Vom Froschabzeichen zum Bergsee-Abenteuer
Mit fünf Jahren scheiterte meine Schwimmkarriere bereits am Froschabzeichen. Jahrzehnte später schwimme ich durch die Bergseen der Schweiz. Einer der eindrücklichsten davon liegt auf der Engstlenalp: glasklar, türkisblau und umgeben von einer Landschaft, die direkt aus einem Bilderbuch stammen könnte. Willkommen am Engstlensee.
Text: Maria-Theresia Zwyssig, Bilder: Sven Allenbach

Meine Schwimmkarriere endete früh. Sehr früh. Mit fünf Jahren sass ich trotzig am Beckenrand der Schwimmschule und verweigerte den Dienst. Für das Froschabzeichen hätte ich einen Purzelbaum vorwärts ins Wasser machen, pfeilgerade gleiten und unter Wasser mit der Nase blubbern müssen. Das Problem: Ich wollte nicht. Punkt.
Während andere Kinder tapfer ihre Abzeichen sammelten, blieb ich lieber am Rand sitzen. Im Schwimmbad war ich also nie eine grosse Heldin. Im See hingegen? Da fühlte ich mich schon immer wohl.
HEIMAT LAND – eine ziemlich lange Reise
Vielleicht ist genau deshalb das Schwimmen durch Schweizer Seen Teil meines Projekts HEIMAT LAND geworden. Die Idee dahinter: Die Schweiz entdecken und erleben – zu Fuss zu den SAC-Hütten (153), mit dem Velo über die Strassenpässe (114), und schwimmend durch die Seen (1500). Vier Monate waren geplant – nicht um alles zu schaffen – zum Erleben – aber wenn alles gut läuft, werde ich das Projekt bis zu meiner Pensionierung im Jahr 2051 abschliessen. Es bleibt also genügend Zeit für weitere Abenteuer.

Aufbruch ins Berner Oberland
Eines davon führt uns heute zu einem der schönsten Bergseen des Berner Oberlandes (alle sind zwar schön und einzigartig): dem Engstlensee auf der Engstlenalp. Nicht zu verwechseln mit der Engstligenalp in der Region Adelboden-Lenk. Schon die Anreise hat ihren Reiz. Von Innertkirchen, dem Tor zum Gadmertal, folgen wir der Sustenpassstrasse bis zur Abzweigung Engstlensee-Jochpass. Die kostenpflichtige Privatstrasse führt in zahlreichen Kurven hinauf zur Engstlenalp. Wer hier oben ankommt, versteht sofort, warum sich jede Kurve gelohnt hat. Und warum die Erfindung der Servolenkung einen Preis verdient hätte. Am besten nehmen wir jedoch den Bus ab Innertkirchen.
Ankunft am Wasserjuwel
Vom Parkplatz sind es nur wenige Minuten bis zum See. Dann stehen wir plötzlich vor diesem Naturjuwel auf 1851 Metern Höhe. Eingebettet in der Bergkulisse. Das Wasser ist glasklar, tiefblau und so friedlich, dass wir automatisch etwas leiser sprechen. Der Engstlensee liegt im Gental, einem der abgelegensten Täler der Zentralschweiz. Obwohl er zum Kanton Bern gehört, sind Obwalden und Nidwalden nur einen Steinwurf entfernt. Ein kleines Drei-Kantone-Eck mitten in der Bergwelt.
Der Plan: einmal der Länge nach durch den See. Natürlich genügt mir Anschauen allein für heute einmal nicht. Mein Ziel: den See der Länge nach durchschwimmen. 1,3 Kilometer. Bergsee. 13 Grad Wassertemperatur. Spätestens hier kommt der Neoprenanzug ins Spiel. Mit Schwimmbrille, Boje um den Bauch und einer Portion Respekt gleite ich ins Wasser. Schon nach wenigen Metern eröffnet sich unter mir eine faszinierende Unterwasserwelt. Die Sicht reicht bis zu 25 Meter tief. Die Steine am Grund wirken zum Greifen nah, während das Ufer plötzlich steil abfällt. Es fühlt sich weniger wie Schwimmen an – eher wie Fliegen.

