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Der mobile Abendkurs

Kategorie: Leben
 Ausgabe_05_2016 - 01.05.2016

Text:  Eva Rosenfelder

Das Internet hat Kurse, Ausbildungen und Lehrgänge revolutioniert und verändert unsere Beziehung zum Wissen. Über Chancen und Risiken von E-Learning-Angeboten.

Wir leben in einer Zeit, in der die digitale Welt in alle Lebensbereiche dringt. Unmerklich hat das Internet die Welt revolutioniert. Auch das Bildungssystem hat sich in den letzten Jahren digital vernetzt. «Lernen online» ist Teil der Lernwelt geworden, schon von Kindesbeinen an. Daniela Tenger analysiert am Gottlieb Duttweiler Institut aktuelle Geschäfts- und Konsumtrends der Gesellschaft. Das Bildungssystem hinke dem Zeitalter der Vernetzung noch hinterher, aber die Digitalisierung lasse die Möglichkeiten der Wissensvermittlung explosionsartig ansteigen, erklärt der Senior Researcher. «Noch wird da und dort die Kritik laut, es sei längst nicht alles ausgereift.»

Digitale Grenzen. Ob Sprache, Kunst, Mathematik, Naturheilkunde, Journalismus oder Kriminologie – kaum ein Wissensgebiet ohne die entsprechenden Online-Weiterbildungen. Hat der altehrwürdige AKAD-Abendkurs definitiv ausgedient? Braucht es bald keine Lehrkräfte mehr? Daniela Tenger winkt ab: «Einen persönlichen Kontext wird es in der Bildung immer brauchen, zudem haben wir ein Bildungssystem mit gewaltigem Beharrungsvermögen. Doch es stehen uns neue Möglichkeiten und Chancen der Wissensvermittlung zur Verfügung.»

Mit dem beschleunigten, digitalen Tempo tun sich vor allem die 40- bis 60-Jährigen schwer, weiss Peter Zellmann vom Institut für Freizeitforschung Wien. Diese Altersgruppe ist nicht mit den vielseitigen Angeboten und modernen Technologien aufgewachsen, sondern nur angelernt. Manche kommen an ihre Grenzen und verschliessen sich den neuen Wegen und Möglichkeiten, die aber längst nicht nur für eine jüngere Generation geeignet sind: Wesentlich ist, einen individuell passenden Umgang mit den neuen Technologien zu finden. Doch was immer wir tun: Die modernen Kommunikationskanäle haben die Welt so oder so erobert und prägen unsere Gesellschaft tiefgründig.

Bildung jederzeit, überall. «Die zunehmende Digitalisierung verändert nicht nur unsere Beziehung zu Informationen, sondern auch unseren Umgang mit der Wissensvermittlung», sagt Daniela Tenger. So schaffe sie neue Möglichkeiten fürs Lernen in allen Bereichen und mache Bildung flexibel: Alles überall und zu jeder Zeit dank Smartphone, Cloud und Wifi. Sprachen lernen mit Apps, Gärtnern, Kochen oder Computer reparieren dank Youtube. Immer mehr Bildungsanbieter experimentieren mit E-Learning. Bildung ist nicht mehr gebunden an eine bestimmte Zeit, nicht an einen bestimmten Ort, noch an eine bestimmte Lehrperson und schon gar nicht an eine bestimmte Methode oder an ein Lehrmedium: Das digitale Zeitalter löst gewohnte Strukturen auf. Heisst das, dass die Individualisierung zunimmt und wir nur noch für uns allein lernen werden? «In irgendeiner Form werden immer alle Kanäle existieren», ist sich Daniela Tenger sicher. «Aber je nach Zusammenhang und Bedürfnis suchen wir als Lernende den Kanal, der gerade für uns am besten passt.» Es gehe dabei um die Koexistenz verschiedener Modelle, nicht «schwarz oder weiss», sondern «sowohl als auch».

Lebenslang lernen. Auf universitärer Ebene tragen Online- Seminare, genannt auch Webinare, spezifiziertes Wissen in die weite Welt. Vorlesungen auf Hochschulbasis können für alle und weltweit zugänglich im Internet mitverfolgt werden. Diese «Massive Open Online Courses», kurz MOOCs, sind auf europäischen Internetplattformen wie iversity.org oder openuped.eu zu finden und auch auf ihren amerikanischen Pendants coursera.org und edX.org. Die didaktisch fundierten Seminare sind meistens auf Englisch gehalten und werden stets mit Übungen und Foren ergänzt. Die Teilnahme ist gratis und steht allen offen, auch ohne Immatrikulation an einer Uni. Bis anhin sind diese Kurse noch als Ergänzung zu regulären Studiengängen konzipiert – ein Abschluss kann damit (noch) nicht erlangt werden.

