Nebel, Rucksack und ein 2-Fränkler

Ein 2-Fränkler entscheidet an diesem Wochenende über Bleiben oder Gehen, über Plan oder Schicksal. Was im Nebel von Kandersteg beginnt, wird hoch über dem Tal bei der Blüemlisalphütte zu einer Geschichte über die Flexibilität – und die stille Magie der Berge.

Maria-Theresia Zwyssig

Wann haben Sie zuletzt eine Münze geworfen? Ich meine, bei etwas Wichtigem – nicht für die Wahl zwischen heisser Schokolade oder Coupe Dänemark (die richtige Antwort lautet bekanntlich «beides») –, für etwas, das zählt. Probieren wir es: Kopf heisst weiterlesen, Zahl heisst weiterblättern. Und hopp … Kopf! Schön, das freut mich, bleiben Sie noch ein wenig und kommen mit auf diese Tour im Berner Oberland.

Aufbruch durch den Nebel

Es ist ein wolkenverhangener Samstagmorgen in Kandersteg. Ehrlich gesagt: Das Duvet hätte gewonnen, wäre da nicht der gepackte Rucksack gewesen. Unser Plan klang nach Bilderbuch: Mit der Gondelbahn Kandersteg–Oeschinensee hoch bis Oeschinen, zu Fuss weiter zur Blüemlisalphütte, eine Rösti geniessen, später via Fründschnuer zur Fründenhütte für das Zvieri. Nur: Der Himmel hatte anderes im Sinn. Ein dichter Wolkenteppich lag über den Bergen, der innere Schweinehund bellte lautstark. Der Vater einer guten Freundin – er war Jäger – sagte immer: «Ich war mir nie reuig, bin ich am Morgen losgezogen – bereut habe ich nur die Tage, an denen ich nicht gegangen bin.» Also los.

Das Gondeli hebt ab, trägt uns durch den Nebel in die Höhe. Früher fuhr hier eine nostalgische Sesselbahn, alle 18 Sekunden wurde ein Doppelsessel auf die Strecke geschickt. Da ist man noch seitwärts gefahren. Schöne Erinnerungen. Oben ist das Restaurant noch am Aufwachen – Stühle stehen auf dem Tisch, der Boden wird gefegt. Doch wer freundlich fragt, bekommt bereits einen ersten Kaffee und warmen Apfelstrudel mit Nidle. Ein verheissungsvoller Start.

Die stille Magie am Wegesrand

Wir laufen los. Der See versteckt sich irgendwo hinter der Watte. Statt Fernsicht entdecken wir die kleinen Wunder am Wegesrand: Spinnennetze, die im Morgentau wie Perlenketten glitzern. Winzige Blumen, die tapfer aus dem Fels wachsen. Der Nebel hüllt uns ein wie ein kostenloses Dampfbad – wir sind nass von aussen und innen, aber glücklich. Wir erreichen das Hohtürli – die Wolken spielen Fangen mit der Sonne, der Himmel reisst auf und wir diskutieren, was wir zum Mittagessen bestellen. Käseschnitte, Kuchen, Rösti mit Spiegelei. Fazit: «Ja.»

In der Blüemlisalphütte setzen wir uns an den windgeschützten Tisch, Marlies Martig empfängt uns mit dieser besonderen Herzlichkeit, als wären wir alte Freunde – genau die Art Mensch, die in den Bergen die Wärme bringt, wenn die Sonne sich versteck. Ihr Mann, Jürg Martig, führt die Hütte seit 2023. Die SAC-Hütte liegt auf 2849 Metern über Meer auf dem Passübergang zwischen Kandersteg und dem Kiental. Wir bestellen zügig. Rösti mit Spiegelei. Kuchen. Wir schauen hinüber zum Gletscher, jeder Riss, jede Kante eine stille Erinnerung daran, wie kostbar und vergänglich diese Landschaft ist.

Es gibt Momente in den Bergen – vielleicht kennen Sie das – in denen nur das Jetzt zählt. Kein Gestern. Kein Morgen. Nur Wind, Weite und Stille. Wir vergessen die Zeit, lassen uns von der Sonne wärmen, beobachten die Menschen, die in der Hütte ankommen und Freude haben – es ist eine gute Stimmung hier oben.

