Sabine Hurni über «was stimmt für mich?»

Wir Menschen haben eine äusserst interessante Angewohnheit. Wir urteilen schnell, ob etwas gut oder schlecht, richtig oder falsch, gesund oder ungesund ist. In diesem ständigen Bewerten geben wir lieber einen obendrauf, als dass wir etwas weglassen. Lieber trinken wir mehr Wasser, weil es die Zellen jung hält, als dass wir weniger Kaffee trinken, der naturheilkundlich betrachtet eher etwas austrocknet. Oder wir setzen uns ambitionierte Bewegungsziele, anstatt häufiger die Treppe anstelle des Liftes zu nehmen. Und lieber, als dass der Mensch das Fleisch reduziert, schluckt er Fischölkapseln oder isst mehr Baumnüsse als ihm guttut, um an die Omega-3-Fettsäuren zu kommen. Natürlich gibt es auch das andere Extrem, dann, wenn der Mensch genau ins Gegenteil kippt: Weil ihn diese pauschalen Regeln nerven, verhält er sich wie ein trotziges Kind, das aus Prinzip nicht macht, was es sollte.
Ob das Pendel auf die eine oder die andere Seite ausschlägt, ist eigentlich sekundär. Zentral ist vielmehr, dass Menschen Entscheidungen fällen und Ratschläge befolgen oder missachten, ohne sich dich Frage zu stellen: «Was stimmt für mich?» Es ist interessant und aufschlussreich, zwischendurch in die Selbstreflexion zu gehen und sich zu fragen: Woher kommt es, dass wir denken, dass nur wenn ein grosses Stück Fleisch auf dem Teller liegt, es ein richtiges Essen ist, oder dass man alles richtig machen muss und sich bei der Ernährung keinen Fehler erlauben darf?
Ich weiss nicht, wie man lernt, auf die Signale des Körpers zu hören. Der einzige Weg ist der, dass Sie beginnen, sich die Frage «Was stimmt für mich?» regelmässig zu stellen. Der Mensch hat die Tendenz, mehr von dem zu tun, was er für sich als gut empfindet, doch manchmal kippt das Konstrukt und es war des Guten zu viel, was wiederum zu Unwohlsein führen kann. Riesige Mengen an Salat und Gemüse können zu Blähungen führen. Es ist ein Zeichen dafür, dass die Verdauung überfordert ist und infolgedessen die vielen wichtigen Nährstoffe, wegen denen Sie die Pflanzenkost zu sich nehmen, nicht gut aufgenommen werden können. Bei Low-Carb-Diäten erhöhen Leute die Menge an tierischen Eiweissen, anstatt die Kohlenhydrate durch Gemüse zu ersetzen. Das kann die Nieren belasten, weil diese mehr Säure ausscheiden müssen. Eine Gemüsepfanne mit zu vielen verschiedenen Gemüsesorten ist schwer zu verdauen, weil jedes Gemüse unterschiedliche Verdauungsenzyme benötigt. Zu viel Wasser spült die Nährstoffe aus dem Körper, zu viel Sport versetzt den Körper in Dauerstress und zu viele Nüsse können bei manchen Menschen zu einem Anstieg an Histamin sorgen. So empfehlenswert das bewegte, pflanzenbasierte und Omega-3-Fettsäure-reiche Leben auch ist: Wir tun schnell einmal des Guten zu viel.
Deshalb kann ich nur sagen: Glauben Sie nicht alles, was Sie lesen (das gilt auch für meine Worte☺), sondern gehen Sie mit dem Gehörten oder Gelesenen in Resonanz und fragen Sie sich: «Was stimmt für mich?» Ich möchte Sie ermutigen, sich diese Frage zu stellen, sie für sich zu beantworten und Ihre Erkenntnisse in Tat umzusetzen, auch wenn die ganze Familie anders denkt. In meinen Kochkursen erlebe ich immer wieder, dass die Frauen sagen: «Das wäre genau mein Essen, aber meine Familie mag so etwas nicht.» Aber was spricht denn dagegen, für sich selbst eine Suppe zum Abendessen zuzubereiten? Sich im Waffeleisen – das notabene in den meisten Haushalten irgendwo verstaubt – eine Kartoffelrösti oder einen Gemüsepuffer zu backen, statt mit der Familie Teigwaren oder Käse und Brot zu essen? Das muss nicht immer so sein, aber zumindest an jenen Tagen, an denen Sie merken, dass Ihr Körper ein bestimmtes Bedürfnis hat.
Ein möglicher Weg, diese Selbstwahrnehmung zu schärfen, kann eine Fasten-, Entlastungswoche oder ein Basenfasten sein. Abgesehen davon, dass dies dem Stoffwechsel sehr guttut, hilft die Auszeit, um aus liebgewonnenen Gewohnheitsmustern auszubrechen. Fragen Sie sich immer wieder, ob Sie ein bestimmtes Lebensmittel, den Kaffee, das Glas Wein oder den Kuchen, geniessen, weil Sie Lust darauf haben, weil es Gewohnheit oder Ritual ist oder ob es ohne nicht geht. Oder mit anderen Worten: Ist es pure Freude, emotionale Kompensation, Gewohnheit oder Sucht? Sie brauchen daran nichts zu ändern, aber es ist wichtig, es unterscheiden zu lernen. Wenn der Kuchen nur emotionale Kompensation ist, dann reicht vielleicht ein feiner Tee oder ein Spaziergang, um dieses Gefühl von Mangel zu beseitigen. Es scheint mir wichtig, dass wir Menschen einen bewussten Umgang mit uns und unserer Art, uns zu ernähren, finden. Und dabei immer mehr auf das innere Wissen hören, statt auf Tipps und Trends, die in den sozialen Medien kursieren.
