Artikel Leben :: Natürlich Online

Ein Mann wie Stein

Kategorie: Leben
 Ausgabe 10 - 2008 - 01.10.2008

Text:  Irène Zumsteg

Der Waadtländer Bildhauer Ewald Brigger ist getrieben von der Kraft der Steine. Mit seiner Arbeit macht er die im Granit versteckten Lieder für alle sichtbar.

Staub. Überall liegt dichter Staub. Die Türen zum Atelier stehen offen. Einige Grabsteine sind zwischen Granit- und Marmorblöcken auszumachen. Eine steinerne Murmeltierfamilie – sie ist für die Gemeinde Engelberg bestimmt – steht kurz vor ihrem neuen Leben. Eine Papierfahne liegt da, der Abzug zum Buch über Ewald Brigger, über den maître sculpteur, den Waadtländer Meister-Bildhauer. Es umfasst die Vielfalt seines Werkes und seinen Werdegang, mit Bildern und wenigen Sätzen. Der Blick fällt auf diesen: «Es kann der grösste Künstler nichts ersinnen, was unter seiner Fläche nicht der Marmor enthielt, und nur die Hand, die ganz dem Geist gehorcht, erreicht das Bild der Steine.» Das ist das Credo, das ist die Arbeitsweise dieses Menschen.

Zwischen den Häuserzeilen dröhnen Motoren. Das Atelier liegt in Morges an der Durchgangsstrasse Lausanne–Genf. Trotz offener Türen und des Lärms herrscht drinnen eine eigenartige Stille. Hier kann man ruhig werden. Kommt das von der Kraft der Steine? Ein Schnaufen, der Meister kommt und setzt sich auf einen Stein. Er fasst das Gegenüber in sein Herz, er erfasst und umfasst es. Dann antwortet er auf Fragen und berichtet aus seinem Leben.

Seine Sätze sind wie seine Skulpturen: dauerhaft und ausdrucksstark. Nichts wird forciert, da wird nur gesagt, was von innen kommt, was schwingt und Resonanz erzeugt. Der Mann mit wallendem Bart sagt, dass er am liebsten mit Granit arbeite: «Der Granit gibt mir den Ton an. Er singt für mich.» Seit seine Hände sich erinnern können, meisselt und formt Ewald Brigger. Als kleiner Bub baute er draussen aus der Erde gotische Kathedralen. Die Leute im Oberwallis schüttelten
den Kopf und sagten, «der spinnt».

Ein Aussenseiter sei er gewesen.
«Ich gehörte nicht dazu.» Der zweite von sechs Buben einer Walliser Bauernfamilie in Grächen wusste nicht wohin mit dem künstlerischen Drang. Niemand ermunterte ihn, niemand konnte ihm bestätigen, dass er auf dem richtigen Weg war. Die Schule und Kopfdinge waren ihm zuwider. «Ich war der schlechteste Schüler.» Das Auf- und Hersagen der katholischen Bibel erlebte er als Zwang. Unerträglich. Dann, als Zehnjähriger, platzte ihm der Kragen und er schmiss die heilige Schrift seiner Mutter im Stall vor die Füsse. Das war zuviel, die Eltern drohten mit der «Spinnwinde».

«Gott und das Göttliche», sagt Ewald Brigger heute, «das erkenne ich schon, aber nicht in Worten.» Er hatte Bilder im Kopf und «wollte sie schaffen anstatt zu beschriften». Doch erst musste er den Weg des schwarzen Schafes gehen. Der sensible Bub, der Verborgenes sah und fühlte, der Mensch, an dem noch heute die Seelen Verstorbener rütteln, frass vieles in sich hinein: seine Eindrücke, sein Sehnen, die seelischen Verletzungen. Nichts konnte ihn bremsen, Skulpturen zu formen.

«Der Granit gibt mir den Ton an. Er singt für mich.»

Seine Eltern, wohl aus Sorge um seine Zukunft, wollten ihn in einer Lehre als Maurer sehen. Der Zufall griff ein: Ewald traf auf Hannes Gobé, einen Zürcher
Bildhauer, der für die Grächer Kirche eine Marienstatue geschnitzt hatte und seine Ferien im Dorf verbrachte. Er erzählte ihm von seiner Not; Gobé erkannte
sie und das Talent des Buben, gab ihm seinen ersten Meissel und Unterstützung,
sprach sogar mehrmals für ihn bei seinen Eltern vor, doch die wollten nichts hören. So ging Ewald oft in seiner Verzweiflung in die Kirche, um die Maria von Gobé zu betrachten, bis er eines Tages ein mystisches Erlebnis hatte. Ein Lichtstrahl kam auf ihn zu und durchdrang seinen Körper. «Da wusste ich, dass ich auf dem richtigen Weg war.» Ewald fand eine Lehrstelle als Steinmetz in Sarnen und die Dinge nahmen ihren Lauf.

