«Prächtig scheen im Schächetal»
Im Schächental, einem Seitental der Reuss im Kanton Uri, beginnt unsere zweitägige Wanderung. Vom Talboden hinauf bis zum Klausenpass – vorbei an Alpwiesen, Alpbeizli und würzigem Alpkäse. Nach dem Morgenschwumm im Gletscherseeli geht es weiter auf den Urnerboden. Die grösste Alp der Schweiz: weit, wild und ziemlich eindrücklich.
Maria-Theresia Zwyssig

Manchmal beginnt eine gute Geschichte mit einem Satz, der hängen bleibt: «Es isch nimme wiit.» Gesagt hat das Sepp, der Postautochauffeur, als ich mich im Dauerregen mit dem Velo den Klausenpass hochkämpfte. Er hielt kurz an, lächelte und es stimmte: Es war nicht mehr weit. Aus dieser Begegnung wurde mehr als ein kurzer Schwatz. Und genau dort beginnt unsere Wanderung: im Urner Schächental, unterhalb des Klausenpasses.
Duft von Heu
Wir starten in Unterschächen auf rund 1000 m. Der Wegweiser verspricht: «Alp Äsch, Ort der Kraft, 3 km.» Kraft? Die werden wir später noch brauchen. Oder vielleicht steckt sie bereits im ersten Plättli mit Käse, Wurst und saurem Most. Der Weg führt sanft durchs Tal, vorbei an sonnengebräunten Holzhäusern und saftigen Matten. Es riecht nach frisch gemähtem Gras, Kräutern und Stall – würzig und ein bisschen wild. Neben uns rauscht die Schächen: kühl und klar. Am Wegrand kann man moosbedeckte, kleine Öffnungen entdecken, die «Nitlä» – im Urnerdialekt, abgleitet vom Rahm. Früher dienten sie als natürliche Kühlschränke für Milch, Fleisch und Kartoffeln. Heute würde man wohl «Bio-Kühlkonzept» dazu sagen. Wir gehen in die «Nitlä» rein, der Temperaturunterschied ist immens. Eine willkommene Abkühlung an diesem heissen Sommertag.
Wir schweifen mit dem Blick auf die gegenüberliegende Talseite – in den steilen Hängen wird das Gras gemäht, wer genau hinschaut, sieht die Klausenpassstrasse, wie sie sich nach oben schlängelt. Nach rund einer Stunde erreichen wir die Alp Äsch auf 1239 m. Ein paar Häuser, eine kleine Kirche, der tosende Stäubifall – und natürlich das «Gaschthefli.» Sepp und seine Frau Anita führen es an wenigen Sommerwochenenden: herzlich, unkompliziert und echt.

Der Stäubifall bei der Alp Äsch.
Mit dem «Schiffli» in die Höhe
Nach der Stärkung geht’s weiter – in die Höhe. Wir treffen auf Wisi Gisler. Langer Bart, ruhige Stimme, hier zuhause. Im Winter lebt der pensionierte Schreiner allein hier oben. «Ich ha gääre wes still isch», sagt er und zuckt mit den Schultern. Sein Reich: die kleine Seilbahn. Oder, wie man im Urnerland sagt: ein «Schiffli». Drei Personen passen in die Holzkiste. Mehr Vertrauen als Platz braucht es auch. Die Konstruktion wirkt … sagen wir: charmant rustikal. Wisi lächelt: «Hät bis jetzt immer gha. Güeti Fahrt.» Das reicht. Im Kanton Uri gibt es über 30 solche Schiffli und so ist es das dichteste Seilbahnnetz der Schweiz.

