Sabine Hurni über … das Meditieren

Meditieren Sie? Oder würden Sie es gerne tun, kommen aber nicht dazu? Vor zehn Jahren besuchte ich mein erstes Meditations-Retreat und kam dort in Kontakt mit tibetisch-buddhistischen Meditationspraktiken wie auch mit dem japanisch-buddhistischen Zen. Damals habe ich mich entschieden, dass der tibetisch-buddhistische Weg besser zu mir passt und habe ihn weiterverfolgt. Zuerst mit dem Praktizieren der Achtsamkeitsmeditation, dann mit der bewegten Meditation Lu Jong (tibetisches Heilyoga) und später mit tieferen buddhistischen Meditationspraktiken, die mit dem inneren Feuer arbeiten. Mein Glück war es, dass ich sofort Menschen fand, die sich für das Lu Jong interessierten und denen ich diese wertvollen Bewegungen weitergeben konnte, immer kombiniert mit verschiedenen Meditationen. So meditiere ich regelmässig, im Minimum an den Kursen, im Maximum auch morgens unter der Woche. Die ganzen zehn Jahre habe ich es jedoch nie geschafft, über längere Zeit täglich zu meditieren. Dies, damit Sie wissen, dass auch ich auf dem Weg bin. Wohin auch immer.
«Meditation bedeutet, ganz bei dem zu sein, was wir gerade tun.»
Und genau das ist es doch, was das Meditieren so erfrischend anders macht. Wir müssen nichts erreichen mit der Meditation, kein Ziel verfolgen und keine Leistung erbringen. Wir können meditieren, um den Geist zu beruhigen, um den Körper besser wahrzunehmen oder um den Atem in Ruhe zu beobachten. Aber es braucht viel Disziplin und Willensstärke, sich morgens oder abends hinzusetzen und zu meditieren. Meditieren Sie in einer gewissen Regelmässigkeit um des Meditierens willen, wird sich eine Stressresistenz und Konzentrationsfähigkeit einstellen, wir können es aber nicht erzwingen. In einer Weisheitsgeschichte von Anthony de Mello erklärt es der Meister am Beispiel des Geschirrspülens: «Es gibt zwei Möglichkeiten, Geschirr zu spülen. Die eine, um es sauber zu machen, die andere ist es, das Geschirr zu waschen, um es zu waschen. Die erste ist totes Tun, denn während der Körper Geschirr spült, ist der Geist auf den Zweck fixiert, es sauber zu machen. Die zweite ist lebendiges Tun, weil der Geist dort ist, wo der Körper ist.»
Das lebendige Meditieren muss also nicht zwingend im Sitzen erfolgen, erst recht nicht in einer für Sie unbequemen Sitzhaltung. Meditation funktioniert auch im Gehen, beim Schwimmen, Tanzen, Singen, Malen, Gärtnern oder bei einfachen, monotonen Arbeiten, indem Sie sich beim Gehen nur auf Ihre Fusssohlen konzentrieren, Sie beim Schwimmen das Wasser beobachten, das um Ihren Körper fliesst, beim Singen, Malen und Tanzen in einen Flow kommen, der Sie die Zeit vergessen lässt, und Sie beim Gärtnern die Natur intensiv beobachten. Das alles bringt eine gewisse Leichtigkeit ins Tun. Sie schwimmen nicht mehr, um die Muskeln zu stärken, Sie malen nicht mehr, um ein grossartiges Bild zu produzieren, Sie tanzen nicht mehr, um anderen zu gefallen, und gärtnern nicht, um es möglichst schnell hinter sich zu bringen. Nein, Sie tun die Dinge um der Freude willen.
Wenn Ihnen das zu schwierig, ineffizient und langweilig erscheint, ist es wohl besser, Sie beginnen mit der Meditation im Sitzen. Am besten früh am Morgen, vor dem Frühstück, wenn die Welt noch still ist. Setzen Sie sich anfangs maximal fünf Minuten mit einem Stuhl oder einem Meditationskissen in eine ruhige Ecke Ihres Zimmers und konzentrieren Sie sich auf eine einzige Sache. In der Regel beginnt man mit dem Beobachten des Atems, wie er durch die Nase ein- und ausströmt. Sie können aber auch auf Ihren Brustkorb achten, wie er sich hebt und senkt, oder ein östliches oder christliches Mantra zur Hilfe nehmen, das Sie immer und immer wieder repetieren. Eine schöne Meditation ist auch die Betrachtung der Dinge, wie zum Beispiel die Flamme einer Kerze, den Horizont, die Wasseroberfläche, einen Baum oder einen Berg. Damit Sie sich nicht um die Zeit kümmern müssen, stellen Sie am besten einen Wecker. Beginnen Sie anfangs mit kleinen Sequenzen und steigern Sie diese kontinuierlich.
Wir können mit dem regelmässigen Meditieren den Geist beruhigen. Das heisst, die Meditation hilft, den Geist klarer zu machen. Getrübt wird er von zahlreichen Gedanken, die ununterbrochen durch unseren Kopf sausen, uns ablenken, uns selbst und die Dinge bewerten und unsere Stimmung wie auch unser Tun beeinflussen. Diese Gedanken können wir nicht abstellen, erst recht nicht, wenn wir uns in Ruhe zum Meditieren hinsetzen. Wir müssen ihnen mit knallharter Disziplin klarmachen, wer der Chef oder die Chefin ist. Die Buddhist*innen nennen das «den Affen dressieren». Die Konzentration bleibt bei einer Sache – Atem, Kerzenflamme, Wasseroberfläche, was auch immer. Kommt ein Gedanke, schieben wir ihn liebevoll, als wäre es ein junger Hund, zur Seite und konzentrieren uns wieder auf diese Sache, so lange, bis der Wecker klingelt. Je mehr Übung Sie bekommen, desto länger können Sie in einem Zustand verweilen, der friedlich, ruhig und lichtvoll ist. Das ist es, was das Nervensystem braucht, um sich zu erholen.
Sabine Hurni
Sabine Hurni ist Fachfrau für Ernährung, Naturheilkunde und Spiritualität. In der Kolumne «Sabine Hurni über …» befasst
sie sich mit Ernährung als Medizin und Gesundheit auf allen Ebenen. In ihrer Praxis begleitet und berät sie Menschen
ganzheitlich. www.sabinehurni.ch
