Pfiffige Frühjahrsboten
«Pfiieet!», hört man in den Bergen von weit her die Murmeltiere. Zu Gesicht bekommt man die scheuen Alpenbewohner dank ihrer guten Tarnung jedoch nicht immer. Dank ihrem ausgeklügelten Höhlensystem gelingt ihnen die schnelle Flucht. Wir stellen die pfiffigen Baukünstler vor.
Blanca Bürgisser

Das in der Schweiz heimische Alpenmurmeltier (Marmota marmota) lebt, wie es der Name bereits verrät, oberhalb der Baumgrenze in den Alpen. Doch das war nicht immer so. Während der Eiszeit waren die Murmeltiere in der Steppe beheimatet. Erst mit den steigenden Temperaturen zog es die Nagetiere in die Höhe.
Eingekuschelt unter der Erde
Im September, wenn die Tage kälter und kürzer werden, beginnen die Murmeltiere, die Haupthöhle in ihrem Bau, den Kessel, mit Heu auszukleiden. Im Oktober zieht sich dann die ganze Familie für den Winterschlaf in den Bau zurück. Sie versperren alle Zugänge zu ihrer Höhle mit Erde, Steinen, Gras und Kot, sodass sie gut vor der Kälte geschützt sind. Die ganze Familie kuschelt sich eng zusammen und beginnt den Winterschlaf. Dabei nehmen sie die Kleinsten in die Mitte, um diese zu wärmen. Kaum hat der lange Schlaf begonnen, fährt das gesamte Körpersystem der Murmeltiere herunter. Ihre Körpertemperatur sinkt von etwa 39 Grad auf 3 bis 6 Grad, ihr Herz schlägt nur noch wenige Male pro Minute und die Atmung verlangsamt sich massiv. Dadurch brauchen die Murmeltiere kaum Energie und überleben den Winter, ohne zu fressen oder zu trinken. Nur alle zwei bis vier Wochen erwachen sie. Forschende gehen davon aus, dass diese kurze Wachphase dazu dient, Blase und Darm zu entleeren. Dafür haben die Murmeltiere eine spezielle Höhle in ihrem Bau, die nur als Toilette dient.
Starke Familienbande
Der Winterschlaf dauert rund sieben Monate. Je nach Temperaturen verlassen die Murmeltiere im April oder Mai ihren Bau wieder. Kaum zurück an der Oberfläche beginnt auch schon die Paarungszeit. Bei der Brunst geht es teils wild zu und her. Es kommt zu Verfolgungsjagden, die oftmals von lauten Schreien untermalt sind. Teils beissen sich die Tiere sogar.

Die Murmeltiere haben eine strenge Nachwuchsregulierung. In einer Familie darf sich jeweils nur das ranghöchste Weibchen paaren. Wird ein anderes Weibchen schwanger, wird dieses so lange verfolgt und gestresst, bis es die Föten verliert. Klappt das nicht, werden die Babys nach der Geburt getötet. Da das ranghöchste Weibchen aber auch genügend Fettreserven braucht, um schwanger zu werden, gibt es nicht jedes Jahr Nachwuchs. Nach rund fünf Wochen Tragzeit kommen ein bis sechs Junge auf die Welt. Bei der Geburt sind die Babys blind und haben noch kein Fell. Sie verbringen die erste Zeit ihres Lebens im Bau, wo sie von der Mutter gesäugt werden. Nach sechs Wochen wagen sie sich an die Oberfläche und schliessen sich dem Familienleben an.
Die Jungen sind erst nach zwei bis drei Jahren ausgewachsen. So lange bleiben sie bei der Familie und helfen dabei, auf die Kleinen aufzupassen. Eine Murmeltierfamilie kann bis zu 20 Tiere umfassen. Die Familienmitglieder erkennen sich gegenseitig am Geruch ihrer Wangendrüsen. Deshalb reiben sie zur Begrüssung die Nasen aneinander, um den Duft besser wahrzunehmen. Die Männchen markieren mit dem über die Wangen abgesonderten Sekret auch ihr Revier. Dieses verteidigen die Murmeltiere nicht nur gegenüber ihren Feinden, sondern auch gegen fremde Artgenossen. Damit die Jungen lernen sich zu verteidigen, kommt es immer wieder zu Kämpfen unter den Familienmitgliedern.
«Ein Tier hält immer Wache, damit die anderen ungestört fressen können.»
Nicht verzagen, weitergraben
Murmeltiere sind wahre Meister der Baukunst. Ihre Körper sind perfekt auf das Graben ausgerichtet. Die Vorderpfoten mit je vier langen Krallen dienen zum Buddeln. Mit den Hinterpfoten, die mit je fünf Krallen ausgestattet sind, schleudern sie die Erde aus dem Weg. Auch die Zähne nutzen sie zum Graben: Ihre Nagezähne sind sehr robust und wachsen das ganze Leben nach. Dadurch ist es nicht schlimm, wenn ein Stück vom Zahn abbricht. Die Abnutzung verhindert gar, dass die Zähne zu lang werden. Sogar die Ohren der Nagetiere sind auf das Graben ausgerichtet. Sie liegen eng am Kopf und sind dicht behaart, dadurch gerät beim unterirdischen Buddeln keine Erde in die Gehörgänge.

