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Meditation hat Heilkraft

Kategorie: Gesundheit

Text:  Anja Huber

Sie ist mehr als eine Entspannungstechnik: Meditation kann heilen und verändert unsere Hirnstrukturen; und sie sorgt für Harmonie und Gelassenheit. Die täglichen Anforderungen des Lebens lassen sich so besser meistern.

@ unsplash.com/peter-hershey

Meditieren schafft ein Gefühl von Glückseligkeit und Frieden, schenkt Selbstvertrauen und neue Lebenskraft.

Habe ich den Herd abgeschaltet, die Tür abgeschlossen? Wo ist mein Handy? Und wann schon wieder muss ich die Kinder abholen? Die Gedanken rasen. Selten ist es still im Hirn. Viele Menschen sind regelrecht in Gedankenkarussellen gefangen. Gerade in unserer schnelllebigen Welt voller Mehrfachbelastungen und Reizüberflutung wird es immer wichtiger, einen Ausgleich zu schaffen. Um gesund und leistungsfähig zu bleiben, setzen immer mehr Menschen auf eine jahrtausendealte Lehre aus Fernost: auf die Meditation. Sie soll das Gedankenkarussell zum Stoppen bringen und innere Ruhe stiften; sie soll uns von Ängsten und negativen Gedanken befreien und uns allgemein gelassener machen. Das kann sich besonders bei chronischen Erkrankungen positiv auswirken, wie wissenschaftliche Studien belegen.

Symbolische Handgeste / Ein Mudra soll die Konzentration des Meditierenden stärken. Übersetzt aus dem Sanskrit bedeutet Mudra «das, was Freude bringt».


Fall ins Glück
Meditieren schaffe ein Gefühl von Glückseligkeit und Frieden, schenke Selbstvertrauen und neue Lebenskraft, berichten Menschen, die regelmässig meditieren. Für US-Star-Regisseur David Lynch ist die Meditation eine «Kraftquelle» und «Schlüssel zum Erfolg». Er hat eine Stiftung gegründet, die sich um die Einführung von Meditationsprogrammen in Schulen kümmert, Stipendien zum Erlernen der Transzendentalen Meditation (TM) vergibt und ein auf Bewusstseinsbildung gegründetes Bildungs- und Erziehungswesen fördert. «Ich meditiere seit 32 Jahren», sagte David Lynch in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung: «Man taucht, man sinkt, man rutscht eine rutschige Rutsche hinunter – und? Fällt ins Glück! Das Wort ‹einzigartig› sollte für dieses Erlebnis reserviert sein. Sowas passiert einem sonst nicht, und wenn, dann nur durch Zufall, und man kann es nicht wiederholen. Aber mit dieser Technik versinkt man jeden Tag in der Glückseligkeit, morgens und abends, jeweils für zwanzig Minuten taucht man in ein formloses, inhaltsloses Bewusstsein. In das reine Bewusstsein.»

Meditieren kann jeder
Als Meditationstechnik für Anfänger eignet sich besonders das Meditieren auf ein Mantra, eine heilige Silbe, ein heiliges Wort oder einen heiligen Vers, z.B. «Om», «Frieden» oder «Liebe». Das Mantra wiederholt der Übende laut oder leise mit jeder Ein- und Ausatmung. Der Meditierende kann sich aber auch rein auf seinen Atem konzentrieren. Obwohl die Atmung automatisch abläuft, kann sie sehr leicht bewusst wahrgenommen werden. Ziel ist es, seine Gedanken ausschliesslich auf das ruhige, lange Ein- und Ausatmen zu konzentrieren. Die Bewegungen und Empfindungen, die mit der Atmung einhergehen, erleichtern die gesamte Fokussierung der Aufmerksamkeit. Anfangs sollte man immer denselben, ruhigen Platz zum Meditieren wählen; die ideale Zeit ist frühmorgens oder spätabends. Dabei eine bequeme Stellung einnehmen, z.B. im Schneidersitz auf dem Boden oder auch auf einem Stuhl, jedoch immer mit geradem Rücken, der, wenn möglich, nicht angelehnt wird. Gekreuzte Beine unterstützen die Meditation, da die Energie so in einem Dreieck fliessen kann. Die Hände ruhen dabei auf den Oberschenkeln oder Knien; Daumen und Zeigefinger berühren sich (das ist ein typisches Mudra, eine symbolische Handgeste beim Meditieren, die die Konzentration stärken soll, siehe Bild oben). Zehn Minuten tägliche Meditation sind schon ein guter Anfang, um die Gesamtstimmung zu verbessern; man kann zunächst auch zweimal fünf Minuten meditieren. Ideal sind später 45 bis 60 Minuten pro Tag. Zum Schluss der Meditation alle Muskeln einmal fest anspannen, Gelenke kreisen, Beine und Arme strecken und den ganzen Körper dehnen. So lässt sich ruhig und stressfrei den Tag beginnen bzw. beenden.


