Unterwegs auf dem Nägelisgrätli am Grimselpass

Granitnadeln, türkisblaue Bergseen, Schwarznasenschafe und der Blick auf den Rhonegletscher: Die Wanderung aufs Nägelisgrätli ist keine Gipfeljagd. Wer am Grimselpass loszieht, entdeckt eine raue Hochgebirgslandschaft voller Geschichten – und kehrt mit müden Beinen und einem freien Kopf zurück.

Text: Maria-Theresia Zwyssig

An diesem heissen Sommertag schwitze ich bereits beim Frühstück auf meinem Balkon. Ich frage mich, ob der Asphalt im Tal heute wohl schmelzen wird. Genau an so einem Tag ist die Lösung erstaunlich einfach: höher hinauf. Viel höher. Auf über 2000 Meter. Der Grimselpass ist dafür der perfekte Ausgangspunkt – einer jener Orte, an denen wir schon beim Aussteigen aus dem Auto automatisch etwas tiefer durchatmen.


Die Qual der Wahl

Die Auswahl an Wanderungen ist hier gross. Bächlitalhütte? Immer eine gute Idee. Die machen feine Rösti mit Spiegelei. Lauteraarhütte? Auch schön, ihr Motto: «Zyt ha, stuune, losä, zäme redä» passt perfekt hierher. Dort kann ich das Zvieriplättli mit Meiringer Mutschli und Guttanner Ziegenwurst empfehlen. Sidelhorn? Die Aussicht ist grandios. Doch heute machen wir Nägel mit Köpfen – oder besser gesagt: das Nägelisgrätli. Schon der Name klingt sympathisch. Ein «Grätli» wirkt irgendwie bescheiden. Fast so, als wolle es sagen: «Keine Sorge, ich bin nur ein kleiner Grat.» Dabei wartet eine der schönsten Höhenwanderungen der Region.

Noch bevor die ersten Sonnenstrahlen richtig Kraft entwickeln, weht über dem Grimselpass eine angenehme frische Brise. Unten im Tal sind über 34 Grad angekündigt, hier oben zeigt das Thermometer entspannte 17 Grad. Perfekt also. Doch bevor auch nur ein Wanderschuh geschnürt wird, gilt eine eiserne Regel: Ohne Startkaffee geht gar nichts. Während einige Hotelgäste mit verschlafenem Blick über den stillen Totensee schauen, beginnt für uns das kleine Abenteuer.


Auf dem Nägelisgrätli fühlt sich Wandern ein bisschen wie pures Glück an.

Zwischen zwei Meeren

Der Weg führt vorbei an der kleinen Kapelle Richtung Nordosten. Stetig bergauf. Die Höhenmeter sammeln sich fast unbemerkt, denn mit jedem Schritt wird die Aussicht spektakulärer. Die Furkapassstrasse ist zu sehen. Erst jetzt wird einem bewusst, an welch besonderem Ort man sich hier befindet. Hier treffen nicht nur Kantone aufeinander – Kanton Bern und Kanton Wallis – hier verläuft eine der grossen Wasserscheiden Europas. Das Schmelzwasser der Aare nimmt seinen langen Weg über den Rhein bis in die Nordsee. Nur wenige Kilometer daneben macht sich die Rhone auf den Weg ins Mittelmeer. Faszinierend, wie nah sich zwei Flüsse kommen können – und doch völlig unterschiedliche Ziele haben.


Die bizarren Granitnadeln haben dem Nägelisgrätli seinen Namen gegeben. Dahinter der markante Galenstock (3586m).


Warum das Nägelisgrätli so heisst

Je weiter wir wandern, desto rauer wirkt die Landschaft. Der Granit erzählt Geschichten aus einer Zeit, die weit älter ist als alles, was wir Menschen gebaut haben. Wind, Eis und Wasser haben bizarre Formen geschaffen. Überall wachsen Flechten in aller Ruhe auf den Felsen – ganz langsam. Sie erinnern daran, dass nicht alles schnell gehen muss. Dann tauchen sie auf: die berühmten Granitnadeln. Schlank, spitz und tatsächlich ein bisschen wie riesige Nägel, die jemand in den Berg geschlagen hat. Ihnen verdankt das Nägelisgrätli seinen Namen. Im Volksmund heissen die Felsformationen «Nägeli». Nicht zu verwechseln mit den Blumen. Oder mit dem Nachnamen. Wobei der Gedanke schon etwas hat: Frau Nägeli pflückt auf dem Nägelisgrätli ein paar Nägeli. Sprachlich ein Gipfelerlebnis.