Langsam hebt das Schiffli ab. Unter uns das Tal, über uns der Himmel. Keine Masten – einfach Seil, Luft und Aussicht. Und die wird mit jedem Meter spektakulärer. Das ganze Schächental liegt uns zu Füssen. Wild und wunderschön. Auf der Innenseite der Türe steht der Spruch:
«Hoffnig – Hit und morä
derzwische ä Stäg ubers Tobel
Gnad God wenn er zämghyd» – Autor: Karl Imfeld
Oben angekommen: Die Zeit steht still
Auf der Oberalp auf 1843 m, erwarten uns ein paar neugierige Kinder. Für sie ist das hier kein Ausflugsziel. Es ist ihr Sommer. Ihr Alltag. Vier Älplerfamilien verbringen den Sommer auf dieser Hochebene. Eine davon ist die Familie Kempf. Esther empfängt uns freundlich und bietet Platz im Beizli. Die Luft ist klarer hier oben, fast ein bisschen schärfer und bietet freie Sicht auf die Urner Gipfel. Wir bestellen Kaffee. Ohne Schnaps! Ohne «mit Schuss». Der Altdorfer Spitalpfarrer Josef Müller sammelte ab 1910 alte Urner Sagen, in einer heisst es: «Schwarz wie dr Tiifel, heiss wie d’Hell – und siess wie d’Liebi», so müsse der Kaffee sein. Esther führt uns in ihre Landfrauenstube. 2012 gewann sie bei «SRF bi de Lüt – Landfrauenküche» mit ihren Älplermagronen. Unbedingt ein Stück Alpkäse kaufen, der ist würzig, kräftig und mit genau so viel Charakter wie dieser Ort. Und wer noch einen Moment Zeit hat: Das kleine Alphüttenmuseum erzählt vom Leben hier oben um 1800. Man könnte einfach hierbleiben. Einfach sitzen, schauen, nichts tun. Aber der Weg zieht uns weiter. Ein Blick zurück, ein Winken zu Esther: «Uf Wiederlüägä.»
Zwischen Himmel und Fels
Wir wandern weiter auf dem Schächentaler Höhenweg Richtung Klausenpass. Die Landschaft wird rauer: schroffe Felsen, schmaler, steiniger Weg. Gegenüber ragen die Schächentaler Windgällen und der Glatten auf – kantig, fast ein bisschen dramatisch stehen sie da. Je nach Licht wirken sie grau und abweisend, dann plötzlich wieder warm und fast weich. Der Weg verläuft angenehm, immer wieder öffnen sich kleine Plateaus. Auf der Chammlialp wartet das nächste Alpbeizli – hier liegt die höchste Urner Kuhalp der Familie Stadler. Wer hier nicht kurz anhält verpasst etwas. Gestärkt geht es weiter bis zum Klausenpass auf 1948 m, einem geschichtsträchtigen Übergang zwischen Uri und Glarus. Motorradfahrer*innen nehmen die Helme ab, Velofahrer*innen machen ein Selfie beim Passstein, Wandernde verweilen. Der Name «Klausen» geht auf den heiligen Nikolaus, den Schutzpatron der Berg- und Alpbewohnenden zurück. Etwas abseits steht die Bruder Klaus Kapelle. Die Passstrasse ist erst seit 1900 durchgehend befahrbar. Was heute nach einer gemütlichen Panoramafahrt aussieht, war damals ein echtes Pionierprojekt. Besonders bekannt wurde der Pass durch die Klausenrennen der 1920er- und 1930er-Jahre: Rennfahrer aus aller Welt jagten ihre Maschinen über die Strecke. Mit etwas Fantasie hört man vielleicht noch heute ferne Motoren neben den Kuhglocken.
Abendlicht am Klausen
Ein kurzer, sanfter Abstieg führt zum Hotel, eingebettet in dieser Bergwelt, fast ein wenig verloren – und genau deshalb so besonders. Der Blick öffnet sich direkt auf den Urirotstock. Ankommen, Rucksack abstellen, die angenehme Müdigkeit in den Beinen spüren. Der Kopf voller Bilder. Das Nachtessen auf der Terrasse, die Berge beginnen rötlich zu leuchten und mit etwas Glück hört man den Alpsegen, den Betruf. Ein uraltes Schutzgebet das von der Stimme eines Älplers in die Weite hallt. Vielleicht versteht man nicht ganz alles, aber man spürt es. Ein perfekter Wandertag.
Tag zwei: Von der Stille ins Staunen
Gestärkt laufen wir in der Morgenfrische los – unser Ziel heute: der Urner Boden. Die ersten Schritte sind noch etwas steif, der sanfte Anstieg zur Passhöhe bringt uns in Gang. Nach dem Kiosk biegen wir rechts ab Richtung Fisetenpass – 3 h 10 min laut Wegweiser, klingt machbar. Der Weg steigt in Kehren den Hang hinauf bis zur Anhöhe. Dann plötzlich: Geröll. Viel Geröll. Und mittendrin das Griessseeli. Ein türkisblauer Farbfleck in der kargen Landschaft. Ein Gletschersee, erst in den letzten Jahrzehnten entstanden, stiller Zeuge des Wandels. Der Kontrast könnte nicht grösser sein, eben noch wanderten wir durch saftige Wiesen, und einen Schritt später fühlt es sich an wie auf einem anderen Planeten. Grau, karg, fast mondartig. Wir setzen uns hin, sagen nichts und staunen. Irgendwann beginnen wir Steinmännchen zu bauen, ein stilles Spiel in einer stillen Landschaft. Es zieht uns zum Wasser, unten überqueren wir auf einer Brücke den Fätschbach. Und ja – es gibt immer jemanden, der sagt: «Chunsch ou?» Das Wasser ist eiskalt. Ein paar Züge und es wird nicht wärmer. Die Begleitung bleibt am Ufer, lacht, fotografiert und hält zumindest die Füsse rein.