Nach einer Zusatzausbildung als Bildhauer in Luzern ging es bald nach Freiburg ins Breisgau, wo er sein Meisterdiplom als Bildhauer machte. Weitere Arbeiten in Basel und im Tirol folgten. Er arbeitete mehr und mehr, um sich zusätzliche Ausbildungen in der Bildhauerei zu finanzieren. Eine dieser Fortbildungen führte ihn an die Bildhauerschule Michelangelo im italienischen Carrara. «Dort habe ich gelernt, bewusst mit dem Geist der Steine zu arbeiten.»

Ewald Brigger kam langsam zu sich. Mit 30 Jahren liess er sich in der Schweiz für den Unterhalt von Denkmälern anstellen; die Lehr- und Wanderjahre dauerten an. Es folgten unter anderem Ausstellungen in Belgien, wo er seine zukünftige Frau Véronique kennen lernte. Der Mann, der das Gefühl von Zusammengehörigkeit einer Familie nicht gekannt hatte, heiratete mit 32 Jahren, wurde Vater einer Tochter und eines Sohnes – die heute auch in artistischen Bereichen arbeiten. Aber das Geldverdienen, das Arbeiten in Unternehmen, das fiel ihm schwer. «Ich kann nicht dem Geld nachrennen, ich habe andere Werte.» Doch noch passte er sich den gängigen Moralvorstellungen an, nahm eine Stelle an, um den Geldbeutel der jungen Familie zu füllen. Fünf Jahre dauerte das.

Dann der schmerzhafte Wendepunkt in seinem Leben: Bei Restaurationsarbeiten in Genf stürzt er aus zehn Metern Höhe ab, «wie ein Stein». Seine Beine sind zerschmettert. Vier Monate lang werden sie zusammengeflickt. Vier Jahre lang bleibt Ewald im Rollstuhl, und die Schmerzen lassen ihm keine Ruhe. Die Steine auch nicht. Er formt, wie und wann er kann. Fünf Monate verbringt er in einer Rehabilitationsklinik. Die Invalidenversicherung schlägt ihm vor, in der Fabrik zu arbeiten, und hat schon eine Stelle für ihn gefunden. Die alte Geschichte wiederholt sich. Ewald müsste so sein wie alle, müsste ein Plätzchen in der Arbeitsgesellschaft finden. Wieder müsste er die Glaubenssätze anderer nachsagen. Und wieder schmeisst er eine Bibel hin.

«Ich kann nicht dem Geld nachrennen, ich habe andere Werte.»

Er bringt sich auf die Beine. Er folgt dem Ruf der Steine. «Der Stein lebt. Er gibt mir Energie, die ich weitergeben muss.» Mit jedem Schlag in den Stein wird der Mann lebendiger. Jeder Schlag in Granit, Marmor und Kalkstein stimmt einen Ton an, folgt einer Melodie, bis eine Bewegung schwingt, bis die Figur sich herausschält und singt. Da sitzt er nun, in seinem Atelier in Morges, 20 Jahre nach dessen Eröffnung, 25 Jahre nach jenem Sturz und sagt: «Steine haben mir mehr beigebracht als menschliche Lehrer.» Seine Füsse stecken in dicken Schuhen, werden von Spezialeinlagen gehalten. Seine Arme und Hände sind voller Schwielen und Narben, an einigen Stellen trocknen noch Blutstropfen von der heutigen Arbeit. Ewald redet kaum von den Schmerzen, die noch immer in seinen Beinen sind, sagt nur schulterzuckend, er habe vieles zur Linderung versucht, gar die Akupunktur, doch ausser Mutters Salbe mit Arnika und Alpenblüemli habe nichts genützt.