Im Vordergrund leuchten die Flechten in kräftigem Gelbgrün.


Apfelpause

Nach einer guten Weile erreichen wir den Remersee. Sein Wasser leuchtet in einem tiefen Blau. Tief ist der See allerdings gar nicht. Wer hier schwimmen möchte, müsste wohl eher aufpassen, sich nicht die Knie zu verletzen. Also bleiben wir lieber trocken, setzen uns auf einen warmen Felsen, essen einen Apfel und beobachten die Schwarznasenschafe. Offenbar wissen sie ganz genau, wo das beste Gras wächst – und sie lassen sich durch Wandernde kein bisschen aus der Ruhe bringen.

Überhaupt hat diese Tour etwas Entschleunigendes. Das Handy bleibt meist in der Tasche. Nur für ein paar Fotos – schliesslich braucht auch dieser Artikel ein paar schöne Bilder. Natürlich. Gespräche entstehen fast von selbst. Es gibt ein schönes Sprichwort: «When you walk – you talk.» Und tatsächlich scheint der Kopf mit jedem Schritt etwas freier zu werden.


Herz-ige Aussicht: Unten liegt der Grimselpass und der Totensee.

Dem Eisriesen ganz nah

Schliesslich öffnet sich der Blick auf den Rhonegletscher. Ein beeindruckender Anblick – und gleichzeitig stimmt er uns nachdenklich. Gut sichtbar zeichnet sich die Moräne nach, wo das Eis einst lag. Heute hat sich der Gletscher weit zurückgezogen. Seine gewaltigen Dimensionen beeindrucken noch immer, und doch wird einem bewusst, wie vergänglich selbst scheinbar ewige Landschaften sind. Wir setzen uns auf einen Felsen, schweigen einen Moment und lassen die Aussicht wirken. Es sind genau diese Augenblicke, die einem lange in Erinnerung bleiben.

Der Grätlisee lockt an heissen Wandertagen zur Abkühlung ein.

Der perfekte Schlusspunkt

Der Rückweg führt auf derselben Route zurück zum Grimselpass. Doch es wartet noch eine Belohnung. Der Grätlisee glitzert in der Sonne und lädt zu einem Sprung ins Wasser ein. Überraschenderweise ist es gar nicht so eisig, wie man erwarten würde – sondern einfach nur herrlich erfrischend. Besser kann man müde Wanderbeine kaum verwöhnen.

Zurück auf dem Pass gönnen wir uns einen Salat, und der Nussgipfel wird geteilt. Ein Tag auf dem Nägelisgrätli ist mehr als eine Wanderung. Es ist eine kleine Auszeit über dem Tal. Eine Tour, bei der man frische Bergluft tankt, den Kopf lüftet und am Ende mit etwas leichteren Schultern nach Hause fährt. Es braucht nicht viel – nur gute Wanderschuhe, einen Kaffee zum Start und ein «Grätli», das einem zeigt, wie gross die Welt sein kann.



Kurz & praktisch

Eintagestour: Grimselpass–Nägelisgrätli–Grimselpass

Wanderzeit: zirka 3 Std. 50 Min.
Distanz: 10 Kilometer
Aufstieg gesamt: 1175 m
Maximale Höhe: 2650 m

Toureninfos

Schwierigkeit: T2
Kondition: mittel
Technik: leicht 
Anreise mit dem Auto oder Postauto auf den Grimselpass

 


Maria-Theresia Zwyssig

Maria-Theresia Zwyssig ist Abenteurerin und Referentin und weltweit zu Fuss und mit dem Fahrrad unterwegs – mehr auf www.mariatheresia.ch

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