Entscheidung auf 2849 Metern

Wir würden gerne bleiben und fragen Marlies: «Habt ihr noch zwei Schlafplätze?» «Leider ausgebucht», heisst es zuerst. Schade, aber unser Plan ist ja sowieso die Fründenhütte. Ein Blick auf die Uhr: 15.10 Uhr. Wird sportlich. Aber der Zufall, oder das Schicksal, liebt uns – oder Marlies. Sie kommt an unseren Tisch und strahlt: «Wir haben soeben zwei Absagen bekommen – wollt ihr bleiben?» Wir schauen uns an und überlegen kurz – sie zückt derweilen einen 2-Fränkler. «Kopf, ihr bleibt. Zahl, ihr geht.» Und zack, sie legt den 2-Fränkler auf ihren Handrücken – Kopf. «Also, Marlies – das war nicht ein Werfen, vielmehr ein Legen!» Sie schmunzelt: «Jedem seine Technik.» Und so bleiben wir. Am Abend taucht die Sonne den Gletscher in goldenes Licht. Die Wolken färben sich orange und rot, der Wind klingt wie eine sanfte Örgeli-Melodie. Zum Nachtessen gibt es Gerstensuppe.

Um 22 Uhr kehrt Ruhe ein und wir haben einen Fensterplatz im Massenlager. Keiner schnarcht, nur der Geruch der streng riechenden Füsse steigt in die Nase, das gehört schon fast zum Hüttencharme. Am Morgen stehen die ersten um halb drei auf – wir haben es nicht pressant. Die Gipfel, die Bergkanten zeigen sich in kristallklarer Schärfe, die frische Bergluft füllt die Lungen. Es scheint, als wäre die Welt einfach in Ordnung. Beim Frühstück schweift der Blick vom Schilthorn über den Niesen bis hinunter zum Thunersee. Ein königlicher Start in den Tag. Wir nehmen den Weg zur Fründenhütte unter die Füsse. Durch die ausgesetzte Fründschnuer, mit Prachtsblick auf den tiefblauen Oeschinensee. Der steile Aufstieg wird mit einer legendären Rösti belohnt (Ein Hauch Dijon-Senf soll das Geheimnis sein).

Unten am See tummeln sich viele Menschen. Es erinnert mich an meine Ferien, wenn ich selbst als fröhlich knipsende Touristin unterwegs bin. Zufrieden gehen diese zwei Tage zu Ende. Und was bleibt? Manchmal braucht es nicht viel. Ein bisschen Flexibilität. Offene Augen für das Kleine am Wegesrand. Und einen 2-Fränkler, der den Mut hat, auf Kopf zu landen.

Gut zu wissen

Der Route ist Teil des Bärentreks – einem der schönsten Höhenwege der Alpen. Blüemlisalphütte (2840 m)

Die Blüemlisalphütte liegt im UNESCO-Welterbe Jungfrau- Aletsch, direkt am Passübergang Höhtürli zwischen Kandersteg und dem Kiental. Bewartet von Juni bis Mitte Oktober. 100 Schlafplätze. Ausgangspunkt für Hochtouren in die Blüemlisalp-Gruppe, unterhalb der Hütte befindet sich ein Klettergarten.

Kurz & praktisch

Tag 1 Bergstation bis Blüemlisalphütte

  • Wanderzeit: ca. 4 Std.
  • Distanz: 7,5 Kilometer
  • Höhenmeter bergauf: 1320 m
  • Schwierigkeit: T2 (mittel)
  • Highlights: Berghaus Unterbärgli (Einkehrmöglichkeit), Oberbärgli-Alp, Hohtürli-Pass, Blick auf Schwarzhorn und Wildi Frau (3273 m), Blüemlisalpgletscher sowie Wyssi Frau und Blüemlisalphorn.
  • Ausrüstung: Wanderschuhe mit gutem Profil, Sonnenund Regenschutz, Windjacke

Tag 2 Blüemlisalphütte–Fründenhütte–Bergstation

  • Wanderzeit: ca. 4 h 30 min bis zur Fründenhütte, ca. 3 h von der Fründenhütte bis zur Bergstation
  • Distanz Blüemlisalphütte–Fründenhütte 9,9 km / Fründenhütte–Bergstation: 8,6 km
  • Höhenmeter bergauf: 881 m
  • Anforderung: Absolute Trittsicherheit und Schwindelfreiheit erforderlich (Fründschnuer T4+)

Maria-Theresia Zwyssig

Maria-Theresia Zwyssig ist Abenteurerin und Referentin und weltweit zu Fuss und mit dem Fahrrad unterwegs – mehr auf www.mariatheresia.ch

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