Die Jahre in Morges bringen ihn noch näher zu sich. Er erlaubt sich, «mich mehr zu gestalten». Sein Leben spielt sich mehr und mehr im Atelier ab, er redet mit den Steinen wie mit den Leuten. Kaum je macht er einen Entwurf. Die Post bleibt liegen, wenn der Stein zu summen beginnt, Rechnungen bleiben unbezahlt, Papier verstaubt. Finanziell geht es auf und ab. Es ist ihm mehr und mehr unmöglich, jemanden um sich zu haben, wenn der Meissel ihn führt. Seine Frau zieht mit den Kindern in eine Wohnung, kümmert sich um den Alltag mit ihnen. Ewald Brigger erzählt mit gelassener Stimme «Meine Steine sind meine Familie geworden». Sein Schweigen zwischen den kraftvollen Sätzen schwingt. Manchmal sagt er «oui, oui» zu diesem Unausgesprochenen, das den Raum füllt. «Oui», sagt der Künstler, der nach mehr als 20 Jahren in der französischsprechenden Schweiz ein Gemisch zwischen Schweizerdeutsch und Französisch spricht, «oui, oui», sagt er auf die unausgesprochene Frage, er schaue die Leute an und «nach fünf, zehn Minuten ist es klar.» Dieses «es», das ist dieses Unerklärliche. Dieses «es» heisst zu sehen, welche Figur entstehen will und um welches Thema es gehen wird: um Ruhe, um Frieden, Geben und Nehmen, um Tanz, Trennung, Geburt und Tod.

Ewald Brigger wird von den Menschen für sein direktes Wesen geschätzt. Das Waadtland hat ihn aufgenommen, hat ihm bald den Spitznamen Michelangelo gegeben. Wenn er mit seinem Velo durch die Strassen von Morges kurvt, grüsst er links und rechts und wird zurückgegrüsst.

Zum 60sten Geburtstag und zum 20-Jahr-Jubiläum seines Ateliers, im Juli 2008, lud er die Bevölkerung ein, kredenzte Wein und Leckereien, legte für einmal die blauen Überhosen ab und erschien in weitem Hemd, schaute, dass seine Gäste zu essen und zu trinken hatten, ohne grosse Worte. An diesem Jubiläum sagt der Stadtpräfekt in seiner Rede: «Ewald Brigger gehört zum regionalen Kulturerbe.»

Einen Namen im In- und Ausland hat sich Don Michelangelo von Morges nicht nur mit seinen Werken gemacht, sondern auch mit seinen Initiativen zur
Förderung des Bildhauertums. So ist auf seine Idee hin das internationale Skulptursymposium in Morges entstanden, bei dem sich seit 1992 Dutzende von Künstlern aus vielen Nationen treffen und finden.

«Gott und das Göttliche, das erkenne ich schon, aber nicht in Worten.»

Diese Initiative führte ihn im Jahre 2000 nach Mauritius, wo er an einem internationalen Symposium teilnahm und wo eine Schule für angehende Bildhauer entstand, die auch Behinderten zugänglich ist.
Sie wird zu einem grossen Teil von Ewald Brigger getragen und trägt darum seinen Namen. Seit der Jahrtausendwende lassen die Anerkennungen nicht mehr auf sich warten. Don Michelangelo von Morges erhält Auszeichnungen und Preise im In- und Ausland. Doch zu Hause im Wallis, in Grächen, auch als dort eine seiner Figuren auf dem Kreuzweg steht, «da wollen sie es noch immer nicht glauben», dass er ein anerkannter Künstler ist. «Ewald», sagt er, «kann einen Zeitungsartikel nach dem anderen schicken und die Eltern wollen das nie glauben.» Er nimmt sich vor, es jenen zu zeigen, die ihn nicht akzeptieren wollten, «mit meinem Buch zeigen, dass ich existiere».

So lange hatte Ewald auf Anerkennung gewartet, und dann dies: Zu seinem 60. Geburtstag kommt ein Umschlag aus dem Wallis bei ihm in Morges an, darin eine Karte seiner Mutter. Darin stehen Worte. Worte, die dem Ewald Unwesentliches einfach wegmeisseln: In dieser Karte steht, dass seine Mutter ihm Glück und Frieden wünscht. Jetzt hat der Meister Tränen in den Augen. «Oui, oui.» Jetzt kann er seinen Traum leben – jetzt kann er weitergehen.

Besuche im Atelier
Das Atelier von Ewald Brigger befindet sich im Zentrum von Morges VD am Genfersee. Die Türen stehen Interessierten auf Voranmeldung offen.

Das Buch über das Werk von Ewald Brigger erscheint im Herbst 2008, es ist zweisprachig deutsch/französisch und bei ihm zu beziehen.
Kontakt: Avenue de la Gare 5, 1110 Morges, Telefon 079 414 34 16

Bilder: Markus Kellenberger

Tags (Stichworte):

Kategorie: Leben

Warten lohnt sich NICHT!

Im Jahr 2012 kam es in der Schweiz zu 15 810 Straftaten im Bereich der...

Kategorie:

Kategorie: Leben

Soziales: Ablehnung schmerzt

Wer von seinem sozialen Umfeld abgelehnt wird, kann dies körperlich empfinden.