Unterschätzte Bestäuber

Bienen sind als fleissige Bestäuberinnen in aller Munde. Wer hätte gedacht, dass auch Fliegen, Käfer, Schmetterlinge und sogar Ameisen unseren Blütenpflanzen wertvolle Dienste erweisen?

Konrad Venetz

© Matthias Sorg

Die Auseinandersetzung mit der Klimakrise und Biodiversitätskrise als menschengemachte Krisen kann einen schnell nachdenklich bis traurig stimmen: Naturflächen verschwinden; Luft, Boden und Gewässer sind zunehmenden Verunreinigungen ausgesetzt. Tierarten sterben aus oder sind bedroht. Hinzu kommen Aspekte wie die zunehmende Zersiedelung und Lichtverschmutzung, die die Natur immer weiter zurückdrängen. Unmittelbar einher geht damit auch die schwindende Biodiversität, deren Wichtigkeit in den letzten Jahrzehnten immer mehr ins Rampenlicht der Klimadiskurse gerückt ist. Denn die biologische Vielfalt bietet uns nicht nur schöne Blumenwiesen: Sie ermöglicht und schützt unsere Lebensgrundlagen als Ganze. Intakte Ökosysteme wie Wälder, Wiesen und Flüsse sind auch für unsere Lebensgrundlage in der Schweiz unverzichtbar und versorgen uns mit gesunden Lebensmitteln, Trinkwasser, sauberer Luft oder Holz. Die gute Nachricht: Selbst mit kleinen Massnahmen im Alltag können wir einen wichtigen Beitrag leisten, um die Artenvielfalt zu fördern.

Insekten – unterschätzte Tiere

In der Schweiz gelten mindestens 100 Insektenarten bereits als ausgestorben. Fast die Hälfte der Arten gilt heute als bedroht. Dreiviertel der ursprünglichen Insektenpopulationen ist in den letzten Jahrzehnten verschwunden. Hauptgründe für diesen alarmierenden Rückgang sind nebst der intensiven Agrarwirtschaft und dem damit oft verbundenen Einsatz von Pestiziden auch allgemein schwindende natürliche Lebensräume oder die belastenden Auswirkungen der Klimaerwärmung. Besonders fehlt es den Krabbeltieren an (vorwiegend pflanzlicher) Nahrung, Nistplätzen und Rückzugsorten. Mit dem Insektensterben verschwindet auch für viele andere Tierarten eine wichtige Nahrungsquelle. Dies lässt sich beispielsweise am aktuellen Vogelsterben beobachten, da sich viele Vogelarten primär oder ausschliesslich von Insekten ernähren. Aber auch Fische, Fledermäuse und andere insektenfressende Arten sind direkt vom Insektensterben betroffen. Nebst ihrer enormen Bestäuberleistung, ohne die unsere Lebensmittelproduktion schlicht undenkbar wäre, erweisen sie unseren Ökosystemen auch unverzichtbare Dienste, indem sie biologische ‹Abfälle› wie totes Holz, tierische Kadaver oder Fäkalien zersetzen, in wiederverwertbare Rohstoffe verwandeln und damit den ökologischen Kreislauf schliessen. Auch in der biologischen Landwirtschaft oder der Forstwirtschaft spielen sie eine wichtige Rolle, indem sie als Nützlinge eingesetzt werden, um die Verbreitung unerwünschter Insekten einzudämmen.

© Matthias Sorg

Insekten als Bestäuber

Die Bestäubung von Wild- und vor allem von Kulturpflanzen durch Insekten ist für uns Menschen in ökologischer und auch ökonomischer Hinsicht unerlässlich. Ohne ihre Bestäuberleistung müssten wir auf eine Vielzahl von Lebensmitteln verzichten. Die Zahl der von Bestäubung abhängigen Kulturpflanzen ist gross und umfasst Obst und Beeren (etwa Erdbeeren, Kirschen, Aprikosen), Gemüse (z. B. Tomaten, Gurken, Chili), aber auch Mandeln, Raps, Kaffee und Kakao. Und nicht zuletzt ist Honig das wohl bekannteste Nebenprodukt der Bestäuberleistung der Honigbienen. Zwar ist Bestäubung auch durch Wind möglich wie bei Getreide oder Gräsern. Teilweise wird sie auch von anderen Tiere wie Mäusen und Eichhörnchen übernommen. Rund 80 Prozent der Blütenpflanzen sind jedoch auf die tierische Bestäubung durch Insekten angewiesen. Die verschiedenen Bestäuberinsekten leisten mit ihren unterschiedlichen Eigenschaften damit einen wesentlichen Beitrag für unsere Nahrungssicherheit. Indem sie die Fortpflanzung für einen Grossteil der Wild- und Kulturpflanzen ermöglichen, fördern sie auch deren genetische Vielfalt sowie Anpassungsfähigkeit und nehmen auf diese Weise eine Schlüsselrolle für den Erhalt der Biodiversität ein.

