Endlich Ferien für alle: Die Schweiz macht sich barrierefrei
Ferien sollten für alle Erholung bedeuten – unabhängig von Alter, Mobilität oder Behinderung. Immer mehr Schweizer Hotels, Bergbahnen, Campingplätze und ganze Destinationen realisieren, dass Barrierefreiheit mehr ist als eine Rampe am Eingang.
Tina W. Engler

Es sind oft die kleinen Dinge, die einen grossen Unterschied machen: ein Duschkopf, der tief genug hängt. Ein Weg, der nicht abrupt am Kiesbett endet. Eine Rezeption, an der man sitzend einchecken kann. Lange war es schwierig, Orte zu finden, an denen man sich auch mit Rollstuhl willkommen fühlt. Zum Glück haben sich viele touristische Anbieter längst auf unterschiedlichste Bedürfnisse eingestellt und bauen ihr Angebot stetig weiter aus.
Vor 30 Jahren steckte begleitetes Reisen für Menschen mit Handicap noch in den Kinderschuhen. Procap Reisen gehörte damals zu den Pionieren und ist heute die führende Schweizer Anlaufstelle für begleitete Individual- und Gruppenreisen, mit eigenem Freiwilligenteam, das Ferienträume auch aktiv möglich macht. Helena Bigler, Leiterin von Procap Reisen & Sport: «Barrierefreiheit ist nicht nur mit dem barrierefreien Zimmer erledigt. Es geht hier um die gesamte Infrastruktur. Auch Menschen mit Behinderungen möchten schliesslich den Balkon benützen oder den SPA besuchen».
Starke Zielgruppe
Betroffen sind viele: Rund 1,8 Millionen Menschen leben in der Schweiz mit einer Behinderung, etwa 22 Prozent der Bevölkerung. Zudem altert die Gesellschaft weiter und mit jedem Jahrzehnt wächst der Anteil jener, die auf Hindernisfreiheit angewiesen sind. Und auch Familien, die mit dem Kinderwagen unterwegs sind, reisen entspannter, wenn Barrieren verschwinden.
Doch wie findet man die passende Unterkunft? Früher halfen Portale wie der «Rollihotelführer». Heute bündelt die Initiative ok:go, mit dabei unter anderem auch die renommierte Hotelgruppe Sunstar mit ihren sechs Schweizer Vier-Sterne-Häusern, Daten von rund 2600 Anbietern in der App «Ginto». Statt dort Betriebe bloss zu zertifizieren, beschreibt die Plattform genau, welche barrierefreien Einrichtungen das jeweilige Haus mitbringt. So kann man sich bereits vorab mit den Gegebenheiten vertraut machen und schauen, was passt. Selbst ganze Reiseziele ziehen mit. Zug positioniert sich als barrierefreie Destination, mit hindernisfreien Spazierwegen, Stadtführungen und digitalen Planungshilfen, unter dem Motto «Inklusion ist Trumpf». Auch Engelberg-Titlis ist weitgehend barrierefrei: Die Titlis-Bergbahnen sind bis auf 3028 Meter rollstuhlgängig, ebenso das Gebiet Brunni.

Gute Zukunftsaussichten
Parallel setzt sich die Hotellerie in Bewegung. Dass echte Barrierefreiheit mehr ist als ein rollstuhlgängiges Zimmer, zeigt das Hotel Centro Magliaso am Luganersee: hundert Zimmer in zehn Gebäuden auf fast zwei Hektar, konsequent hindernisfrei, mit zwölf Doppelzimmern mit Pflegebetten und Angeboten für blinde und sehbehinderte Gäste. Als erstes Haus überhaupt wurde es mit der neuen Auszeichnung für barrierefreie Hotels im Ranking «Die 101 besten Hotels der Schweiz» geehrt.
Auch in der Parahotellerie tut sich eine Menge. 29 Häuser der Schweizer Jugendherbergen sind komplett hindernisfrei, acht weitere bedingt; Zimmer lassen sich allerorts mit Suchfunktion online reservieren, ein barrierefreier Check-in gehört zum Standard. Weil oft mehrere Zimmer pro Haus geeignet sind, ermöglichen sie sogar Gruppenreisen. Auf Campingplätzen des TCS stehen, gemeinsam mit der Stiftung Cerebral, an sechs Standorten, von Bern bis Sion, barrierefreie Bungalows mit Pflegebett, unterfahrbarer Küche und Terrasse. Bei Reka warten über 80 Behindertengerechte Wohnungen und Hotelzimmer in elf Feriendörfern sowie in der Toskana. Die weiteren Parahotellerie-Partner, SwissCamps, Interhome und BnB Switzerland investieren ebenso verstärkt in den Ausbau des Segments.
Natürlich gibt es noch Luft nach oben, aber der Weg wird immer ebener, buchstäblich. Ein rollstuhlgängiges Zimmer allein reicht eben nicht – und was nützt der schönste Uferweg, wenn es in der Nähe kein passendes Bett gibt? Doch es entwickelt sich. Von den Bergen bis zum Campingplatz im Tal zeigt die Schweiz gerade, dass Ferien längst keine Frage der Beweglichkeit mehr sind und die Freude am Reisen im Vordergrund steht. Überall. Für alle.