Weiterziehen
Nach der Pause geht es weiter Richtung Griessbödemli und zum Gemsairenhüttli – eine weitere Gelegenheit, um ein Stück Alpkäse zu kaufen. Die Aussicht begleitet uns – gegenüber die Jägerstöcke als markante Dolomiten des Urnerbodens. Wir folgen der Hochebene, vorbei an verstreuten Findlingen. Der Clariden-Höhenweg ist ein Gratweg.

Der grosse Schluss
Am Fisetengrat angekommen, wartet ein vorletztes Highlight: die Seilbahn hinunter auf den Urnerboden – ein sanftes Zurückgleiten. Der Urnerboden ist mehr als eine Alp. Er ist eine Bühne. Die grösste Alp der Schweiz – weit, offen, beeindruckend. Im Winter leben hier rund 30 Menschen, im Sommer etwa 500. Einmal im Jahr wird es besonders eindrücklich: bei der «Bodäfahrt.» Dann ziehen rund 1000 Kühe von den höher gelegenen Alpen zurück auf den Urnerboden. Ein Schauspiel, das man nicht erklären muss – man muss es erlebt haben. Jährlich entstehen hier rund 200 Tonnen Käse. Nehmen Sie welchen mit – es wäre fast unhöflich, es nicht zu tun. Hier endet unsere zweitägige Wanderung. Das Postauto bringt uns zurück nach Unterschächen. Vielleicht sitzt Sepp am Steuer. Vielleicht erzählt er Ihnen eine Geschichte. Und vielleicht sagt er: «Prächtig scheen im Schächetal.» Und wir wissen ganz genau, was er meint.

Kurz & praktisch
Tag 1: Unterschächen – Hotel Klausenpass
Route: Unterschächen – Äsch – Oberalp – Klausenpass – Hotel Klausenpass
Wanderzeit: ca. 3h
Distanz: 10 Kilometer
Aufstieg: 530m
Übernachtung: Hotel Klausenpass
Tag 2: Hotel Klausenpass – Urnerboden
Route: Hotel Klausenpass – Klausenpass – Gletscherseeli – Fisetenpass (auf dem Clariden-Höhenweg)
Wanderzeit: ca. 3h 30min
Distanz: 11 Kilometer
Aufstieg: 615m

Maria-Theresia Zwyssig
Maria-Theresia Zwyssig ist Abenteurerin und Referentin und weltweit zu Fuss und mit dem Fahrrad unterwegs – mehr auf www.mariatheresia.ch