Die fleissigen Baukünstler graben ein ganzes Netz an Gängen mit verschiedenen Höhlen. Kein Wunder, schliesslich verbringen die Nagetiere mehr als die Hälfte ihres Lebens unter der Erde. Und das, obwohl sie im Dunkeln nicht sehen können. Durch die feinen Tasthaare im Gesicht und an den Vorderbeinen können sie ihre Umgebung aber perfekt wahrnehmen. Murmeltiere bauen je einen Bau für den Sommer und einen für den Winter. Der Sommerbau liegt nur etwa 1,5 Meter unter der Erde. Er dient neben dem Schlafen auch zum Abkühlen an heissen Tagen und als Nistkammer für den Nachwuchs. Der Winterbau hingegen liegt bis zu sieben Meter tief, da die Erde so weit unten nicht gefriert. Beide Bauten haben neben einem Haupteingang verschiedene Seiteneingänge, über die die Murmeltiere schnell vor Fressfeinden in Sicherheit fliehen können.
Immer auf der Hut
Die Sonne strahlt über die Berggipfel, eine leichte Brise weht durch die Landschaft und mitten auf der Alpenwiese grast eine Murmeltierfamilie. «Pfiieet!» Schlagartig verschwinden alle im Bau. Erst als sie sicher sind, dass der kreisende Adler verschwunden ist, wagen sie sich langsam wieder aus der Höhle. Dann wird weitergefressen. Schliesslich müssen sich die Murmeltiere in den warmen Monaten ihren Winterspeck anfressen. Dafür essen sie täglich bis zu 1,5 Kilogramm Pflanzen. Am meisten mögen sie solche mit einem hohen Gehalt an ungesättigten Fettsäuren, wie zum Beispiel den Alpenklee.

Damit die Murmeltiere ungestört fressen können, hält immer mindestens ein Tier der Familie Wache. Erblickt dieses eine Gefahr stösst es einen lauten, schrillen Schrei aus. Dieser kommt aus dem Kehlkopf und tönt für die menschlichen Ohren wie ein Pfiff. Die Hauptfeinde der Murmeltiere sind der Fuchs und der Adler. Doch auch Wander*innen, die den scheuen Alpenbewohnern zu nahekommen, können diese in die Flucht schlagen. Dies ist nicht nur ein Stressfaktor, sondern hindert die Tiere auch am Fressen, was wiederum die Überlebenschancen der Murmeltiere verschlechtert. Haben sie nicht eine genügend dicke Fettschicht, kann es sein, dass sie im Winter erfrieren.
Ein weiterer Faktor, der sich negativ auf die Futtermenge der wachsamen Nagetiere auswirkt, ist der Klimawandel. Durch die Erderwärmung verändert sich die Alpenflora und -fauna, wertvolle Pflanzen verschwinden nach und nach aus dem Lebensraum der Murmeltiere. Zusätzlich machen die steigenden Temperaturen ihnen zu schaffen. Denn Murmeltiere sind nicht in der Lage sich durch Schwitzen abzukühlen, stattdessen ziehen sie sich zurück, entweder in den Schatten oder in ihren Bau – Orte, an denen sie nicht Fressen können.

Glückliche Beobachtung
Wenn Sie das Glück haben, ein Murmeltier zu erspähen, sollten Sie dieses am besten aus der Ferne beobachten, um es nicht zu erschrecken und beim Fressen zu stören. Ebenfalls sollten Sie leise sprechen und laute Geräusche vermeiden. Beim Fotografieren gilt: kein Blitz.
Doch wo ist die Chance die scheuen Alpenbewohner zu treffen am grössten? Murmeltiere sind in den Schweizer (Vor)Alpen weit verbreitet. Am häufigsten sind sie im Wallis und in Graubünden im Schweizerischen Nationalpark. In manchen Regionen wie in Saas-Fee haben sich die Murmeltiere mittlerweile an die Wandernden gewöhnt und sind sehr zutraulich.
Murmeltiere auf der ganzen Welt
Während in der Schweiz nur das Alpenmurmeltier heimisch ist, existieren weltweit 15 Murmeltierarten. Davon ist nur das Steppenmurmeltier (Marmota bobak) ebenfalls in Europa anzutreffen, die restlichen Arten leben in Nordamerika und Asien.
Das Schwarzhutmurmeltier (Marmota camtschatica) lebt in noch kälteren Gefilden als das Alpenmurmeltier hoch in den Bergen im Norden Sibiriens. Im Winter wird es dort bis zu -30 Grad und im Sommer taut nur die oberste Schicht des Bodens auf. Deshalb können sie keine tiefen Bauten graben, sondern müssen diese speziell isolieren. Doch nicht alle Arten leben in kühlen Höhenlagen. Das Gelbbauchmurmeltier (Marmota flaviventris) lebt beispielsweise in warmen, trockenen Gegenden von Kanada bis Kalifornien.

Die wohl seltenste Murmeltierart und zugleich eines der seltensten Tiere Nordamerikas, ist das Vancouver Murmeltier (Marmota vancouverensis), das nur auf Vancouver Island lebt. Man erkennt es an seinem dunkelbraunen Fell und der weissen Schnauze.