Ist das nicht gefährlich?
Natürlich werde ich gelegentlich gefragt, ob das nicht gefährlich sei. Die ehrliche Antwort lautet: Ja, unvorbereitet schon. Bevor ich mich auf dieses Abenteuer einliess, holte ich mir Rat bei der SLRG (Schweizerische Lebensrettungs-Gesellschaft). Der Mitarbeiter am Telefon gab mir einen Satz mit auf den Weg, den ich bis heute nicht vergessen habe: «Wenn du dich gut vorbereitest und dein Ziel nicht ausprobierst, besteht auch eine Gefahr – nämlich die Gefahr, etwas Wunderschönes zu verpassen.» Recht hatte er.
Kleine Seen, grosse Erkenntnisse
Jeder Schweizer See hat seinen eigenen Charakter. Farbe, Geruch, Temperatur, Licht – alles ist anders. Der Silvaplanersee fühlt sich völlig anders an als der Brienzersee oder der Sihlsee. Und auch wenn der Engstlensee auf der Karte eher zu den kleineren Seen gehört, verdient er denselben Respekt wie seine grossen Brüder. Vielleicht ist das die schönste Erkenntnis dieses Projekts: Die kleinen Dinge sind oft die grossen Überraschungen.
Genuss mit Aussicht
Wer lieber trocken bleibt, kommt am Engstlensee trotzdem voll auf seine Kosten. Fischer*innen schätzen das Gewässer ebenso wie Wandernde. Regenbogenforellen, Seeforellen und Saiblinge ziehen durch das klare Wasser, während rundherum eine Bilderbuchlandschaft wartet. Mieten Sie ein Ruderboot bei der Hotelrezeption des Hotels Engstlenalp und geniessen Sie ein paar Ruderzüge mit Blick zum Titlis hoch. Nach dem Seegenuss lockt die Alphütte Rossboden mit ihrer Sonnenterrasse. Meine Empfehlung? Die Käseschnitte mit Ei. Die funktioniert in den Bergen ungefähr so zuverlässig wie ein Schweizer Taschenmesser. Und wer noch Platz hat, bestellt sich anschliessend eine Cremeschnitte nach Hüttenrezept. Rein aus wissenschaftlichem Interesse natürlich.

Der Weg zurück mit Weitblick
Gut gestärkt führt der Weg weiter Richtung Melchsee-Frutt via Geisstritt. Der Aufstieg ist angenehm und die Aussicht spektakulär. Vorbei am Tannensee Richtung Bonistock. Wer einen Feldstecher dabei hat, sollte ihn griffbereit halten: Mit etwas Glück ziehen Bartgeier ihre Kreise über den Felswänden. Schliesslich erreichen wir die Melchsee-Frutt auf 1923 Metern über Meer. Von dort bringt uns die Gondel bequem nach Stöckalp, wo der Busanschluss Richtung Sarnen wartet. Und falls Sie nach diesem Ausflug auf den Geschmack gekommen sind: Die Region hat auch im Winter einiges zu bieten. Dann lockt auf der Melchsee-Frutt der längste Schlittelweg der Zentralschweiz.
Manchmal beginnt ein Abenteuer mit einem gescheiterten Froschabzeichen. Und manchmal führt es zu einem Bergsee, in dem man das Gefühl hat, durch die Alpen zu fliegen.
Kurz & praktisch
Eintagestour: Engstlensee – Melchseefrutt – Sarnen
Wanderzeit: ca. 3 h
Distanz: 11 Kilomete
Aufstieg: 450 m
Toureninfos
Schwierigkeit: T2
Kondition: mittel
Technik: leicht
Anreise mit dem Engstlenalp-Bus ab Innertkirchen (Voranmeldung am Vortag unter Telefon 033 550 50 50) Mit der PostAuto-Linie 343 von der Stöckalp bis nach Sarnen
Maria-Theresia Zwyssig
Maria-Theresia Zwyssig ist Abenteurerin und Referentin und weltweit zu Fuss und mit dem Fahrrad unterwegs – mehr auf www.mariatheresia.ch
