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Reizvolle Kontraste

Kategorie: Leben
 Ausgabe_07/08_2016 - 01.07.2016

Text:  Sandra Papachristos Rickenbach

Eine abwechslungsreiche Stadtwanderung in St. Gallen führt zu weltlichen und geistlichen Zeugen der Vergangenheit, zur knallroten Stadtlounge von Pipilotti Rist und endet – wenn man mag – mit einem Bad im Naherholungsgebiet Drei Weieren.

Wer heute im Bahnhof St. Gallen ankommt, ist einer von Tausenden. Doch als am 24. März 1856 der erste Zug in St. Gallen einfuhr, war das eine Sensation. Lange hatte die Bevölkerung darauf gewartet, dass der Schienenstrang von Winterthur her näherrückte. Als es so weit war, füllten sich die Strassen mit Menschen, die zum ersten Mal in ihrem Leben eine Eisenbahn sehen wollten.

Unsere Stadtwanderung macht sich auf die Suche nach den Zeugen der textilen Vergangenheit, der Kantonshauptstadt. Doch zu Beginn führt sie zu einem Werk von Pipilotti Rist. Die internationale Karriere der Rheintalerin nahm 1994 im Kunstmuseum St. Gallen ihren Anfang. Von der Vadianstrasse biegt eine Gasse ab, die den Stadtwanderern den roten Teppich ausrollt und mitten in der mit knallrotem Gummibelag ausgekleideten Stadtlounge im Bleicheli-Quartier endet. Das öffentliche Wohnzimmer mit der gummierten Möblierung und der originellen Beleuchtung in Wolkenform wurde von Pipilotti Rist und dem Architekten Carlos Martinez entworfen. Kinder werden meist magisch vom plätschernden Brunnen angezogen – nur hier darf man in einem Wohnzimmer nach Herzenslust herumplanschen. Zurück auf der Vadianstrasse steht man bald darauf vor dem Textilmuseum, dessen Fassade eine St. Galler Spitze aus Metall ziert. Aber auch in den belebten Gassen der Altstadt ist die textile Vergangenheit St. Gallens abzulesen. Denn damals machten nicht nur Kleider Leute, sondern auch Erker. Wer etwas auf sich hielt, war Besitzer eines Hauses in der Multer- oder Spisergasse, die die wichtigste Verkehrsachse der mittelalterlichen Stadt bildeten. Der Reichtum der meist in der Textilbranche tätigen Bewohner zeigte sich in Form von kunstvollen Erkern, die grösstenteils bis heute erhalten geblieben sind: Der Blick nach oben lohnt sich. Ursprünglich war die Multergasse eine Handwerkergasse, in der vor allem die Bäckerszunft stark vertreten war: «Muelt» bedeutete Backtrog. Am Ende der Spisergasse wären wir vor 1879 durch das Spisertor gelaufen, dieses wurde aber wie fast alle anderen Stadttore abgetragen.

Am Ende der Spisergasse zweigt auch die Zeughausgasse ab. Auf der Höhe des Restaurants Zeughaus steht ein letzter Rest der ursprünglich fünf Meter hohen Scheidemauer, die einst den Klosterbezirk von der Stadt trennte. Das vierhundert Meter alte Mauerstück ist gemeinsam mit dem in der Nähe gelegenen Karlstor ein Sinnbild für die jahrhundertelangen Zwistigkeiten zwischen dem Fürstabt und den Bürgern der Stadt St. Gallen. Die inneren Türflügel konnte nur der Abt, die äusseren nur der Bürgermeister öffnen – für ein Durchkommen mussten sich also beide Seiten einig sein. Hinter dem Tor liegt die Pfalz, die bis zu Beginn des 19. Jahrhunderts der Sitz des Abtes war und heute das Regierungsgebäude des Kantons St. Gallen ist. Unweit davon entfernt sind zwei Werke des internationalen Künstlers Santiago Calatrava zu sehen: die einem Auge ähnelnde Notrufzentrale und das filigrane Tor zum Pfalzkeller, das im Boden versenkt werden kann.

