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1: 0 fürs Gänseblümchen

Kategorie: Essen
 Ausgabe_09_10_2015 - 01.09.2015

Text:  Felicia Molenkamp

Die Natur stellt uns antibiotisch wirksame Stoffe wie ätherische Öle, Bitter- und Schleimstoffe zur Verfügung. Die Biologin Felicia Molenkamp erklärt, wie das funktioniert und weshalb die Natur dem Labor überlegen ist.

Die Entdeckung des antibiotisch wirksamen Behandlungsprinzips bei bakteriellen Infektionen zu Beginn des 20. Jahrhunderts gehört sicherlich zu den bedeutsamsten Erkenntnissen der menschlichen Medizingeschichte. Zahlreiche Infekte konnten seitdem geheilt, viele Menschenleben verlängert werden. Doch wo viel Licht ist, da ist auch viel Schatten: Immer häufiger auftretende Nebenwirkungen und zunehmende Resistenzbildungen der Bakterien zeigen unmissverständlich die Grenzen der Antibiotika auf.

Diesen nach dem Vorbild der Natur industriell kreierten Antibiotika, ich nenne sie Chemo-Biotika, stelle ich die Kräuter-Biotika gegenüber. Meine Wortschöpfung Kräuter-Biotika bezieht sich auf die immer wieder in Kräuter-Büchern erwähnte antibakterielle Heilwirkung von Duft-, Bitter-, Farb-, Gerb-, Schleim- und Seifenstoffen. Einige dieser bis vor Kurzem noch unbeachteten Helden haben wichtige Funktionen im Pflanzenkörper wie auch in unserem Leib. So bewahren sie vor unliebsamen Keimen, wirken hormon- oder vitaminähnlich und unterstützen hervorragend unseren Stoffwechsel. Sobald wir wilde Kräuter verzehren, essen wir auch ihre antibiotischen Nahrungsbestandteile.

Der Vergleich
Kräuter-Biotika
• systemische Wirkung
• Syndrom-behebend
• keine Resistenzen
• keine Nebenwirkungen
• werden verstoffwechselt
• keine Umweltbelastung
• wirken langsam und oft
Chemo-Biotika
• spezifische Wirkung
• Symptom-behebend
• bewirken viele Resistenzen
• viele Nebenwirkungen wie Allergien, Verpilzung und Unverträglichkeiten
• stofflicher Umsatz ist meist nicht geklärt – sie erzeugen viele Abfallstoffe
• hohe Umweltbelastung
• wirken schnell und effektiv im Notfall unspezifisch

Hoher Preis. Die von mir benannten Chemo-Biotika hingegen können die Natur aus biologischer Sicht bestenfalls imitieren. Nie sind sie in der Lage, die Natur genau zu kopieren, geschweige denn zu verbessern. Beim direkten Vergleich zwischen Kräuter- und Chemo-Biotika punkten letztere nur in einer Hinsicht: Sie wirken schnell und effektiv im Notfall.

Langsam wird uns bewusst, dass der oft unbedachte, inflationäre Einsatz konventioneller Antibiotika einen hohen Preis fordert: Abgesehen von einer beunruhigenden Steigerung der Nebenwirkungen wie Allergien, Unverträglichkeiten und Pilzinfektionen zeigen uns auch die Bakterien immer häufiger und überdeutlich, dass sie uns Menschen in puncto Erfindungsreichtum die Stirn bieten können. Im Wettstreit um modernste Forschungsmethoden und super ausgebildete Wissenschaftler ziehen diese kleinen Mini-Alchemisten lässig an unseren Nobelpreisträgern vorbei und siegen schlussendlich. Eigentlich nicht überraschend, denn während wir Menschen erst seit etwa 400 Jahren den zellularen Mikrokosmos erforschen, tüfteln die Winzlinge bereits seit über vier Milliarden Jahren an der Grundsubstanz des Lebens herum.

Das Buch «Kräuter-Biotika» von Felica Molenkamp ist als Leserangebot zum Vorzugspreis erhältlich.


