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Kategorie: Gesundheit
 Ausgabe_07_08_2015 - 01.07.2015

Text:  Andreas Krebs

Die Bevölkerung wird älter, bleibt aber länger jung. Die «jungen Alten» sind fit, wohlhabend, vernetzt und gut ausgebildet. Hand in Hand mit der Jugend haben sie das Potenzial, die Gesellschaft zu verändern.

Wir werden heute doppelt so alt wie die Menschen vor 150 Jahren. Gemäss einer Studie der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung liegt die durchschnittliche Lebenserwartung hierzulande bei 82,8 Jahren. Damit belegt die Schweiz erstmals den Spitzenplatz vor Japan und Italien. Die Zahl der 100-Jährigen schnellte zwischen 1970 und 2013 von 61 auf 1500. Altersforscher sind überzeugt, dass die Hälfte der heute Geborenen 100 Jahre alt wird. Doch das ist nicht alles. «In etwa 20 Jahren werden wir in der Lage sein, die steinzeitliche Software unserer Körper so umzuprogrammieren, dass der Alterungsprozess zunächst zum Stillstand gebracht und dann umgekehrt wird», schrieb Google-Forschungsleiter Raymond Kurzweil 2009. Und der Bioinformatiker Aubrey de Grey behauptet in seinem Buch «Niemals alt!», dass die ersten Menschen, die 1000 Jahre alt werden, bereits geboren wurden. Ob das wünschenswert ist, bleibe an dieser Stelle dahingestellt. Fakt ist, dass das Alter durchaus kein «kaltes Fieber» ist, wie Goethe einst schrieb. Umfragen zeigen, dass die grosse Mehrheit der 65- bis 85-Jährigen mit ihrem Leben äusserst zufrieden ist, ja so glücklich wie nie zuvor. Dies wird häufig als Paradox des Wohlbefindens bezeichnet: Trotz Einbussen und Verlusten – die Glückskurve steigt gegen Ende des Lebens.

Feinde des Alters.

«Die Zufriedenheit im Alter hängt primär von der Existenzsicherung, von guten sozialen Kontakten und vom gesundheitlichen Befinden ab», sagt der Altersforscher François Höpflinger, emeritierter Professor für Soziologie an der Universität Zürich. Generell hätten bildungsnahe Menschen bessere Aussichten auf ein erfülltes Alter als bildungsferne. «Bildung ist noch wichtiger als die Einkommensverhältnisse, denn sie ermöglicht den Leuten einen anderen Umgang mit den Herausforderungen des Alters.» Einsamkeit, Langeweile und das Gefühl der Nutzlosigkeit hingegen seien die schlimmsten Feinde des Alters.

Die andere Seite der Medaille
• Heute ist jeder Vierte in der Schweiz über 65. Bis 2025 werden mehr als eine Million weitere Frauen und Männer das Pensionsalter erreicht haben. Die Bevölkerungsgruppe der Alten selbst altert ebenfalls. Die über 80-Jährigen stellen die am schnellsten wachsende Gruppe unter den Alten.
• Ab 80 Jahren nimmt der Anteil der Menschen aber stark zu, die an chronischen Krankheiten und eingeschränkter Mobilität leiden. Und praktisch alle sind auf Medikamente angewiesen. Dennoch leben 82 Prozent auch jenseits der 80 nicht in einem Alters- oder Pflegeheim, sondern zu Hause. Gute Infrastruktur und Mobilität sind dabei wichtig für Wohlbefinden und Sicherheit. Generell bleiben heute ältere Menschen länger gesund, und ihr psychisches Wohlbefinden hat sich erhöht. Da gleichzeitig jedoch mehr Menschen alt werden, ist trotzdem mit mehr Pflegefällen zu rechnen, vor allem, wenn die geburtenstarken Jahrgänge hochaltrig werden.
• In Deutschland rechnet man damit, dass sich die Anzahl Pflegefälle bis in das Jahr 2050 verdoppeln wird. In der Schweiz dürfte die Entwicklung ähnlich verlaufen. Trotzdem sagt Altersforscher Francois Höpflinger: «Wenn man eine gute Gesundheitsförderung macht, ist die demografische Entwicklung kein Problem. Sie wird nur zum Problem, wenn Politik und Gesellschaft zu spät darauf reagieren.»

Arbeiten hält jung.

Wie bleibt man so fit bis ins hohe Alter? Gemäss Forschern spielen drei Faktoren eine Rolle. «Grob gesagt geht man von 25 Prozent Biologie, 25 Prozent Umwelt und 50 Prozent Lebensstil aus», sagt Mike Martin, Professor für Gerontopsychologie an der Universität Zürich. Er schlägt vor – soweit es Beruf und Gesundheit zulassen –, länger und flexibler zu arbeiten. «Zu einem sozialen Problem wird die Langlebigkeit nur, wenn wir sie mit einer starren Pensionierungsgrenze verbinden. Wir brauchen Karrieremodelle, die zu einer steigenden Lebenserwartung passen.» Zudem seien wir zu stark auf die Erwerbstätigkeit fixiert. «Menschen tun auch produktive Dinge, die für die Gemeinschaft wichtig sind, ohne dafür bezahlt zu werden.»

