Sabine Hurni über Begegnungen

 

Heute traf ich zufällig einen alten Schulfreund. Ich dachte zuerst, er hätte sich am Fuss verletzt, doch dann bemerkte ich, dass seine linke Körperseite gelähmt war. Schlaganfall vor fünf Jahren. Er war damals 44. Was mich an dieser Begegnung zutiefst berührt hat, war die Kraft, die der Mann ausstrahlte. Da war nichts von Schwäche, Bedauern oder Resignation. Von ihm ging eine geballte Ladung an Zuversicht, Stärke, Mut und Lebensfreude aus. Er erzählte mir seine Geschichte, während um uns herum Menschen auf den Zug eilten, Einkäufe nach Hause schleppten, sich stritten oder gelangweilt durch die Stadt flanierten. Er sprach von seinen Visionen, von seinen kleinen Schritten des Vorwärtskommens zurück ins Leben und in dessen neue Realität. Wir redeten von der Achtsamkeit, vom Innehalten und von der Kraft des Augenblicks, der ihm immer wieder Zeit gibt, durchzuatmen und auszuruhen. Er erzählte von seiner Familie, die ihm aus Vorsicht und Angst manchmal weniger zumutet als er sich selbst.

Ich erinnerte mich an ihn als jungen Mann, der uns mit seinem geschliffenen Mundwerk so oft zum Lachen brachte. Ich erinnerte mich an die letzte Klassenzusammenkunft, an der er zwar mit dabei war, aber kaum ein Wort sagte. Wir waren alle irritiert und fragen uns, was unserem Freund wohl die Sprache verschlagen hat. Kurz darauf muss der Schlaganfall stattgefunden haben. Und jetzt, fünf Jahre später, steht er wieder vor mir, der gewitzte Mann mit seinem wunderbaren Humor. Ich weiss nicht, was ihn damals so bedrückte. Bei aller Tragik seines Schicksals war ich erleichtert, dass er seine junge, lebensfrohe Seite und seinen Schalk doch nicht ganz verloren hat. Und dass ihm genau dieser Humor und Lebensmut vermutlich sehr geholfen haben in dieser schwierigen Zeit.

Als ich meinen Weg fortsetzte, merkte ich, dass sich bei mir etwas verändert hat. Die Begegnung hat mich so sehr berührt, dass ich mich komplett anders wahrnahm als noch vor 30 Minuten. Ich blickte mit einem Mal durch eine neue Brille und war voller Gefühle. Während ich vorher noch den Einkaufszettel im Kopf abhackte, überlegte, über welche Wege ich am effizientesten durch die volle Stadt komme und mich fragte, ob ich statt dem grünen nicht doch lieber den weissen Marzipan hätte kaufen sollen für die Torte, deren Zutaten sich in meiner Tasche befanden, war ich nach der Begegnung nicht mehr ihm Kopf, sondern im Herzen. Wie schnell sich das Leben doch ändern kann und wie kostbar die vielen Momente sind, die meist achtlos an uns vorbeigehen.

Ich stellte mir die Frage, ob der Sinn einer Krankheit wohl manchmal auch der ist, dass die Menschen um die Betroffenen herum reifen, wachsen und weicher werden können? Für meinen Schulfreund war klar, der Schicksalsschlag hat ihn zurück zu sich und auf den Boden der Realität gebracht. Immer wieder muss er sich einmitten, langsamer werden und achtsam sein, gegenüber seinen Bedürfnissen. Mir wird durch diese Begegnung, und auch durch viele andere Gespräche mit Menschen, die so unglaublich stark mit ihren Erkrankungen umgehen, bewusst, dass ein Schicksalsschlag das ganze System verändert und inneres Wachstum ermöglicht. Wir, die zuhören, helfen, da sind, unterstützen, mitfühlen und berührt sind. Und jene, die kämpfen, stark sind, dem Leben die Stirn bieten, die Hoffnung immer wieder finden und so kraftvoll den Alltag bewältigen – trotz Schmerzen, trotz Einschränkungen, trotz allem.

Vor all jenen Menschen, die sich mit, durch und nach einer Zeit der Krankheit zurück ins Leben kämpfen, ziehe ich von tiefstem Herzen den Hut. Ich fühle die Kraft, mit der viele Betroffene im Umgang mit ihren Krankheitsbildern Unglaubliches leisten. Neben der Kraft, ist da auch Demut und eine innere Lebendigkeit, die vermutlich nur Menschen versprühen können, die sehr nah am Tod waren und sich dann doch für das Leben entschieden haben. Manches können wir verändern. Vieles können wir steuern und einiges haben wir in unserer Hand. Aber eben nicht alles. Wie viel Kraft, welch Stärke und Mut es braucht, die Dinge anzunehmen, die wir eben nicht verändern können, hat mir die heutige Begegnung berührend aufgezeigt.

Zufälligerweise steckte zu genau zum Zeitpunkt des Zusammentreffens das Buch «Das Gleichgewicht der Welt» von Rohinton Mistry in meiner Tasche. Ich hatte es vor Jahren schon einmal gelesen und wollte es mir eigentlich kaufen, um es ein zweites Mal zu lesen. Das Schicksal wollte, dass das Buch genau an diesem Nachmittag in unserem öffentlichen Bücherschrank im Stadtpark stand. Es geht um das tragische Schicksal von zwei indischen Schneidern. Die beiden Männer fallen vom Regen in die Traufe und immer dann, wenn man denkt, es könne nicht schlimmer kommen, sucht sie der nächste Schicksalsschlag heim. Das Buch ist dramatisch, ich musste es immer wieder aus der Hand legen, weil ich die Konfrontation nicht aushielt, doch gleichzeitig konnte ich von diesen beiden fiktiven Figuren enorm viel lernen. Nie hadern sie mit dem Schicksal. Immer behalten sie den Lebensmut, den Humor und die Würde. Selbst am Tiefpunkt ihres Lebens. Es ist kein Buch, das man in schweren Zeiten lesen sollte. Aber die perfekte Lektüre, um auf Balkonien nach Indien zu reisen.

Sabine Hurni arbeitet als Naturheilpraktikerin und Lebensberaterin in Baden, wo sie auch Ayurveda Kochkurse, Lu Jong- und Meditationskurse anbietet.

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