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Putzfrauenferien

Kategorie: Leben
 Ausgabe_07_08_2014 - 01.07.2014

Text:  Thomas Widmer

Thomas Widmer verbringt seine Putzfrauenferien planlos. Er lässt sich treiben. Denn was gibt es Schöneres, als sich einen sprunghaften Tag zu machen und jeder Laune zu folgen.

Als ich kürzlich frühmorgens von meinem Lebensort Zollikerberg nach Zürich hinabfuhr, fühlte ich mich formidabel. Ich war ein Spasstorpedo. Ein Geheimagent der Lebenskunst. Wild entschlossen, in wenigen Stunden viel zu erleben. Die anderen Leute fuhren zur Arbeit. Ich hatte Putzfrauenferien.

Meine Putzfrau kommt alle zwei Wochen und fragt ein paar Tage vorher jeweils per SMS an, ob die Wohnung an dem und dem Vormittag oder Nachmittag frei sei. Als die Putzfrau kürzlich an einem Samstag simste, ob es am Dienstagvormittag ginge, sagte ich ja. Doch dann, das gehört zu meinem Teilzeitjob, verschob sich kurzfristig etwas in meinem Arbeitsplan. Am Montagabend wusste ich, dass ich am Dienstag freihaben würde.

Ich beschloss, von der Terminkollision zu profitieren und wieder einmal Putzfrauenferien zu machen. Unten in Zürich ging ich gegen halb acht in mein Lieblingscafé, nahm einen Kaffee und einen Mandelgipfel, las Zeitung, fand einen Denkfehler in der NZZ und schaute dem Regen zu. Meine Putzfrauenferien sind – das ist der Plan – planlos. Ich lasse mich treiben.

Irgendwann kam mir die Idee, ich könnte zum Coiffeur; irgendwie juckten mich die langen Haare. Normalerweise mache ich das immer dort, wo ich wohne. Diesmal war mir nach Spontanschnitt. Im Salon im HB hatten sie Platz. Ich sagte der Coiffeuse, ich wolle eine Frisur wie ein türkischer Intellektueller. Die Coiffeuse zückte die Schermaschine. 15 Minuten später sah ich aus wie ein grauhaariger Igel.

Ich schlenderte zur Fahrplantafel, studierte das Angebot. Ins Historische Museum Uri wollte ich schon lange einmal, dachte ich, als ich sah, dass demnächst ein Zug Richtung Gotthard fahren würde. Also ab nach Altdorf ! Ich wollte gerade einsteigen, als mir einfiel, ich könnte doch kurz per iPhone die Öffnungszeiten . . . Oh weh, am Dienstag hat das Museum zu!

Der Zug fuhr ab, ich schaute ihm enttäuscht nach, als mir etwas Neues in den Sinn kam. Nämlich der Prime Tower, Zürichs 126-Meter-Hochhaus, auf dem ich noch nie war. Ich nahm die S-Bahn nach Zürich-Hardbrücke, fand mich umgehend im Lift wieder, 30 Sekunden dauerte die Fahrt, schon war ich oben im 35. Stock in einer gediegenen Lounge. Die Autos unter mir waren spielzeuggross, weit hinten sah ich den See, bleigrau im Nieseldunst.

Es gibt nichts Besseres, als sich im eigenen Alltag wie ein Tourist zu verhalten.

Ich machte so weiter: Zugfahrt nach Männedorf, Schifffahrt hinüber nach Wädenswil, Zugfahrt nach Zürich-Enge, Besuch meines Lieblings-Bücher-Brockenhauses. Hernach Einkehr im Starbucks, wo sie Gratis-WiFi haben; im Internet duellierte ich mich eine Stunde lang mit Schachspielern von überall auf der Welt im Zweiminutenschach. Zwei Minuten pro Partie, versteht sich. Das aktiviert den Puls.

Gegen zwei Uhr nachmittags schlenderte ich in Zollikerberg meine Strasse hinauf, einen Sack mit alten Wanderbüchern in der Hand und den Geschmack von Chai Tea Latte im Mund. Und ich dachte wieder einmal, dass es nichts Besseres gibt, als sich einen sprunghaften Tag zu machen und jeder Laune zu folgen. Sich zickzack durchs Leben spielen zu lassen wie eine Billardkugel. Ich kann Putzfrauenferien allen nur empfehlen. Und wie zitronig-frisch die Wohnung roch, als ich die Tür öffnete – herrlich!

Thomas Widmer (52) schreibt die Wanderkolumne «Zu Fuss» im Tages-Anzeiger.



Foto: Pedro Ribeiro Simões / flickr / cc

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