Während deutschschweizer Hochschulen noch zurückhaltend auf diesen Trend reagieren, ist die Entwicklung in der Westschweiz von erster Stunde an auf fruchtbaren Boden gefallen: «Die Online-Kurse sind ein Instrument, mit denen man sich als Hochschule auf Gebieten, in denen man stark ist, auf globaler Ebene sichtbar machen kann, um so auch international für sich zu werben», ist Karl Aberer, Vizepräsident der EPFL (École polytechnique fédérale de Lausanne) überzeugt. Damit steige zwar die Konkurrenz, doch darin sieht er nur Vorteile: «Durch eine höhere Sichtbarkeit steigt auch die Qualität der Vorlesungen. Dozierende geraten unter dem Auge einer globalen Zuhörerschaft ein wenig unter Zugzwang, neue Modelle der Unterrichtsgestaltung zu entwickeln und Topqualität bei der pädagogischen Gestaltung der Wissensvermittlung zu liefern.» MOOCs seien vor allem geschätzt von Fachabsolventen auf universitärer Ebene, die bereits Bachelor oder Master in der Tasche haben, ihr Wissen aber vertiefen und erweitern wollen. «Die Tendenz heute geht in Richtung lebenslanges Lernen.» Und dies kann heute sowohl übers Internet als auch im Hörsaal stattfinden.

In Lausanne suche man aktuell nach Wegen, Online-Seminare als zertifizierbare Leistung anzubieten, erklärt Karl Aberer. Gemäss Schätzungen wird sich die Zahl der Studenten bis ins Jahr 2030 weltweit vervierfachen und ein grösseres, heterogeneres Publikum wird erwartet. «Die unzähligen Online-Lernangebote sind die Antwort auf diese Entwicklung und ermöglichen ein Lernen im eigenen Rhythmus mit weniger Stress oder Risiko», so Aberer. Die Module könnten kostenlos besucht und jederzeit abgebrochen werden. Bezahlt würde lediglich bei der Zertifizierung, was aber bei MOOCs bis jetzt erst teilweise umgesetzt worden ist. Zertifizierungen werden von universitärer Seite mitunter auch wegen der Kosten angestrebt: Immerhin satte 50 000 Franken kostet die Produktion eines im Internet übertragbaren Kurses. Neben der Sichtbarkeit lohne sich das auch, weil in nicht allzu ferner Zukunft komplette Studiengänge online absolviert werden können. Angebote, die in den USA bereits existieren. «Es gibt ausserhalb der universitären Ebene bereits schon eine grosse Bandbreite an Möglichkeiten und Zertifikaten», sagt Daniela Tenger. Sie beobachtet aber auch, dass die zahlreichen Abschlüsse sich zum Teil selber entwerten durch ihre Masse.

Digitale Wissensflut. Die komplexe vernetzte Welt macht vielen Bauchweh. Andererseits sind Lernansprüche so individuell, dass es immer Lehrpersonen aus Fleisch und Blut brauchen wird, um flexibel genug darauf eingehen zu können. Aufgabe dieser Lehrkräfte wird es auch sein, zu helfen und zu motivieren beim Umgang mit dieser explosionsartig sich ausbreitenden Wissensflut. Die Kehrseite der virtuellen Abendschulen, Bibliotheken und Wissenssammlungen ist die hinterlassene Datenspur. «Wir sind heute technologisch schon viel weiter, als wir es uns wirklich bewusst sind», sagt Daniela Tenger, «längst sind wir zu gläsernen Menschen geworden.» Wer die Kontrolle über unsere Daten hat, die wir so bereitwillig unseren Geräten einfüttern, ist selbst Fachleuten unklar. Das sollte man im Hinterkopf behalten bei der Reise in verlockende digitale Welten, die so viele Lernmöglichkeiten eröffnen. Zu guter Letzt gilt auch beim E-Learning, was auf der Schulbank gilt: «Um wirklich handfeste Lernergebnisse zu erreichen, braucht es auch auf digitalem Weg Ziel und Motivation», sagt Daniela Tenger. Klicken allein genügt also nicht. Auch ein noch so lecker aufbereitetes Learning-Angebot lässt das nicht wegschlecken. Leben und Lernen erfordern Tun – nach wie vor.

Buchtipps
• Kai Uwe Hupper, Markus Walber: «Digitale Lernwelten», Springer VS
• Jörg Dräger, Ralph Müller-Eiselt: «Die digitale Bildungsrevolution», Deutsche Verlags-Anstalt

Illustrationen: Lina Hodel

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