Für Kritiker und Skeptiker ist die Meditation nicht mehr als ein Hobby abgehobener Asienfreaks. Doch ihnen wird immer mehr Wind aus den Segeln genommen: Mithilfe moderner bildgebender Verfahren kann die relativ junge Disziplin der Meditationsforschung beweisen, dass Meditation wirkt. Seit 1987 untersucht ein internationales Team von Neurowissenschaftlern in Kooperation mit dem Dalai Lama unter dem Dach des «Mind and Life»-Instituts, welche Effekte regelmässiges Meditieren auf Körper und Geist hat.

Veränderte Hirnstrukturen
Mithilfe der Magnetresonanztomografie (MRT) ist es möglich, Hirnstrukturen sichtbar zu machen. Dadurch lassen sich die Gehirne verschiedener Personen vergleichen bzw. Veränderungen bei derselben Person durch wiederholte Aufnahmen messen. Man weiss heute, dass sich das Gehirn auch im Erwachsenenalter noch entwickelt und Lernprozesse und auch dauerhafter Stress Veränderungen in bestimmten Hirnstrukturen herbeiführen.

Durch die Vermessung der grauen Hirnsubstanz, deren Volumen mit einer höheren Intelligenz (insbesondere Gedächtnis und Aufmerksamkeit) einhergeht, wird untersucht, inwiefern sich psychische Störungen in der Hirnstruktur niederschlagen oder strukturelle Defizite das Risiko erhöhen, eine bestimmte Störung zu entwickeln. «Aus Tierversuchen ist bekannt, dass starker Stress zu einem Abbau grauer Substanz im Hippocampus (u. a. Informationsverarbeitung,
Überführung von Gedächtnisinhalten aus dem Kurzin das Langzeitgedächtnis, emotionale Bewertung von Situationen und Regulation der Erregung, Anm. d. Red.) führen kann. Umgekehrt erhöht ein verkleinerter Hippocampus bei Menschen das Risiko, eine extrem stressvolle Erfahrung nicht verarbeiten zu können und eine posttraumatische Belastungsstörung davonzutragen», erklärt Ulrich Ott, Leiter der Arbeitsgruppe Veränderte Bewusstseinszustände – Meditationsforschung an der Universität Giessen und Autor des Buches «Meditation für Skeptiker». «Alle Studien, in denen Meditierende mit Kontrollpersonen verglichen wurden, ergaben ein grösseres Volumen bzw. eine grössere Dichte grauer Substanz bei den Meditierenden», so der Psychologe.

«Man taucht, man sinkt, man rutscht eine rutschige Rutsche hinunter – und? Fällt ins Glück!» David Linch, Regisseur

Inspiration durch Meditation: Die Beatles reisten Anfang 1968 in einen indischen Ashram und erlernten dort die Meditation. Paul McCartney meditiert bis heute und macht sich dafür stark, die Technik als Schulfach einzuführen.

Reines, kosmisches Bewusstsein
Tibetische Mönche meditieren regelmässig. Das interessiert auch westliche Forscher. Sie führen seit einigen Jahren neurowissenschaftliche Studien mit Tibetern durch, die seit vielen Jahren regelmässig meditieren. Das Ergebnis laut Dalai Lama: «Meditation ist gut für die körperliche und psychische Gesundheit, für Zufriedenheit und Wohlbefinden. Das ist auch meine persönliche Erfahrung.» Leitet man die Hirnströme von Meditierenden per EEG ab, zeigen sich verstärkt synchrone Gammawellen in verschiedenen Hirnregionen. Bei den messbaren Gehirnströmen wird im Wesentlichen zwischen Alpha-, Beta-, Delta- und Gamma-Wellen unterschieden: Alpha-Wellen treten im entspannten Wachzustand auf; B
eta-Wellen sind Zeichen für geistige Aktivität und Alarmbereitschaft; Delta-Wellen kennzeichnen den Tiefschlaf; Gamma-Wellen treten während transzendenter Erfahrungen auf, die als «Verschmelzung» oder «Gefühl universellen Wissens» beschrieben werden. Und eben diese Gamma-Wellen treten beim Meditierenden verstärkt auf. Auch Geheimbünde wussten das: Nach Ansicht des Ordens der Rosenkreuzer (AMORC) verfolgt die Meditation den Zweck, über das Unterbewusstsein Kontakt mit dem kosmischen Bewusstsein herzustellen. Nach dem Meditieren berichten Praktizierende von tiefer Entspanntheit und einem wachem Geist; auch stellen sich positive Emotionen wie liebevolle Güte und Mitgefühl ein – zentrale Punkte in der tibetischen Philosophie. Studien zeigen, dass Patienten, die sich selbst und ihrem Körper mit solchen Emotionen gegenübertreten statt mit Wut oder Angst, ihre Krankheit eher akzeptieren und gezielter die Selbstheilungskräfte mobilisieren können. Schmerzpatienten, die als «hoffnungslose Fälle» gelten und bei denen übliche Formen der Behandlung keine Besserung mehr bringen, können den Schmerzen durch Meditation entkommen: Man ist während und auch noch nach dem Meditieren so entspannt, dass man den Körper kaum oder gar nicht mehr wahrnimmt. Innerlich ist man zwar hellwach, doch konkrete Gedanken oder Sinneseindrücke gibt es in der tiefen Versenkung nicht mehr – es gibt nur noch reines Bewusstsein.