«Um das Gehirn auf Trab zu halten», erklärt Martin, «müssen im Prinzip zwei Bedingungen erfüllt sein: soziale Kontakte pflegen und sich selber immer wieder mit Neuem herausfordern.» Tanzen lernen, studieren, sich für die Gesellschaft einsetzen – auch im Alter kann man täglich etwas Neues tun, entdecken, lernen. Vorausgesetzt, man ist offen dafür, wachsam und neugierig. Denn Offenheit und Neugier ist keine Frage des Alters, sondern eine Frage des inneren Antriebs, des Mutes oder auch des Selbstbewusstseins. Trauen wir uns etwas zu, was wir vorher noch nie gemacht haben? Überwinden wir uns, etwas zum ersten Mal zu tun? «Das habe ich noch nie gemacht!», ist eine häufige Antwort, mit der Neues vorschnell abgetan wird. Doch so kann das Leben ganz schön lahm werden und öde.

Weg mit Gewohnheiten.

Um aus dem Hamsterrad herauszukommen, können kleine Veränderungen Grosses bewirken: Wenn Sie zum Frühstück üblicherweise Kaffee trinken – trinken Sie einmal eine Woche lang Tee. Kaufen Sie eine andere Zeitung. Lassen Sie abends – schon mal gemacht? – den Fernseher aus. Rufen Sie jemanden an, von dem Sie lange nichts mehr gehört haben. Oder gehen Sie einfach zu einem anderen Coiffeur, und seien Sie neugierig, was passiert. Es mag banal sein, aber solche Routinekiller halten (nicht nur alte Menschen) auf Trab. Und auf Trab sind sie, die jungen Alten. Der Bericht Generation Gold vom Gottlieb Duttweiler Institut lässt daran keinen Zweifel. «Die neuen Alten sind das nächste grosse Ding, das unsere Gesellschaft und unsere Märkte radikal verändern wird», steht da. Die ersten Babyboomer – sie bilden die geburtenstärksten Jahrgänge (1946 bis 1964) – bildeten die Vorhut einer neuen Altersbewegung. «In ihrer Jugend haben sie Autonomie im Denken, in der Kleidung, im Musikhören und in der Sexualität erkämpft. Nun erheben sie den Anspruch, anders, besser und schöner alt zu werden als ihre Eltern. Im Unterschied zu früheren Generationen sind sie bis über achtzig relativ gesund, haben Zeit, Geld und Energie, um alte und neue Träume zu verwirklichen.» Davon profitiert die Tourismusbranche, aber auch Firmen wie Porsche oder Harley Davidson, die dank Käufern im Alter von 60plus Rekordumsätze machen. Die Babyboomer sind die reichste Generation, die die Schweiz jemals hervorgebracht hat.

Das brachliegende Potenzial.

Die jungen Alten sind aber nicht nur eine der wichtigsten Konjunkturstützen, sie wollen sich auch einsetzen für eine lebenswerte Zukunft, ist Altersforscher Höpflinger überzeugt. Er redet von Genera-tionenprojekten, Sharing Economy, Gemeinschaftsgärten, Nachbarschaften. «Die Alten haben Zeit, Geld, Erfahrung und tragfähige Netzwerke. Mit den gewonnen Jahren und dem individuellen Glück könnten sie zur Lösung von gesellschaftlichen Herausforderungen beitragen. Es läuft ja schon vieles. Nur auf politischer Ebene und in der Arbeitswelt ist das noch nicht angekommen.» Dort zählt, wer das sechste Lebensjahrzehnt erreicht hat, zum alten Eisen. Spätestens. «Ab 50 haben selbst gut Qualifizierte extrem Mühe, eine neue Stelle zu finden. Sie sind oft schlicht zu teuer.» Was für eine Ressource, die da verschmäht wird. Die über 65-Jährigen machen schon heute 25 Prozent der Bevölkerung aus, Tendenz stark steigend. Sie verfügen über Lebens- und Berufserfahrung, sind leistungswillig, kompetent und bereit, sich zu engagieren. Mit dieser Perspektive kann das Alter zu einem echten persönlichen und gesellschaftlichen Gewinn werden. In der Hochkonjunktur aufgewachsen, in Kommunen lebend, um die Welt gereist, gegen Atomkraftwerke und Kriege demonstrierend, bietet sich den Babyboomern – reich und gereift – erneut die Möglichkeit, die Welt zu verändern. Hand in Hand mit den Jungen kann das etwas werden.

Fotos: istockphoto.com, fotolia

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