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Warten lohnt sich NICHT!

Kategorie: Leben
 Ausgabe_02_2014 - 23.01.2014

Text:  Text: Louise Hill

Im Jahr 2012 kam es in der Schweiz zu 15 810 Straftaten im Bereich der häuslichen Gewalt, darunter 44 versuchte und 22 vollendete Tötungsdelikte. Unsere Autorin Louise Hill richtet einen dringenden Appell an Betroffene.

Drehst du dich in einem Teufelskreis? In einem Kreis voller Angst und Schrecken, Demütigungen, Beschimpfungen und Beleidigungen. Hast du so lange zugehört, dass du gar glaubst, was er dir sagt? Oder hast du einfach keine Kraft mehr, dagegen zu kämpfen? Hast du die Hoffnung aufgegeben, je in einer glücklichen Partnerschaft zu leben? Bist du mit solcher Scham geplagt, dass du nachts nicht mehr schlafen kannst?

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Das kann ich nur zu gut verstehen, denn auch ich war in solch einem Teufelskreis gefangen. Jahrelang hoffte ich auf ein Wunder: dass plötzlich alles wieder gut sein würde. Aber der Tag kam nicht. Die Jahre vergingen. Meine «besten Jahre» verbrachte ich auf den schönsten Orten dieser Welt – heulend auf den Damentoiletten.

Tu dir Gutes

Ich hatte es zu weit kommen lassen. Gewalt fängt klein an. Sie darf nicht wachsen. Du musst die Schuld nicht auf deinen Schultern tragen. Die Täter sind schlau, ihre Gemeinheiten unbegrenzt. Sie beladen ihre Opfer mit Schuldgefühlen und halten sie so klein. Denk daran: Er wählt, so zu sein. Er wählt, dein Leben zur Hölle zu machen. Dein schwaches Selbstwertgefühl, das er perfekt getrimmt hat, lässt es zu, dass du ihn in Schutz nimmst und den Fehler bei dir suchst. Seine manipulative Art ist so raffiniert, dass du nicht mehr klar denken kannst.

Ich rate dir, Tagebuch zu führen. Schreib Gesagtes, Alltagssituationen, Aktionen und Reaktionen auf. Beginne etwas zu tun, das DIR gut tut. Dann wirst du beginnen, dich zu spüren. Unternimm gelegentlich etwas alleine – damit du spürst, wie befreiend es ist, ohne ihn zu sein. Einfach sein. Ich verlange von dir keine grossen Taten. Ich verstehe, dass du erschöpft bist und dass dir Alleinsein schwerfällt. Schliesslich hast du angefangen zu glauben, dass du ein minderwertiger, schlechter Menschen bist. Und wer will schon mit einem schlechten Menschen zusammen sein?

Handle jetzt

Bitte warte nicht, bis es so schlimm ist, wie es bei mir war. Lerne aus meinen Erfahrungen. Mein Leid und meine Naivität sollen dir dienen, deinen Teufelskreis früher zu durchblicken und den Weg in die Befreiung zu gehen. Das Warten lohnt sich nicht. Je länger du Gewalt duldest, desto länger brauchst du, dich davon zu befreien. Je länger du verloren bist, desto länger brauchst du, um dich wieder zu finden.

Kann man Gewalt als krankhaft bezeichnen? Bei meinem Partner wurde eine bi-polare Störung diagnostiziert zusammen mit einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung. Ist das ein plausibler Grund für seine Gewalttätigkeit? Schlägt und demütigt er krankheitshalber? Mag sein. Aber ist das denn auch Grund genug, um auszuharren und zu bleiben? Kann es sein, dass Angehörige von psychisch Kranken mehr an den Folgen der Krankheit leiden müssen, als die Betroffenen selbst?

Sag nein und geh

Bleiben und dulden ist keine Lösung. Deine Kinder werden nicht gesund aufwachsen können, denn der Druck, der auf ihnen lastet, ist enorm. Was du schützen willst, indem du intakte Familie spielst, kann nicht wachsen. Deine Kinder werden glauben, dass Gewalt normal ist. Sie werden in ihren späteren Partnerschaften Gewalt dulden oder ausüben. Kannst du das verantworten?

Ich empfehle dir, kleine Schritte zu machen. Langsam aber sicher, dein Leben wieder so zu leben, dass du laut lachen kannst. Achte auf dich. Tue dir Gutes. Stehe mit der Sonne auf und atme die frische Morgenluft; atme tief. Verbring Zeit mit guten Freunden. Geniess ein Bad. Pflege und wertschätze dich. Und überfordere dich nicht mit hohen Erwartungen. Verzeih dir selbst, dass es so ist, wie es ist. Du hast JETZT die Chance, alles zu verändern. Verzeih ihm, dass er es nicht anders gemacht hat. Er hat gewählt, nicht mehr Teil von dir zu sein. Dein schlechtes Gewissen kannst du steuern, indem du einen Zeitpunkt pro Tag bestimmst, um mit ihm zu «reden». Er darf in deinem neuen Leben nicht zu viel Raum beanspruchen. Es ist nun dein Leben.

Fotos: thinkstock.com, fotolia.com, zvg

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