Behandlung von Krankheiten

Da Meditation die Aktivität des Gehirns nachhaltig verändert, wird auch unsere Reaktion auf Angst, Wut, Trauer und Stress durch diese Form der Entspannungstechnik beeinflussbar. Zunehmend wird Meditation, die Achtsamkeit in den Mittelpunkt stellt, auch in Kliniken eingesetzt, zum Beispiel MBSR nach Jon Kabat-Zinn (Mindfulness-Based Stress Reduction, zu Deutsch etwa «Stressbewältigung durch Achtsamkeit»). Viele Studien bestätigen deren Wirksamkeit bei verschiedenen, vor allem chronischen Erkrankungen. Dazu zählen etwa Depressionen, Schmerzzustände, Multiple Sklerose, Krebs, Tinnitus, Rheuma, Herz- und Hautkrankheiten sowie psychische Störungen und Suchtprobleme.

Viele dieser Krankheiten lösen in den Betroffenen Stressreaktionen aus, die wiederum den Krankheitsverlauf selbst negativ beeinflussen können. Dies gilt insbesondere für Krankheiten, bei denen das Immunsystem eine wichtige Rolle spielt – denn durch Stress wird es geschwächt. Positive Emotionen wie Zufriedenheit, innere Erfüllung und Freude hingegen stärken die Abwehrkraft. Deshalb profitieren auch gesunde Menschen, und insbesondere Menschen, die einem Depressionsrückfall vorbeugen wollen, von der regelmässigen Meditation.


«Buddha» bedeutet «der Erwachte». Typisch ist seine Darstellung in Meditationspose, hier in Thailand.

Buchtipps

Sharon Begley: «Neue Gedanken – neues Gehirn. Die Wissenschaft der Neuroplastizität beweist, wie unser Bewusstsein das Gehirn verändert», Goldmann Arkana Verlag 2007, ca. Fr. 45.–

Jon Kabat-Zinn: «Gesund durch Meditation. Das grosse Buch der Selbstheilung mit MBSR», Knaur MensSana 2013, ca. Fr. 19.–

Ulrich Ott: «Meditation für Skeptiker. Ein Neurowissenschaftler erklärt den Weg zum Selbst», Droemer 2015, ca. Fr. 15.–

App

Einstiegshilfe in die Meditation

Der englische Lehrer für Meditation und Achtsamkeit Andy Puddicombe hat die App Headspace lanciert, die zur Meditation anleitet – auf Englisch und auf Deutsch. Die App soll zur täglichen Meditation motivieren, dabei stellt sie jeweils ein Thema in den Fokus: Ängste, Schlafprobleme, Glück, Frieden. Zehn bewusste Minuten am Tag genügen schon, um sein Leben zu ändern, so Puddicombe. Die App hilft dabei – ohne Esoterik. Damit hebt sie sich wohltuend von anderen Angeboten ab. Mit 13 Franken pro Monat respektive 95 Franken pro Jahr ist das Abo allerdings recht teuer.

Links

Über den Verband der MBSR-Therapeuten findet man zertifizierte Lehrer für Jon Kabat-Zinns Meditationsprogramm: www.mbsr-verband.ch 

Mind and Life-Institut: www.mindandlife.org 

David Lynch Stiftung: www.davidlynchfoundation.org 

Fotos: unsplash.com/peter-hershey | iStock.com | mauritius-images.com | unsplash.com/ksenja-makagonova
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