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Wenn der Körper sich selbst angreift

Kategorie: Gesundheit
 Ausgabe_09/17 - 01.09.2017

Text:  Anja Speitel

Rheuma führt nicht selten zu bleibenden Behinderungen. Um dies zu verhindern, ist eine schnelle Diagnose der Autoimmunerkrankung wichtig.

@ Rahel Blaser

Schwellungen, Schmerzen, Bewegungseinschränkungen – bei einem Rheuma-Schub sind die Qualen jeweils besonders schlimm. Seit rund zehn Jahren leidet Lea Frey* unter rheumatoider Arthritis (RA). Dies ist die häufigste entzündlich-rheumatischen Erkrankung der Gelenke, in der Schweiz leiden rund 70000 Menschen daran. Insgesamt sind unter dem Überbegriff «Rheuma» rund 200 verschiedene Erkrankungen des Bewegungsapparates subsumiert.

In der Schweiz sind rund zwei Millionen Menschen von rheumatischen Beschwerden betroffen. Dabei werden entzündlich-rheumatische Erkrankungen oft erst spät erkannt: Laut einer aktuellen Umfrage der Rheumaliga Schweiz vergingen bei 38 Prozent der Befragten über 24 Monate vom ersten Arztbesuch bis zur eindeutigen Diagnose. Dabei wäre die frühzeitige Diagnose so wichtig: «Die ersten Monate einer solchen Erkrankung stellen ein sogenanntes ‹therapeutisches Fenster› dar», mahnt die Rheumaliga Schweiz. «Innerhalb dieser Zeit kann der immunologische Prozess noch gestoppt oder nachhaltig verändert werden.» Bei RA etwa droht mittelfristig die Zerstörung der Gelenke – und diese kann nicht rückgängig gemacht werden.

Auf einmal Invalide. Die grösste Behindertengruppe der Schweiz bilden die ungefähr 300 000 Menschen, die an schweren chronischen Rheumaformen leiden: Rund jede vierte Invaliditätsrente wird aufgrund einer rheumatischen Erkrankung ausbezahlt. Auch Lea Frey gehört jetzt dazu, denn die ehemalige Coiffeuse aus Buchs (AG) kann ihre Hände nicht mehr richtig bewegen: «Mein Rheuma begann schleichend», berichtet die heute 59-Jährige. «Am Anfang dachte ich, es sei normal, dass meine Fingergelenke ab und zu geschwollen und morgens öfter steif waren. Weil meine Hände bei der Arbeit ja ständig im Einsatz waren.» Weil sie lange hoffte, dass die Beschwerden von allein vergehen, ging Frey erst zum Arzt, als auch ihre Kniegelenke zunehmend schmerzten und sie sich chronisch erschöpft fühlte.

Doch bis zur eindeutigen Diagnose war es – wie bei vielen anderen Betroffenen – noch ein langer Weg: «Erst nach eineinhalb Jahren war klar, dass ich rheumatoide Arthritis habe. Und erst dann begann eine zielgerichtete Therapie», klagt Frey. «Doch da war es schon zu spät. Viele meiner Fingergelenke waren bereits zerstört. An Haareschneiden ist mit meinen Händen nicht mehr zu denken.»

Die Rheumaliga kennt solche Leidensgeschichten: «Der Weg von den ersten Symptomen bis zur präzisen Diagnose kann für Rheuma-Patienten kräftezehrend sein und verlangt von den Betroffenen viel Geduld», schreibt sie. Und: «Rheuma verursacht Kosten in Milliardenhöhe: sowohl direkte Kosten, wie Behandlungskosten, als auch indirekte Kosten durch Arbeitsausfälle.»

Rätselhaftes Leiden. Weshalb es zu einer Autoimmunerkrankung wie RA kommt, ist noch nicht vollständig geklärt. Diskutiert werden erbliche Veranlagung, Infektionen und Umwelteinflüsse, aber auch persönliche Lebensstilfaktoren wie Ernährung, Bewegung oder Stressbelastung. Denn eine entscheidende Rolle im Krankheitsgeschehen spielt das Immunsystem: Es ist überaktiv und richtet sich gegen den eigenen Körper. In der Medizin wird das als Autoimmunreaktion bezeichnet, weshalb Rheuma zu den Autoimmunerkrankungen zählt. Bei Rheuma «verwechselt» das Immunsystem körpereigenes Gewebe mit in den Körper eingedrungenen «Feinden» wie Bakterien oder Viren. Dringen solche in den Körper ein, startet das Immunsystem eine Entzündungsreaktion, um sie abzuwehren.

