffnung, die Knappheit gehe bald vorbei. Aber sie blieb.

Krankheiten breiteten sich aus. Pfarrer Scheitlin sah Ruhr, Typhus-Epidemien, Nerven- und Faul eber, greisenhaft aussehende Jugendliche ohne Muskeln. Er beschreibt Hungergeschwulste, Schwäche der Gliedmassen, Krätze, Hautinfekte, Furunkel, Körperödeme, Skorbut (Vitamin-C-Mangel), Pellagra (Vitamin-B-Mangel) und Rachitis (Kalzium-Mangel), auch bekannt als englische Krankheit.

Der lang anhaltende Hunger führte bei vielen zum Zusammenbruch des Stoffwechsels. Heisshunger oder «Hundshunger» entwickelte sich zu einer Sucht, die einen Hungernden alles verschlingen liess, was er in die Finger bekam. So war eine Wochenration in einer Stunde weg. Viele Frauen hatten keinen Monatszyklus mehr; Mangelernährung verhinderte die Produktion männlicher Spermien. Das war eine natürliche Geburtenkontrolle. Einige Quellen berichten, dass sich einige aus Verzweiflung das Leben genommen haben.

Quelle
Peter Scheitlin: «Meine Armenreisen in den Kanton Glarus und die Umgebung der Stadt St. Gallen in den Jahren 1816 und 1817. Ein Beitrag zur Charakteristik unserer Zeit.» Erschienen 1820 in St. Gallen bei Huber und Kompagnie.

Der Buchtipp
Jean Ziegler «Ändere die Welt. Warum wir die kannibalische Weltordnung stürzen müssen», Penguin Verlag, 2016, Fr. 14.90

Fotos: Historisches und Völkerkundemuseum St. Gallen, Illustration: istockphoto.com

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