Was Pflanzen besser können. Vergleichen wir unsere Fähigkeiten zum Beispiel mit denen von Pflanzen, werden gar Defizite offensichtlich: Pflanzliche Zellen sind komplexer gebaut und haben darüber hinaus noch eine zusätzliche Aussenwand um ihre Zellmembran. Sie sind fähig, verlorene (abgefutterte) Körperteile zu ersetzen – und sie können sich vegetativ vermehren. Mithilfe ihrer Kraftwerke, den Chloroplasten und Mitochondrien, sind sie in der Lage, aus Licht, Wasser und Kohlendioxid Zucker sowie andere organische Komponenten herzustellen und dabei lebenswichtigen Sauerstoff zu produzieren. Sie bauen von A bis Z, von Aminosäuren bis Zucker, verschiedene chemische Substanzen auf, die wir rückwärts von Z bis A, von Zunge bis After, während unserer Verdauung – unseres Stoffwechsels – wieder in ihre Grundeinheiten zerlegen.

Ausserdem überflügeln die Gaben von Pflanzen unsere fünf Sinne: Pflanzen können sehen, riechen, schmecken, hören und fühlen – darüber hinaus sind sie fähig, elektromagnetische Felder, Schwerkraft, Feuchtigkeit (ihrer Umgebung), chemische Stoffe und vieles mehr zu analysieren und darauf aktiv entsprechend zu reagieren.

Körper und Geist stärken. Vom langkettigen Zuckerbis hin zum kompliziertesten Eiweissmolekül stellen uns die Pflanzen ihre Inhaltsstoffe gern zur Verfügung – in Form von Nahrung und auch als Arzneimittel. Mithilfe pflanzlicher Stoffwechselprodukte wie Vitamine, Hormone, Enzyme sowie der Kräuter-Biotika können sich die Gewächse relativ schnell an sich ändernde Umweltbedingungen anpassen und gegenüber nachteiligen Einflüssen behaupten. Sie stärken sich – und auch uns – gegen Krankheitserreger.

Nichts spricht dagegen, aber vieles dafür, Pflanzen mit geniessbarem Heilpotenzial in unsere Nahrung zu integrieren – so, wie die Menschheit dies über 99 Prozent ihres Werdeganges getan hat. Sie wirken zunächst präventiv und stärken Körper, Geist und Seele. Selbstverständlich können wir all diese grünen Goodies auch konservieren und konzentriert als Tee, Tinktur oder Ähnliches zubereiten. Oder einfach damit kochen: Sollten wir zum Beispiel den Beginn einer Erkältung spüren, essen wir vermehrt Thymian zu Lammfleisch oder ein mit dem Kraut gewürztes Ananas-Dessert, was Kindern übrigens vorzüglich schmeckt.

Auch Spitzwegerich-Knospen in einer Wildsauce oder als Salatzutat helfen, eine Erkältung abzuwenden. Bei Blasenschwäche laben wir uns an Preiselbeeren-Kompott oder einem Bärentrauben-Aufstrich.

Fühlen wir uns allgemein geschwächt, streuen wir Brennnesselsamen und Gänseblümchenblüten auf unsere Mahlzeiten oder kosten eine Neun-Kräuter-Suppe mit Hühnerfleisch. Bei inneren Verletzungen bereiten wir uns einen Beinwell-Auflauf, bei Gichtschmerzen verzehren wir Giersch und andere Frühlingsboten.

Natürliche Heilmittel, wie sie uns von Pflanzen (teilweise auch von Tieren und Mineralien) zur Verfügung stehen, werden nach evolutionär bedingtem Schlüssel-Schloss-Prinzip von unserem Stoffwechsel ohne Rückstände in unseren Körper integriert. Industriell kreierte Präparate und Medikamente sollten stets eine Ausnahme bleiben. Sie bringen unser Immunsystem sowie andere Stoffwechselmodalitäten durcheinander und bedingen daher auch viele Nebenwirkungen. Nicht im evolutionären Netzwerk integriert, stellen sie potenzielle Gefahren für das natürliche Gleichgewicht dar.

Die Autorin
Felicia Molenkamp ist Biologin und Autorin des Buches «Kräuter-Biotika». In ihrer «KräuterSchule» (www.KraeuterSchule.eu) bietet sie Kräuter- und Baumwanderungen, Wildniskochkurse, Vorträge zur Pharmakologie der einheimischen Gewächse und Seminare für naturheilkundliche Ärzte an.

Fotos: fotolia.com, blickwinkel.de

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