Bei Rheuma handelt es sich also um fehlgesteuerte Entzündungsreaktionen, bei RA vor allem in den Gelenken. Sie sind mal mehr, mal weniger stark, weshalb Rheuma typischerweise in Schüben verläuft. Die Entzündungen können sich jedoch fast überall im Körper abspielen – selbst innere Organe, Augen, Haut oder das Nervensystem können betroffen sein.

«Das Immunsystem will gut behandelt werden»
Kann man etwas tun zur Vorbeugung von Autoimmunerkrankungen wie z. B. Rheuma?
Bei Autoimmunerkrankungen ist das Immunsystem meist durch verschiedene Einflussfaktoren aus dem Lot geraten. Um es zu entlasten, sollte man versuchen, immunologische Stressfaktoren zu reduzieren: einen gesunden Schlaf-Wach-Rhythmus einhalten, sich gesund ernähren, ausreichend bewegen und Stress vermeiden bzw. abbauen. Die berühmte Work-Life-Balance, damit das Immunsystem nicht geschwächt wird.
Haben Sie konkrete Ernährungsempfehlungen?
Gewebeübersäuerung ebnet entzündlichen Veränderungen den Weg. Deshalb empfehle ich eine basenbildende Ernährung, das heisst viel frisches Gemüse und nur gute Kohlenhydrate. Auch Mineralstoffmischungen wirken basisch oder Grüner Hafertee. Viel trinken regt zudem die Niere an, Säuren und Schadstoffe auszuscheiden. Auch sollte man jeden Tag etwas Saures in den Speiseplan einbauen, denn organische Säuren werden in der Leber umgebaut und neutralisieren Säuren im Körper.
Zitrusfrüchte und sauer Eingelegtes wirken im Körper also basisch?
Genau. Mehrmals täglich ein Schuss Zitronensaft oder Apfelessig ins Wasser geben, das unterstützt die Leber super beim Säureabbau. Auch Ingwer, in China seit Jahrtausenden als Medizin verwendet, ist potent antientzündlich wirksam. Darum ist es so empfehlenswert, jeden Morgen ein Glas warmes Ingwerwasser zu trinken.

Sarah Monz ist Fachärztin für Anästhesiologie und für Spezielle Schmerztherapie bei Paramed. Ihre Behandlungsschwerpunkte sind Erschöpfungszustände, Autoimmunerkrankungen, Stoffwechslerkrankungen, Konzentrations- und Lernschwierigkeiten, Hautprobleme, Verdauungsstörungen, Elektrosensibilität, Borreliose und Wechseljahresbeschwerden.

Was tun dagegen? Um eine irreversible Zerstörung betroffener Gelenke abzuwenden und die Ausbreitung der Entzündungen im Körper zu begrenzen, steuert die Schulmedizin möglichst früh mit synthetischen Arzneimitteln dagegen, welche die Immunreaktionen dämpfen. Allerdings macht die medikamentöse Deaktivierung des Abwehrsystems die Patienten anfällig für Infektionen; weitere mögliche Nebenwirkungen sind Blutbildveränderungen und erhöhte Leberwerte. Zusätzlich zum Basismedikament werden bei schlimmen Schüben Kortison oder nicht-steroidale Antirheumatika (NSAR) eingesetzt.

«Ich hatte so schlimme Schmerzen, dass ich alles genommen habe, trotz der Nebenwirkungen», berichtet Frey. «Weil von meinem relativ neuen Basismedikament Biologika noch keine Langzeitwirkungen bekannt sind, habe ich mich aber gleichzeitig intensiv damit beschäftigt, was man sonst noch gegen das Fortschreiten der Erkrankung machen kann.» In der Folge hat Frey ihre Lebens- und Ernährungsweise grundlegend geändert. Deshalb komme sie heute mit deutlich weniger Medikamenten aus. «Ich besuche regelmässig Gymnastikkurse der Rheumaliga. Auch die Teilnahme an einer Selbsthilfegruppe hilft, mit der chronischen Erkrankung zu leben und die Behinderung zu akzeptieren.»

* Name geändert

Buchtipps
• Claudia Lenz «Autoimmun-Ernährung. Entzündliche Prozesse im Körper dauerhaft stoppen», Verlag Südwest, Fr. 22,90
• Amy Myers «Die Autoimmun-Lösung. Ein gesundes Immunsystem beginnt im Darm», Verlag Irisiana, Fr. 30,90

Illustration: Rahel Blaser, Fotos: zvg

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