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Hinaus in die Welt

Kategorie: Leben
 Ausgabe_10_2014 - 01.10.2014

Text:  Peter Maier

Auf der Schwelle zum Erwachsenwerden: Mentor Peter Maier begleitet Jugendliche während eines naturpädagogischen Initiationsrituals.

«Gehe hinaus und suche dir einen Platz, an dem du dich wohlfühlst. Sitze still und lausche auf alle Geräusche – erst auf die nahen, dann auf die ferneren. Rieche und fühle.»

Mit dieser Aufforderung sind die neun Jugendlichen des naturpädagogischen Initiationsrituals WalkAway am ersten Tag losgeschickt worden. Zwei Stunden sollten sie sich Zeit nehmen, um danach zum Basislager auf einer Wiese am Waldrand zurückzukehren und die folgenden Fragen zu beantworten:

«Was hast du alles wahrgenommen? Warum warst du an diesem bestimmten Ort? Und was ist deine Absicht an diesem Ritual?»

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Die drei Mädchen und die sechs Jungen im Alter von 15 bis 18 Jahren haben sich nach einer mehrmonatigen Vorbereitung entschieden, an diesem viertägigen Initiationsritual teilzunehmen. Begleitet werden sie von einem dreiköpfigen Leitungsteam – zwei Frauen und mir. Gestartet wird im ausgebauten Dachboden eines Biobauernhofs. Die ersten zwei Tage dienen der Vorbereitung auf den eigentlichen Kern des Rituals, die sogenannte Solozeit. Dabei verbringen die Jugendlichen einen Tag und eine Nacht alleine in der Natur. In mehreren Schritten werden die jungen Leute dazu hingeführt.

Noch einmal gehen wir Leiter mit den Jugendlichen gemeinsam zur Erkundung in das Gelände, das einen knappen Kilometer von dem Biohof entfernt liegt: ein ausgedehnter Wald mit Lichtungen, einige Wiesen und ein kleiner See. Bei allen folgenden Übungen sind die Jugendlichen dann allein – jeder für sich. Während des Tages schlagen wir Leiter unser Quartier am Waldrand auf. Dieser Ort in einer Wiese dient als Basislager, in das die Teilnehmer nach jeder einzelnen Naturübung wieder zurückkehren.

Was ist ein WalkAway-Ritual?
Der WalkAway ist sowohl ein modernes und gleichzeitig auch ein uraltes Übergangs- oder Initiationsritual, mit dessen Hilfe Jugendliche in unserer westlichen Gesellschaft die Möglichkeit erhalten, ihre Pubertät ganz bewusst zu verlassen und in die Lebensphase des Erwachsenseins einzutreten. Der Grundgedanke stammt dabei von nordamerikanischen Indianerstämmen, bei denen besonders die Jungen an der Schwelle zum Erwachsenwerden für einige Tage und Nächte alleine, aber unter der begleitenden Aufsicht von Initiations-Mentoren, in die Wildnis geschickt wurden.

Symbolische Schwelle

Vor der ersten Aufgabe legen die Jugendlichen – jeder für sich – eine symbolische Schwelle aus einigen Steinen oder Ästen auf den Boden und konzentrieren sich auf die bevorstehende Aufgabe. Denn mit dem bewussten Überschreiten dieser Schwelle betreten sie einen anderen Raum – den Naturraum als eine Art von Anderswelt. Jede dieser Naturübungen stellt ein Ritual im Kleinen dar, das durch zwei Schwellenübertritte hinaus in die Natur und am Ende wieder zurück zum Basislager eingerahmt wird. Die Zeit dazwischen heisst daher auch Schwellenzeit, in der sich die Jugendlichen mit sich allein in der Natur mit all ihren Wesenheiten befinden – mit den Wildtieren, mit den Blumen, Pflanzen und Bäumen. Mutter Natur kann uns Menschen gleichsam ein Spiegel für unsere inneren seelischen Prozesse sein, wenn wir nur offen dafür sind. Wir können in solch einer Schwellenzeit Botschaften und Impulse für unser Leben und für unsere gegenwärtigen Themen und Fragen erhalten.

