Sabine Hurni über das Tagträumen

Als Kind habe ich davon geträumt, Bäcker-Konditorin zu sein und den ganzen Tag nichts anderes zu tun als Desserts zu essen. Später träumte ich davon, eine Schriftstellerin wie Federica de Cesco zu werden und für meine Geschichten die ganze Welt zu bereisen.

 

Heute träume ich oft davon, wie die Welt wohl wäre, wenn die machthungrigen, alten Männer von neuen, menschlicheren, sozialeren und friedlicheren Systemen abgelöst würden. Oder im Winter auf einem Waldspaziergang durch ein Waldgebiet, in dem über Wochen viel Holz gerodet wurde und der Waldboden wie eine offene Wunde, vernarbt von riesigen Radspuren der Forstgerätschaften, vor mir lag, überlegte ich mir, was der Wald wohl machen würde, wenn er sich gegen diese Einschnitte wehren wollte. Das war kein schöner Traum, aber hoffentlich auch nur ein Traum. 

Träumen ist etwas Schönes. Man kann sich für einen Moment der Realität entziehen und gedanklich verreisen in eine lichtvolle, spannende, inspirierende Welt. Die Realität ist schon trist genug – wie düster wäre sie, wenn wir nicht mehr träumen könnten? Träumen ist ein Privileg all jener, die sich nicht ständig beschäftigen müssen, wollen oder das Gefühl haben zu müssen. Träumen ist ein Privileg all jener Menschen, die Freude an der Stille haben, sich gerne mit sich selbst beschäftigen und es aushalten, dass nicht jeder Moment mit Aktivität gefüllt ist. Tagträumen, Wunschdenken ebenso wie angstvolle und glückliche Fantasien gehören zu den täglichen Aktivitäten des Gehirns. Wir wandern mit den Gedanken durch die Welt und schwingen uns mit unsichtbaren Flügeln in andere Sphären. Das eröffnet uns den Zugang zu neuen Gedanken, die uns verborgen bleiben, wenn wir fokussiert einer Arbeit nachgehen. Tagträumen fördert zudem die Kreativität und offenbart uns neue Lösungen zu Problemen. Es soll sogar das Nervensystem entlasten und dabei helfen, Stress zu reduzieren. Doch nicht jeder kreisende Gedanke ist ein Träumen. Wenn die Gedanken sich um Sorgen oder Schuldgefühle kreisen, hat dies nichts mit Träumen zu tun, sondern lässt unsere Energie im Gegenteil auf ein tiefes Niveau sinken. Auch das chaotische Abschweifen der Gedanken zeugt mehr von schlechter Konzentration als von träumerischem Gedankenwandern.

«Träume schenken uns kleine Reisen im Kopf.»


Im Gegensatz zu den Nachtträumen können wir die Tagträume weiterspinnen und gleichzeitig unsere Umwelt wahrnehmen. In diesem Moment können wir auch klar unterscheiden, welche Gefühle und Gedanken zum Traum gehören und was Wirklichkeit ist. Die Tagträume vieler Menschen richten sich auf die Zukunft. Man stellt sich vor, was man mit viel Geld machen würde, wie sich die echte Liebe anfühlt oder wie es wäre, Anerkennung für all die Mühe zu bekommen, die man täglich leistet. Auch wenn es sich dabei um Träume handelt, wirkt diese Gedankenreise sich positiv auf unser Gehirn aus. Solche Träume sorgen für emotionale Befriedigung, weil man sich vorstellt, wie etwas sein könnte und sich selbst in dieser Situation sieht und erlebt. Das hilft, persönliche Ziele klarer zu definieren und so zu tun, als ob sie bereits eingetroffen wären. Entsprechend vorsichtig muss man sich mit Angstfantasien auseinandersetzen, damit wir uns nicht genau die Situation herbeiträumen, die wir so sehr fürchten. Angst ist kein guter Begleiter, löst viel Stress aus im Gehirn und bringt uns nicht zu konstruktiven Lösungen. Deshalb bitte ich Sie: Wenn Sie merken, dass sich Ihre Tagträume um Angstfantasien und Horrorszenarien drehen, dann springen Sie auf und schütteln Sie sich oder machen Sie ein paar Kraftübungen wie zum Beispiel Kniebeugen. 

Kinder und Jugendliche träumen noch intensiver während des Tages als Erwachsene, die sich gedanklich mehr auf erreichbare, pragmatische Ziele konzentrieren. Bei den älteren Menschen nimmt das Tagträumen noch stärker ab, sie blicken eher zurück, als dass sie sich mit Visionen der Zukunft oder Wunschfantasien befassen. Das ist schade, denn beim Tagträumen sind erstaunlich viele Hirnregionen aktiv. Es geht um Selbstwahrnehmung, Selbstbewusstsein, um emotionale Reaktionen, sensorische Wahrnehmungen und andere Gedächtnisfunktionen, die sich gleichzeitig miteinander koordinieren. 

Wir haben die Tendenz, uns ständig abzulenken, damit ja keine Langeweile aufkommt. Doch genau diese Langeweile dient als Auslöser für die Tagträume. Deshalb möchte ich Sie ermuntern: Träumen Sie mal wieder ein bisschen vor sich hin. Statt bei jeder Zugfahrt, beim Warten und beim Sonnenbaden auf dem Liegestuhl immer ein Buch, das Handy oder die Zeitung zur Hand zu haben kann man auch mal aus dem Fenster blicken, in den Himmel gucken oder Menschen beobachten. An den Wegrändern unserer schönen Spazierwege stehen so viele Bänkli, die selten benutzt sind – setzen Sie sich doch hin und träumen Sie ein bisschen. Das würde mich ausserordentlich freuen!


Sabine Hurni

Sabine Hurni ist Fachfrau für Ernährung, Naturheilkunde und Spiritualität. In der Kolumne «Sabine Hurni über…» befasst sie sich mit Ernährung als Medizin und Gesundheit auf allen Ebenen. In ihrer Praxis begleitet und berät sie Menschen ganzheitlich. www.sabinehurni.ch

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