Die weltberühmte Stiftsbibliothek, die Kathedrale sowie der Klosterplatz sind Unesco-Weltkulturerbe. Die spätbarocke Anlage mit der zu den ältesten der Welt zählenden Bibliothek ist ein ganz besonderer Genuss. In den edlen Räumen der Stiftsbibliothek stehen rund hundertsechzigtausend Bücher, darunter einige Handschriften aus dem Frühmittelalter.

Weiter geht es zur romantischen Mühleggschlucht, die der Legende nach Ursprungsort der Stadt sein soll. Die Stadtwanderer erreichen sie über den Gallusplatz, auf dem sich mehrere schöne Fachwerkhäuser aneinanderschmiegen. Von einer Brunnensäule herab mustert der Stadtpatron Gallus die Vorbeigehenden auf ihrem Weg zur Mühleggschlucht, wo sie entweder zu Fuss oder mit der Drahtseilbahn ins Naherholungsgebiet Drei Weieren in St. Georgen gelangen. Ein Sprung in den erfrischenden Mannenweier macht den Ausflug in die sommerliche Kantonshauptstadt perfekt. Auch die idyllische Weiherlandschaft ist ein Zeuge der textilen Vergangenheit St. Gallens. Denn während der Blüte des Leinwandhandels wurde viel sauberes Wasser für den Bleichprozess benötigt, das sich in den künstlich angelegten Weihern speichern liess.

Von den Hängen des Dreilindenhügels bietet sich auch eine schöne Übersicht auf die ganze Stadt. Ins Auge fallen insbesondere die vielen Türme aus unterschiedlichsten Epochen: von den historischen Türmen der Kathedrale bis zum modernen Rathausturm beim Bahnhof. Schlusspunkt der reichhaltigen Stadtwanderung ist das Kloster Notkersegg aus dem Jahr 1381. Die gleichnamige Station der Trogenerbahn verbindet die meditative Stille des bis heute aktiven Kapuzinerinnenklosters mit dem quirligen Stadtleben St. Gallens. 

Das Buch «Wandern rund um den Säntis» stellt 30 Wanderungen zwischen Pizol, Säntis und Bodensee vor und ist als Leserangebot zu einem Vorzugspreis erhältlich.

Stadtwanderung
• Ausgangspunkt
Bahnhof St.Gallen
• Endpunkt
Station Notkersegg (Appenzeller Bahnen), 10 Minuten Rückfahrt bis Bahnhof SBB St.Gallen
• Strecke
4 km
• Höhendifferenz
150 m Aufstieg, 40 m Abstieg
• Wanderzeit
1. Stunden, mit Besichtigungen entsprechend länger
• Route
Vom Bahnhof St.Gallen via Vadianstrasse bis rechts zur roten Gasse Richtung Stadtlounge. Zurück zur Vadianstrasse und vorbei am Textilmuseum in die Multer- und Spisergasse. Vor der Kreuzung Spisertor rechts hinauf in die Zeughausgasse, vorbei am Pfalzkeller, zum Karlstor und unter dem Regierungsgebäude hindurch in den Klosterhof. Nun nach links und über den Gallusplatz zur Talstation der Mühleggbahn, weiter zu Fuss oder mit der Drahtseilbahn durch die Mühleggschlucht hinauf ins Quartier St.Georgen. Von dort führt der aussichtsreiche Dreilindenweg vorbei an den Drei Weieren und dem Kloster Notkersegg bis zur Station Notkersegg der Appenzeller Bahnen.
• Unterkunft und Verpflegung
Diverse Restaurants in St.Gallen, an der Route liegen zum Beispiel: Hotel Restaurant Dom, Telefon 071 227 71 71, www.hoteldom.ch, Restaurant Scheitlins büchel, Telefon 071 244 68 21, www.scheitlinsbuechel.ch
• Karte
Stadtplan von St.Gallen, bei Tourismus-Info St.Gallen am Gallusplatz und im Stiftsbezirk erhältlich
• Informationen
St.Gallen-BodenseeTourismus, Telefon 071 227 37 37, www.st.gallenbodensee.ch

Fotos: Roland Gerth, AT Verlag, www.at-verlag.ch, www.swiss-image.ch/Stephan Schacher

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