Bienen und Wildbienen

Honigbienen (Apis mellifera) gehören sicherlich zu den populärsten Insekten der Welt: Ihre Vorliebe für Nektar und Pollen ist wohl fast jedem Kind bekannt, ihr süsses Produkt ist sehr begehrt und sie sind das Symbol für Fleiss schlechthin. Als Bestäuberinnen werden sie deshalb auch von uns Menschen geschätzt. Und tatsächlich: Kein Insekt sammelt mehr Pollen auf die einzelnen Blütenbesuche gerechnet als Bienen. Dies, weil schon die Larven der Honigbiene auf viel Nektar und Blütenstaub angewiesen sind. Honigbienen weisen deshalb eine hohe Bestäuberleistung auf und sind für unsere Lebensmittelproduktion wichtig. Doch die Menge der gesammelten Pollen ist nicht das alleinige Kriterium, um die Bestäubungsleistung zu messen. Entscheidend ist vielmehr, wie viele von den bestäubten Blüten auch erfolgreich befruchtet werden und entsprechend Früchte bilden. Bereits Wildbienen, die keinen Honig produzieren und nicht in grossen Bienenstaaten leben, werden in dieser Hinsicht unterschätzt. Aufgrund ihrer Artenvielfalt sowie ihren unterschiedlichen Eigenschaften wie Witterungsabhängigkeiten oder Blütenpräferenzen sind sie für bestimmte Blütenpflanzen die besseren – oder teilweise sogar die alleinigen Bestäuberinnen. Bestimmte Blütenpflanzen wie Rotklee oder Tomaten werden von Honigbienen sogar gemieden, da der Nektar beziehungsweise Pollen von ihnen weniger gut ausgebeutet werden kann.

 

Die unterschätzten Bestäuber

Andere Insekten sind als Bestäuber im Vergleich zu den Wildbienen noch weniger bis gar nicht bekannt, leisten aber ebenfalls einen gewichtigen Beitrag für die Bestäubung vieler Wild- und Kulturpflanzen: «Zwischen 25 und 50 Prozent aller Blütenbesuche werden nachweislich nicht durch Bienen erbracht, sondern durch andere Insekten» (Pflanzenforschung.de). Als Insektengruppe weisen sie zusammengenommen eine ähnlich hohe Bestäuberleistung wie die Bienen auf und brauchen sich als unterschätzte Bestäuberinnen und Bestäuber somit nicht zu verstecken.

© Matthias Sorg

Viele Fliegenarten etwa zeichnen sich durch eine gute Bestäuberleistung auch auf landwirtschaftlichen Flächen und sogar auf Monokulturen aus. Sie sind hinsichtlich den Anforderungen an ihre Lebensräume weniger anspruchsvoll als Bienen. Schwebfliegen, die aufgrund ihrer Ähnlichkeit gerne auch mal mit Bienen oder Wespen verwechselt werden, vermehren sich ausserdem schneller und haben einen grösseren Aktionsradius als ihre Doppelgänger. Die Zweiflügler besuchen mit Vorliebe zum Beispiel Ringelblumen, Margeriten oder Astern. Wespen sind trotz ihrer geringen Behaarung und eiweissreichen Ernährungsweise fleissige Blütenbesucher. Sie schätzen den einfachen Blütenaufbau von Pflanzen wie Efeu. Nachtfalter wie die Eulenfalter sind hingegen stark behaart und als nachtaktive Insekten für die Bestäubung bestimmter Pflanzen wichtig, die sich auf die Schmetterlinge spezialisiert haben und ihre Blüten erst bei Dämmerung oder in der Nacht öffnen. Mit ihrer hellen Farbe sind zum Beispiel Geissblätter für Nachtfalter auch im Mondlicht noch sichtbar. Tag- und Nachtfalter sind durch ihre reiche Artenvielfalt insgesamt sehr verschieden in Grösse und Aufbau, weshalb sie für die Bestäubung verschiedener Blüten geeignet sind.