Nach der Rückkehr versammeln sich die Mädchen und Jungen wieder im Kreis zusammen mit den Leitern im Basislager vor dem Wald. Nun erzählt jeder Einzelne von seinen Erlebnissen während der Schwellenzeit. Nach jeder Geschichte geben wir Mentoren dem Jugendlichen einen Spiegel: Wir weisen auf wichtige Punkte der Erzählung hin, machen dem Jugendlichen Mut, seinen Wahrnehmungen zu vertrauen, und stellen seine Erlebnisse in den grösseren Zusammenhang seiner ganzen Persönlichkeitsentwicklung. Dies wird während der ersten zwei Tage stets gleich gehandhabt. Jede dieser Naturübungensoll die Jungen und Mädchen näher an den Kern des WalkAway – die Solozeit – hinführen.

Der Autor
Peter Maier wurde 1954 in Oberbayern geboren. Seit 1981 ist er Gymnasiallehrer. Er ist ausgebildeter Initiations-Mentor und hat zum Thema mehrere Bücher verfasst.

Mit der Natur und sich selbst

Am Morgen des dritten Tages ist es dann so weit. Bereits um 5 Uhr früh werden die Jugendlichen geweckt. Um 6 Uhr versammeln sich alle am Waldrand. Dort haben wir Leiter am Abend zuvor einen Steinkreis gelegt. Er stellt die Schwelle für den bevorstehenden Übertritt in die Solozeit dar. Einen Tag und eine Nacht lang werden die Jugendlichen auf vier Dinge verzichten: auf jeden Kontakt mit Menschen, auf Essen, auf eine feste Behausung und auf alle Kommunikationsmittel wie Handy oder Smartphone. Mit dabei haben die Jugendlichen nur einen Rucksack mit Wechselwäsche, einen Schlafsack, eine Matte und eine Regenplane, ein Tagebuch sowie etwa vier Liter Wasser.

Nach einer kurzen Verabschiedung tritt jeder Einzelne in den Steinkreis und wird von uns Mentoren noch einmal bestärkt und ermutigt. Danach werden mit einer Bussardfeder symbolisch alle Verbindungen zur Realwelt durchgeschnitten. Mit dem Heraustreten aus dem Kreis ist jeder für 24 Stunden ganz allein auf sich gestellt und gilt ab jetzt als «unsichtbar».

Schon am Tag zuvor hat sich jeder Teilnehmer einen Platz im Wald gesucht, der uns Leitern bekannt ist. Dort werden die Jugendlichen vor allem die Nacht unter der Plane verbringen. Ansonsten ist jeder frei, dort zu sein, wo es ihn hinzieht, und das zu tun, wozu er Lust hat. Alles, was in dieser Zeit geschieht, alle Erlebnisse und Begegnungen der Natur, können eine Bedeutung haben für den weiteren persönlichen Entwicklungsprozess. Jeder hat einen Partner in der Nähe, der, zwar unsichtbar, im Notfall jedoch durch eine Trillerpfeife oder durch lautes Rufen benachrichtigt werden könnte.

Alle halten durch, obwohl am Abend ein Gewitter aufzieht und es über mehrere Stunden immer wieder regnet. Am Morgen des nächsten Tages kommen die Jugendlichen wieder zurück – immer noch schweigend. Vor den Augen der mittlerweile angereisten Eltern und Verwandten tritt jeder in den Steinkreis und wird von uns Leitern mit der Bussardfeder wieder «sichtbar» gemacht. Nach einer kurzen Begrüssung mit den Eltern und nach einer Tasse Tee und einem Stück Brot zum Fastenbrechen sitzen alle im Kreis, um den Geschichten der jungen Menschen zu lauschen. Damit beginnt der letzte Teil des WalkAway-Rituals – die «Rückkehr und Wiedereingliederung».

Nachdem alle Geschichten erzählt und gespiegelt sind, endet die Rückkehr mit einem Brunch, den die Eltern von zu Hause mitgebracht haben.

Buchtipp
Peter Maier: «Initiation – Erwachsenwerden in einer unreifen Gesellschaft.
• Band I: Übergangsrituale» sowie «Initiation – Erwachsenwerden in einer unreifen Gesellschaft.
• Band II: Heldenreisen», beide MV-Verlag Münster. Direkt zu beziehen über: www.initiation-erwachsenwerden.de

Foto: zvg, Illustration: Lina Hodel

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