(Fast) nur der Mond schaut zu
Wenn der Himmel seine runde Medaille trägt, kann die magische Reise beginnen: warum die Sehnsucht nach dem Silberschein zunehmend ist – und wo die erhellendsten Monderlebnisse auf der Erde stattfinden.
Daniela Dambach

Der Mond fasziniert die Menschheit seit jeher. Schon lange vor den ersten technischen Möglichkeiten schufen Mythen, Literatur und Visionen den Weg zum Erdtrabanten. Dabei war der Mond selbst schon immer ein Reisebegleiter: Er navigierte Seefahrende über dunkle Meere, bestimmte über Jahrtausende Kalender und diente Dichtenden als Projektionsfläche für romantische Sehnsüchte. Während der «echte Flug» zum Mond (noch) einem kleinen erlesenen Kreis vorbehalten ist, trendet eine andere Art von Mondreise. Sie führt nicht ins All, aber hinaus in den Abend: etwa zu Wanderungen im Schummerlicht, Vollmond-Bädern, Bootstouren unter dem Sternenzelt oder Meditationen unter der Silbersichel.
Fenster im Firmament
Es mag kaum ein Zufall sein, dass der Mond gerade jetzt an Bedeutung gewinnt. In einer Zeit, in der alles be- und ausgeleuchtet ist, jeder Winkel der Erde vermessen, fotografiert und bewertet scheint, wächst die Sehnsucht nach Momenten, die sich nicht sofort festhalten lassen. Die Nacht entzieht sich dem schnellen Konsum. Sie verlangt Geduld. Und sie schenkt etwas Seltenes: Es lässt sich nicht alles erklären, aber umso mehr spüren. Im Wallis lässt sich dies sinnlich erleben: An Vollmond-Abenden verlängert das Thermalbad Brigerbad die Öffnungszeiten. So können Gäste im grössten Freiluft-Thermalbad unter dem Nachthimmel durch das warme Wasser gleiten. Wer lieber beobachtet als badet, findet in derselben Region auf 2000 m ü. M. einen anderen Zugang zur Nacht: Dank Teleskopen rücken in der Sternwarte auf dem Simplonpass Sterne, Planeten und Galaxien näher – und die eigene Welt mitsamt dem Alltag wirkt auf einmal etwas kleiner.
Trabant auf dem Teller
Doch der Mond hat verschiedenste Berufe: Er beleuchtet Nachtwanderungen, inspiriert Liebesgedichte – und ist Südtirols Scheinwerfer, der sogar auf den Teller strahlt. Im ersten europäischen Sternendorf, wo sich alles um die Faszination des Nachthimmels dreht, wird an bestimmten Abenden nicht nur der Mond voll, sondern auch der Mund. Seit vielen Jahren geht das Sternendorf Steinegg der Frage nach, was über unseren Köpfen geschieht, etwa mit Sternwarte, Planetarium, Sonnenobservatorium und Planetenweg. An den Vollmond-Events (dieses Jahr noch am 4. September und am 16. Oktober) wird aus der Himmelsbeobachtung ein Abend für alle Sinne: ausgewählte Betriebe laden zum Dinner im Zeichen des Mondes. Die Kulinarik nimmt dafür die Umlaufbahn gleich mit auf. Milchreis wird zur Milchstrasse, Knödel zur Mondfinsternis, und Pluto-Mozzarella schickt die Gäste auf eine kleine kulinarische Mission. Was zunächst nach verspieltem Küchenkosmos klingt, hat einen durchaus irdischen Kern: Der Mensch erzählt sich seit jeher Geschichten über das, was am Himmel leuchtet. Im Sternendorf treffen Teleskop und Topf aufeinander, sodass man hier nicht nur nach den Sternen greift – man kann sie sich sogar einverleiben.
Wenn Luna mit am Tisch sitzt
Auch auf dem Niesen wird der Trabant zum treuen Tischnachbarn: Beim Vollmond-Dinner mit Aussicht über die Alpen wird das Fünf-Gänge-Menü von Luna begleitet. Im Wallis wird sie unter anderem mit dem verbunden, was in einer kalten Nacht besonders glücklich macht: geschmolzener Käse. Der Weg führt beispielsweise durch die Bergwelt zur urchigen Bättmerhitta, wo man ein Fondue geniesst. Und wer den Vollmond schon immer mal schlürfen wollte, kann das in Appenzell tun.
Das helle oder naturtrübe Vollmond-Bier will die Brauerei Locher nur in Nächten brauen, in denen sich der Mond von seinen runden Seiten zeigt. Ob der Hopfen dadurch himmlischer schmeckt?
Darin liegt eben gerade die Magie des schillernden Nachtballs: in den Mythen, die sich um ihn ranken. Seit Jahrhunderten schreiben Menschen ihm Kräfte zu, richten Feste und Rituale nach seinen Phasen aus und suchen in seinem Licht einen Moment der Einkehr. Dank findigen Gastgebenden und Erlebnisideen lässt sich die Langeweile dorthin schiessen, wo sie hingehört: auf den Mond.

Voller Mond, volles Programm: das Sternendorf in Südtirol. © IDM Südtirol, Mirko Strozzega
Voll mein Termin!
Baden-Württemberg
Die Natur mit völlig anderen Augen erkundet man auf der Vollmondführung über den 1,2 Kilometer langen Baumwipfelpfad in Bad Wildbad, angereichert mit altem und neuem Wissen über den Mond und einem 360-Grad-Ausblick über den Schwarzwald im Silberschein (Termine 2026: 26. September, 26. Oktober).
Weitere Themenevents in der Region sind: Der «Keltische VOLLMONDgehNUSS» am 25. Oktober beinhaltet einen Spaziergang auf der Albhochfläche rund um den Heidengraben, Verpflegung sowie Geschichten rund um die keltische Mondkultur. Aufhorchen und vielleicht auch aufheulen lässt die zweistündige, lehrreiche Wanderung «Bei Vollmond im Wolfsrevier» vom 22. November.
Irland
Wenn über West Cork der Mond aufgeht, beginnt auf dem Wasser ein leises Nachtabenteuer: Auf dem einzigartigen Salzwassersee Lough Hyne bei Skibbereen führen Kajaktouren hinaus in die Dunkelheit. Lautlos gleiten die Boote über die spiegelnde Oberfläche, während der Mond die Bucht erhellt – und mit etwas Glück lässt biolumineszentes Plankton jeden Paddelschlag wie einen kleinen Funkenregen aufleuchten.
Türkiye
Wenn die Sonne über der Ägäis versinkt, beginnt in Türkiye eine andere Zeitrechnung: Noch bis zum 1. Oktober 2026 öffnen 20 Museen und archäologische Stätten ihre Tore bis spät in die Nacht. Im Schein der Beleuchtung verwandeln sich Ephesus, Hierapolis, Aspendos oder der Galata-Turm in geschichtsträchtige Orte in neuartiger Gestalt. Besonders eindrucksvoll: das Tetrapylon von Aphrodisias, das monumentale Tor aus dem 2. Jahrhundert n. Chr. Wer noch näher zum Mond will, erlebt auf dem Nemrut-Berg die riesigen Götterstatuen Anatoliens unter dem weiten Nachthimmel.
