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Slow Summer

Kategorie: Gesundheit
 Ausgabe_07_08_2015 - 01.07.2015

Text:  Eva Rosenfelder

Abschalten und herunterfahren. Wer das Hirn einmal im Leergang laufen lässt, wird staunen, wie gut das tut. Ein Plädoyer für genüssliches Verweilen im Jetzt.

Der Sommer ist da. Wir sehnen uns nach Sonne, Erholung und Ruhe. Leider ist es nicht ganz einfach, aus dem alltäglichen Hamsterrad auszusteigen und die dazugehörigen Utensilien wie Smartphone, Labtop und Co links liegen zu lassen. Man gibt es ungern zu: Doch diese Geräte haben die allermeisten Zeitgenossen und -genossinnen dressiert. Marionettenähnlich hängen sie im Netz – natürlich nicht Sie und ich –, sie haben sich daran gewöhnt, nonstop und (fast) überall Informationen abzurufen und auszutauschen. Während der Arbeitszeit werden Nachrichten an Freunde aus aller Welt geschickt, beim Treffen mit Freunden kann man durch einen kurzen Blick auf das Smartphone noch die E-Mails abrufen oder das Kinoprogramm studieren. Dieser technische «Segen» ermöglicht es auch, bis weit nach Feierabend für den Arbeitgeber erreichbar zu sein und geschäftliche Mails zu jeder Uhrzeit abzuarbeiten. Selbst nachts liegen die Geräte in Reichweite und summen den modernen Menschen in seinen kurzen Schlaf.

Nichts verpassen!

Unsere heutige Gesellschaft ist aktiv wie noch nie, die Agenda randvoll: Vom Sport zum Sprachkurs, vom Chor zur beruflichen Weiterbildung. Wie soll man sonst noch mit der Konkurrenz mithalten? Auch die Kinder sollen gute Chancen haben für die Zukunft und möglichst frühzeitig gefördert werden. Musikunterricht, Malatelier, Kickboxen, Reiten und zu den Pfadfindern – denn etwas Natur ist pädagogisch sinnvoll. Abends gönnt man sich nach all dem Stress noch eine Prise Kultur und eilt mit dem Partner ins Kino. Eine Studie der Pennsylvania State Universität zeigt, dass Freizeit und Ferien heute von enorm hoher Intensität sind. Sie besagt, dass bei vielen Menschen die Konzentration des Stresshormons Cortisol in der Freizeit und am Wochenende höher ist als unter der Woche. Heute geht es offensichtlich in Freizeit und Ferien nicht mehr darum, zu entspannen, sondern darum, nichts zu verpassen. Ob es daran liegt, dass die Weltlage bedrückend scheint und der einzelne Mensch nur wenig daran verbessern kann? Wollen wir deshalb wenigstens aus uns selbst oder aus unseren Kindern das Beste herausholen und mindestens damit noch einen Hauch von Selbstbestimmung und Freiheit erhaschen?

Gegensteuer.

In jedem Bereich setzen wir uns selbst hohe Anforderungen. So hoch, dass wir es kaum mehr schaffen, ihnen gerecht zu werden. Das zeigt die bedenkliche Zunahme des Burn-out-Syndroms, das fast schon wie ein Virus um sich greift. Ungefähr jede dritte Person in der Schweiz erlebt im Laufe ihres Lebens eine psychische Krankheit, vor allem Angst- und Stresserkrankungen oder Depressionen. Was also tun, wenn nicht mit aller Entschlossenheit sein Leben zu entschleunigen und dieser Entwicklung Gegensteuer zu geben?

Leer laufen lassen.

Das Wort Leerlauf erfüllt den aktiven und stets engagierten Menschen mit Grauen. Dass aber ausgerechnet das Gehirn, welches uns als selbst ernannte Krone der Schöpfung auszeichnet, etwas ganz anderes vorzeigt, ist bemerkenswert. Durch die Entdeckung des hirninternen Leerlaufs in der modernen Hirnforschung weiss man heute um die Wichtigkeit des Nichtstuns. Anhand von Versuchen und mithilfe der Kernspintomografie belegte der US-Neurologe Marcus Raichle 1998, dass sich im Gehirn seiner Testpersonen Leerlauf-Netzwerke aktivierten, sobald sie aufhörten, zielgerichtet zu denken. Zu diesen Netzwerken gehören Hirnregionen, die für autobiografisches Erinnern, Identität und Fantasieren zuständig sind. Diese werden erst beim Tagträumen oder im Schlaf aktiv und haben die Aufgabe, Ordnung herzustellen, indem sie Wichtiges von Unwichtigem trennen, Gelerntes verarbeiten und Gedächtnisinhalte mit neuen Eindrücken verbinden. Das Gehirn beschäftigt sich also in Ruhezeiten mit sich selbst und schafft Ordnung im System. So ermöglicht es uns, über uns selbst und über das Verhalten anderer zu reflektieren. Es entsteht nicht nur Empathie mit der Umwelt, sondern auch die Möglichkeit, aus den Tiefen des Unbewussten, halbvergessene Schätze zu heben und diese kreativ umzusetzen. Die Augenblicke der Musse sind es, in denen wir von der Muse geküsst werden.

Nichts tun ist schwierig.

Dass das reine Nichtstun für viele Menschen aber nahezu einer Folter gleichkommt, zeigte ein Versuch von Psychologen der University of Virginia, die 2014 im Fachjournal Science berichteten, wie schwer es den Probanden fiel, nur den eigenen Gedanken nachzuhängen. So sehr sogar, dass sie in den Versuchen oft eine absurde Entscheidung trafen: Die Teilnehmer verschiedensten Alters verpassten sich lieber Elektroschocks, statt 15 Minuten lang konzentriert nachzudenken. Obwohl sie sich geistig ganz mit einem Thema ihrer Wahl beschäftigen und bloss nicht aufstehen oder einschlafen durften, empfand die Mehrzahl der Probanden die innere Einkehr als so belastend, dass sie sich lieber selbst Schmerz zufügten, als diese Untätigkeit zu ertragen.

Ausatmen und Nachdenken zuzulassen, heisst eben auch sich mit Fragen der Sinnlosigkeit, der Leere, der Vergänglichkeit und des Todes auseinanderzusetzen. Ein Leerraum, der letztlich aber wieder Kraft gibt, tief einzuatmen und sich dem Leben zuzuwenden. Wer seinen Leerlauf-Netzwerken genügend Raum schenkt, wird wie nebenbei das Geheimnis der Kreativität lüften. Denn Langweile macht kreativ. Der Leerlauf-Modus des Gehirns kommt bereits bei einem Spaziergang, bei sinnlichen Naturerlebnissen, bei Mediations- und Entspannungsübungen, aber auch bei kreativen Tätigkeiten wie Kochen oder Basteln in Gang.

Statt eines vollgepackten Sommerprogramms und einer Reise in die Ferne, könnte man jetzt wieder mal Zeit finden für «lange Weile»; dem Wind in den Blättern und dem Plätschern des Bächleins zu lauschen, dem Flug der Vögel oder dem Ziehen der Wolken am Himmel zuzuschauen und – einfach zu sein. 

Foto: istockphoto.com

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