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Kategorie: Gesundheit
 Ausgabe 03 - 2011 - 01.03.2011

Text:  Marion Kaden

Probiotika sind in aller Munde: Sie sind die Renner im Kühlregal und Verkaufsschlager in Tablettenform und sie sollen die Verdauung fördern. Das versprechen zumindest die Hersteller. Was ist dran an den probiotischen Mobilmachern für die Darmflora?

Zwei bis drei Kilo Bakterien trägt jeder Erwachsene im Darm mit sich herum. «Die Darmflora ist ein dynamisches System, das in ständigem Wandel begriffen ist», so Hombach. «Die Zusammensetzung kann sich durch Ernährungsumstellung oder engen Körperkontakt mit anderen Menschen verändern.» In langjährigen Partnerschaften gleichen sich die Bakterienstämme an – durch intimen Kontakt, aber auch durch alltägliche Berührungen werden diese mit den Jahren immer ähnlicher. Die jeweils im Darm ansässigen Stämme kontrollieren sich ununterbrochen gegenseitig, wodurch ein dynamisches Gleichgewicht erreicht wird. Und nicht nur das. Auch der Darm ist zu ständiger Auseinandersetzung mit seinen Bewohnern gezwungen: Zwei Drittel des gesamten menschlichen Immunsystems im und um den Verdauungstrakt herum hat nichts anderes zu tun, als die Symbionten (die kleinere bei einer Symbiose beteiligte Art) unter Kontrolle zu halten. Dieses sogenannte darmassoziierte Abwehr- oder Immunsystem reagiert bei gesunden Menschen sofort auf innere und äussere Reize: Sind zum Beispiel krankmachende oder unbekannte Bakterien oder Erreger in den Dickdarm gelangt, kontert dieser unter anderem mit Durchfall. Mit dem Manöver wird Ungewolltes effektiv und vor allem zügig hinausbefördert. Schon nach zwei bis drei Tagen ist dann der «normale» Status wiederhergestellt.

Schwankungen beim Stuhl können beunruhigen. Unkenntnis über die komplizierte Darmfunktion oder falsche Erwartungen lassen Menschen dann gerne zu Hilfsmitteln greifen. Wegen der guten Erreichbarkeit des Darms unterliegt er seit jeher förderlichen oder weniger nützlichen Manipulationen: Grosse und kleine Einläufe, Abführ- oder besondere Nahrungsmittel hatten zu allen Zeiten Hochkonjunktur. Die modernen Hilfsmittel heissen Probiotika. Sie bestehen aus lebensfähigen Mikroorganismen (Milchsäurebakterien, Hefen, kultivierte, menschliche Fäkalbakterien), die funktions- und damit gesundheitsfördernde Effekte auf den Darm haben sollen. Probiotika sind als Zugabe von Lebensmitteln, sogenanntem Functional Food, Nahrungsergänzungs oder Arzneimittel zu haben.


Wie kommen die Bakterien in den Darm?
Die Bakterien-Erstbesiedlung des Darmes wird beim Neugeborenen über die Mutter initiiert. Im Laufe des Lebens kann die Besiedlung Veränderungen unterliegen. Doch das Gros der ursprünglichen Bakterienstämme achtet durch gegenseitige Kontrolle auf ein Gleichgewicht untereinander. Fremde Bakterienstämme (zum Beispiel probiotische Stämme oder Krankheitser reger) werden bei gesunden Menschen nach kurzer Auseinandersetzung wieder hinauskomplimentiert. Um an einer Darmbesiedlung erfolgreich teilhaben zu können, müssen Probiotika folglich in grösseren Mengen, regelmässig und über einen längeren Zeitraum eingenommen werden. Endet ihre Zufuhr, endet auch die Besiedlung. Zur Beruhigung des Nervenkostüms helfen heilpflanzliche Beruhigungsmittel (Johanniskrautpräparate und und -tees) sowie Probiotika, um die gestörte Darmflora umzustimmen. Je nach Vorlieben sind kultivierte probiotische Bakterienstämme (BactoSan pro FOS, biotan) oder Molkeprodukte (Molkosan, Bioforce) einsetzbar. Ihre Wirkung entfalten können probiotische Joghurts jedoch nur, wenn die Milchsäurebakterien lebend in den Organismus gelangen. Forscher der Gastroenterologie des Unispitals in Zürich haben letztes Jahr nachgewiesen, dass die Zahl der vitalen Milchsäurebakterien dramatisch abnimmt, wenn die Kühlkette über mehrere Stunden unterbrochen wird.

Ungesunde Lebensweise

Von der Wichtigkeit des Einsatzes probiotischer Mittel ist Karl-Heinz Rudat überzeugt. Der Heilpraktiker aus Ortenburg in Deutschland verwendet Probiotika, um eine Umstimmung im naturheilkundlichen Sinne vorzunehmen. Probiotika üben einen stimulierenden Reiz auf die Selbstheilungskräfte des Darms aus und damit auf den ganzen Organismus. Dieser kann sich dann, einem Neustart gleich, frisch ausrichten. Rudat beobachtet, dass bis zu 70 Prozent seiner Patientinnen von funktionellen Darmstörungen betroffen sind. Diese hohe Zahl wird auch durch Studien belegt. Seine Erklärung für dieses Phänomen: Moderne Frauen fühlen sich oft mehrfach durch Beruf, Familie und Beziehung belastet. «Stress, nervliche Belastungen – von denen natürlich auch Männer betroffen sein können – schlagen nicht nur auf die Seele, sondern auch auf den Darm», so Rudat. Seiner Ansicht nach führen anhaltende nervöse Spannungszustände zu einer Verkrampfung der Darmmuskulatur und schliesslich zu verringerten Darmbewegungen. Die häufig auftretenden Darmbeschwerden sieht der Heilpraktiker ebenfalls in der modernen Lebensweise begründet: Alltagsstress, übermaässiger Konsum von Kaffee, Zigaretten, Alkohol oder zu häufige Verwendung von raffiniertem Industriezucker wirken sich langfristig schädlich aus. «Der Körper übersäuert», erklärt Rudat. Doch nicht nur funktionelle Darmbeschwerden können Folge sein, sondern auch Müdigkeit, diffuse Gelenksschmerzen oder depressive Verstimmungen, berichtet der Heilpraktiker.

Massnahmen wie ausreichender Schlaf, Bewegung, vernünftige Ernährung (zum Beispiel der zeitweise Verzicht auf Genussmitteln) können bei Darmproblemen helfen. Ebenso empfiehlt Rudat bei Bedarf eine Ernährungsumstellung. Die Vermeidung von Hülsenfrüchten oder scharfen Gewürzen sei sinnvoll, genauso wie die Verbannung säurebildender Nahrungsmittel (Zucker, Fruchtsäfte) oder Zitrusfrüchte vom Speiseplan. «Nützlich ist auch, die Essensphasen den natürlichen Arbeitsrhythmen des Darms anzupassen», so Rudat. «Denn dieser arbeitet bei Nachtruhe weniger.» Beim Einsatz von Probiotika oder Milchprodukten (siehe Box) empfiehlt Rudat eine Beschränkung der Behandlung auf etwa 10 bis 12 Wochen. «In dieser Zeit nehmen die zugeführten Bakterien eine bakterielle Aktivierung des Dünndarms vor, die sich als verbesserte Darmbewegung im Dickdarm auswirkt», erklärt Rudat.

Foto: fotolia.com

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