Spuren im Schnee
Wenn die Wintersonne die verschneiten Hänge glitzern lässt, zieht es viele hinaus: Skitouren, Schneeschuhwanderungen, Freeriden. Doch während wir den Winterzauber geniessen, beginnt für Wildtiere die härteste Zeit des Jahres. Wer sich draussen bewegt, trägt Verantwortung – für eine Bergwelt, die nicht nur uns gehört.
Samuel Krähenbühl
Der Winter im Gebirge ist eine Extremsituation: Kälte, Sturm, knappe Nahrung. Während wir uns mit moderner Ausrüstung schützen, kämpfen Gämsen, Schneehühner oder Hirsche ums Überleben. Ihr Energiehaushalt ist auf Sparflamme, jede Flucht kostet Kraft – manchmal zu viel. Einige Tiere entkommen der Kälte durch Winterschlaf oder Zug in den Süden, andere – wie Schneehase, Birkhuhn oder Steinbock – trotzen den Bedingungen mit erstaunlichen Anpassungen: dickes Winterfell, weisse Tarnfarbe, gefiederte Füsse oder ein reduzierter Puls in Ruhephasen. Doch auch diese Strategien haben Grenzen, wenn sie immer wieder aufgeschreckt werden.
Störung bedeutet Stress
Viele Berggänger kennen Gämsen, die scheinbar unbeeindruckt in der Ferne stehen. Doch oft ist das Gegenteil der Fall: Tiere reagieren mit Stress – der Puls steigt oder sinkt, Hormone werden ausgeschüttet, Energiereserven angezapft. Flucht kann im Hochwinter lebensbedrohlich werden. Birkhühner, die in isolierenden Schneehöhlen Schutz suchen, verlieren durch ein plötzliches Auffliegen enorm viel Wärme. Wiederholte Störungen treiben Tiere aus ihren angestammten Lebensräumen und führen zu Konkurrenz um Nahrung oder zu Schäden im Schutzwald.
Wildruhezonen schützen – und Rücksicht nehmen
Um solche Belastungen zu verringern, haben Bund, Kantone und Gemeinden Wildruhezonen und Jagdbanngebiete ausgeschieden. In diesen gilt teilweise ein Betretungsverbot oder es sind nur markierte Wege erlaubt. Karten und Tourenführer – etwa von swisstopo oder auf respektiere-deine-grenzen.ch – zeigen die jeweils aktuellen Grenzen und erlaubten Routen. Doch Rücksicht beginnt nicht erst mit einem Verbot. Wer sich informiert, seine Tour umsichtig plant und Wildruhezonen meidet, handelt freiwillig im Sinn des Naturschutzes – und trägt dazu bei, dass keine neuen Einschränkungen nötig werden.
Das Trichterprinzip: Raum für beide
Das sogenannte Trichterprinzip veranschaulicht, wie sich der Bewegungsraum im Gelände anpassen lässt: Je höher und exponierter man steigt, desto mehr sollte man sich auf bestehende Routen konzentrieren – wie durch einen Trichter, der sich nach oben verengt. So bleibt den Wildtieren genügend Rückzugsraum in den tiefer gelegenen, schneefreieren Bereichen.
Tierportraits
Auf Wintertouren begegnet man nur wenigen Alpentieren, oft aber ihren Spuren. Nebst Trittsiegeln (einzelne Fussabdrücke), Fährten oder Flügelabdrücken sind dies auch Losung (Kot), Frass- und Scheuerspuren, Haare, Federn, Bauten und Rufe. Spuren verraten viel über das Leben der Tiere, ohne dass diese sichtbar sind. Auf den folgenden Seiten werden die bezüglich Wildtierschutz im Winter wichtigsten Tiere vorgestellt; ihre ungefähren Lebensräume sind in der Grafik auf Seite 74–75 schematisch ersichtlich.
Gemeinsam Verantwortung tragen
Der Schweizer Alpen-Club (SAC) engagiert sich seit Jahren für einen naturverträglichen Bergsport. Alle Touren in den offiziellen SAC-Führern sind auf ihre Naturverträglichkeit geprüft. Doch auch diese Angaben können sich ändern – Wildruhezonen werden laufend angepasst. Es lohnt sich, vor jeder Tour kurz nachzusehen, ob die geplante Route noch aktuell ist. Wer achtsam unterwegs ist, erlebt mehr: frische Spuren im Schnee, vielleicht den Ruf eines Birkhahns oder den Schatten einer Gämse im Abendlicht. Respekt vor der Natur macht Touren nicht ärmer – sondern reicher.

Lebenswelt Alpen
Annina Rosenkranz; Jürg Meyer; Markus Lüthi; Franziska Zoller
312 Seiten, 135 mm x 210 m
Taschenbuch
Mit 330 Abbildungen
ISBN 978-3-85902-425-0
www.weberverlag.ch