Käfer wie Pinsel- oder Bienenkäfer sind ebenfalls behaart, sodass an ihrem pelzigen Bauch immer auch Pollen haften bleiben. Auch grössere Käfer wie der Gemeine Rosenkäfer leisten einen Beitrag für die Pflanzenbestäubung. Als eher weniger geschickte Flieger sind Käfer allgemein auf möglichst offene, gut zugängliche Blüten angewiesen, die sie gut ansteuern können. Geeignete Landebahnen können beispielsweise Schafgarbe, Goldrute oder Wildrosenblüten sein. Schliesslich gehören auch Ameisen zu den unterschätzten Bestäubern. Auch sie sind regelmässige Blütenbesucher und befördern unbeabsichtigt Pollen von Blüte zu Blüte, obschon der Blütenstaub bei ihnen nicht zuoberst auf der Speisekarte steht. In unseren heimischen Gärten tun sie sich zwar nicht als Bestäuber hervor, tatsächlich gibt es aber Pflanzen, die sich auf die Bestäubung durch Ameisen spezialisiert haben wie der australische Strauch Conospermum undulatum oder der nordamerikanische Polygonum cascadense aus der Gattung der Knöteriche. In Anbetracht der sich stetig verändernden Umweltbedingungen wird der Beitrag dieser wenig bekannten Bestäuberinnen und Bestäuber für den Erhalt der Biodiversität umso wertvoller. In der Landwirtschaft steigt die Bestäuberleistung durch ein möglichst breites Angebot an Bestäuberinsekten und damit auch die Erntestabilität. Aus diesem Grund sollten Fördermassnahmen wie Blühstreifen oder Biodiversitätsausgleichflächen nicht nur den Ansprüchen von Wildbienen, sondern, wenn möglich, auch jenen der anderen Bestäuber genügen.

Wie können wir Biodiversität selbst fördern?

Ob (Wild-)Bienen oder andere Bestäuber: Entscheidend ist letztlich, dass wir die Lebensbedingungen aller Insekten verbessern oder zumindest dafür sorgen, dass diese sich nicht weiter verschlechtern. Individuelle Massnahmen zur Förderung von Bestäuberinsekten gibt es viele und können schon mit geringem Aufwand geleistet werden.

Positiv Einfluss nehmen können wir bereits mit unserem täglichen Konsumverhalten: Mit der Wahl von biologisch angebauten Lebensmitteln, Textilien, umweltverträglichen Putz- und Reinigungsmitteln, aber auch ein bewusster Möbelkauf, bei dem auf die Herkunft der verwendeten Holzmaterialien geachtet wird, spielen für den sorgsamen Umgang mit natürlichen Ressourcen eine erhebliche Rolle und haben einen unmittelbaren Impact auf die Artenvielfalt der Insekten. «Doch auch eine Bio-Avocado kann aus dem Anbau einer für die natürliche Vielfalt schädlichen Monokultur stammen», erklärt Andrea Haslinger von Pro Natura. Bio-Lebensmittel allein genügen nicht. Auch auf die Regionalität und Saisonalität sollte deshalb beim Kauf geachtet werden.

Förderlich kann auch eine generelle Sensibilisierung für Insekten sein: Obwohl sie die grösste Vielfalt an Tierarten im Tierreich stellen, werden sie von uns oftmals als «lästig » angesehen und lösen mehrheitlich Unbehagen aus. Makroaufnahmen von Insekten, Bücher oder Bestimmungs- Apps können Vorurteile abbauen und das Verständnis für Insekten nachhaltig verbessern. «Insekten sind so vielfältig, dass man sich ohne weiteres für 20 Jahre mit ihnen beschäftigen könnte», verspricht die ausgebildete Naturgärtnerin und Projektleiterin des neuen Naturgartenprojekts BONJOUR NATURE von Pro Natura, dank deren Unterstützung in der Gartenplanung bereits 400 Gärten in der Schweiz als «Schmetterlingsgarten» zertifiziert werden konnten.

Auch das Mindset in der Bevölkerung gegenüber der Gartenkultur kann einen grossen Unterschied machen: Ziel sollte nicht ein möglichst prestigeträchtiger Garten mit exotischen Pflanzen sein, sondern einer, der verschiedenen einheimischen Wildpflanzen Lebensraum bietet. «Denn unsere einheimischen Insekten brauchen ebenso Nahrung wie wir und können ihren Speiseplan nicht einfach auf Neophyten umstellen. Bei der Wahl von Saatgutmischungen sollte deshalb darauf geachtet werden, was für Pflanzenarten enthalten sind und woher diese stammen », ergänzt Andrea Haslinger. Regionalität ist auch hier ein wichtiges Kriterium und es gilt: je lokaler desto besser. Da rund die Hälfte der bestäubenden Insekten nachtaktiv sind, sollte eine Gartenbeleuchtung möglichst sparsam eingesetzt werden. Künstliche Lichtquellen ziehen Insekten magisch an, bis sie vor Erschöpfung sterben oder leichte Beute für Vögel oder Fledermäuse werden. Weitere hilfreiche Tipps und spannende Anregungen für die insektenfreundliche Gartengestaltung oder zu einheimischen Saatgutmischungen sowie weiterführendes Material wie Artenlisten einheimischer Wildpflanzen finden sich auf den Webseiten von Pro Natura, BirdLife Schweiz oder RegioFlora.

pronatura.ch

birdlife.ch

regioflora.ch

Zurück zum Blog