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Heinz Knieriemen
Genpatente und Angstmedizin

Kategorie: Gesundheit
 Ausgabe 02 - 2010 - 01.02.2010

Text:  Heinz Knieriemen

Bestimmte Gene des Menschen zeigen, ob er für gewisse Krankheiten anfällig ist oder nicht. Tests zeigen, ob solche Gene vorhanden sind – und damit lässt sich Angst und sehr viel Geld machen.

Es ist gut ein Jahr her, da hat das Europäische Patentamt in letzter Instanz bestätigt, dass die US-Firma Myriad Genetics nur über ein weitgehend eingeschränktes Patent auf das Brustkrebs-Gen BRCA1 verfügen darf. Das Patent auf das Gen wurde 2001 erteilt, was international Kritik auslöste, da dieses der Firma die Verwertungsrechte an allen sonstigen Funktionen des Gens sicherte.

Die SP Schweiz, das Gesundheitsministerium der Niederlande, das Curie-Institut, Greenpeace Deutschland sowie Humangenetik-Gesellschaften aus fünfzehn europäischen Ländern erhoben Einsprache gegen die Patentierung. Sie befürchten eine ähnliche Situation wie in den USA, wo Myriad Genetics die Gendiagnosetests weitgehend monopolisiert und anderen Einrichtungen die Durchführung der Tests verboten hat.

Die Gentech-Claim-Jäger

Die neusten Entwicklungen bergen die Gefahr der Kommerzialisierung des Lebens, der Degradierung des Menschen zum biologischen Rohstoff. Doch der Mensch ist mehr als das Produkt seiner Erbanlagen. Das erste Brustkrebs-Gen (BRCA1) wurde bereits 1994 lokalisiert, das zweite (BRCA2) 1995. Darüber, wie viele Brustkrebserkrankungen auf erbliche Faktoren zurückzuführen sind, werden Zahlen zwischen 2 bis 10 Prozent herum geboten. Die Gentests bieten also nichts als statistische Wahrscheinlichkeiten für eine Erkrankung – und sie bieten insbesondere die grosse Gefahr falsch-positiver Aussagen, die Angst auslösen.

Es gibt daher eine Reihe ernst zu nehmender Kritiker, welche die molekulargenetische Diagnostik, die europaweit von vielen Laboratorien und Instituten angeboten wird, schon vom Ansatz her als unseriös und für wissenschaftlich fragwürdig halten. Denn: Der Diagnostik von familiär mitgeprägtem Brust- und Gebärmutterkrebs folgt kein Therapieansatz, der das Risiko verringert. Den erweiterten, verfeinerten und kostenträchtigen diagnostischen Möglichkeiten stehen also kaum angemessene Therapien gegenüber: eine Entwicklung von Formen sozialer Verarbeitung, des verantwortungsbewussten Umgangs mit den Angst machenden Diagnosen fehlt völlig.

Tests auf der Grundlage von Chips, die Tausende von Genabschnitten automatisch scannen, sind in den USA seit einiger Zeit anwendungsreif. Hier droht eine Gefahr, die in ihrem ganzen Ausmass noch gar nicht überblickt werden kann: Da ist einerseits die profitable Risikodifferenzierung von Menschen auf genetischer Grundlage, die bald einmal von Krankenkassen, Versicherungen oder Arbeitgebern genützt werden kann. Und da ist andererseits der kommerzielle Markt für genetische Tests, der global und unkontrollierbar ist.

Geschäft mit dem Brustkrebs

Die beschränkte oder gar irreführende Aussagekraft hindert kommerzielle Anbieter nicht daran, Brustkrebstest via Internet für 2000 Dollar anzubieten – neben einigen hundert weiteren medizinisch unsinnigen Untersuchungen. Für die Zukunft rechnen Fachleute mit einer Inflation der Angebote. Das Geschäft mit Tests und Krebsängsten geht nämlich bereits weltweit online.

Zur Person
Seit über 20 Jahren setzt sich Heinz Knieriemen für «natürlich leben» kritisch mit den Methoden und den Auswirkungen der Schulmedizin und der Laborwissenschaft auseinander. Im AT Verlag hat er mehrere Bücher herausgegeben, unter anderem über Vitamine, Mineralien und Spurenelemente oder Inhaltsstoffe in Lebensmitteln und Kosmetika.

Fotos: Caitlinator / flickr / cc, Irisblende.de

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