Die Sprache der Kräuter
Auf knapp 1800 Metern, im Schatten des gewaltigen Piz Bernina, wächst in Pontresina schon seit Jahrzehnten, was ein kleines Bonbon weltberühmt gemacht hat.
Tina W. Engler

Traditionelle Engadinerhäuser mit bemalten Fassaden säumen die Gassen von Pontresina, Holzbalkone knarzen im Wind. Der Bach unterhalb der Kirche rauscht lauter als anderswo, das Wasser ist selbst im Sommer noch kalt vom Gletscher. Zwischen den Giebeln stehen die Gipfel wie eine Kulisse und scheinen mit ihren über 4000 Metern Höhe den Himmel zu berühren. Die Luft ist dünner als unten im Tal. Und frischer. Sie riecht nach feuchter Erde, nassem Stein und üppigen Bergwiesen. Wer hier, inmitten der überbordenden Natur ankommt, staunt, atmet tief und langsam und fühlt sich, ob der Szenerie, zunächst ziemlich klein.
Nur ein paar Schritte vom Dorf entfernt, auf 1770 Metern, am Eingang zum Rosegtal, liegt ein kleiner, recht unscheinbarer, kreisrunder mit Steinen angelegter Garten. Doch der Ricola Kräutergarten hat es in sich. Hier wachsen 13 Kräuter u. a. Salbei, Frauenmantel, Malve und Schafgarbe, allesamt robuste Heil-Gewächse, die die dünne Luft und die relativ kurzen Sommer nicht scheuen, sondern regelrecht brauchen. Bereits 1940 mischte Emil Richterich, Gründer von Ricola, genau diese 13 Alpenkräuter zu einer wohltuenden Rezeptur, die bis heute unverändert geblieben ist. Sein Kräuterbonbon ist längst weltweit in aller Munde. Im Garten selbst herrscht entspannte Ruhe. Der Eintritt ist frei und ein kleiner Spaziergang öffnet alle Sinne. Es ist der perfekte Ort zum Ankommen.
Schnell gelangt man von hier aus in den mystischen Taiswald und auf den Rominger Arvenweg, ein Erlebnispfad zwischen jahrhundertealten Arven und Lärchen. Drei Weg-Varianten stehen offen: ein Wissenspfad zu Flora und Fauna, ein Wellness-Pfad mit Atem- und Yogaübungen und eine Art sportliche Schnitzeljagd für Action-Fans, die lieber laufen als lauschen. Man braucht hier wenig, um die Umgebung zu entdecken, ein geladenes Telefon, festes Schuhwerk, etwas Neugier und die Bereitschaft, sein gewohntes Tempo zu verlangsamen, reichen völlig aus.

Pure Entschleunigung
Noch weiter führt der Mind Body Nature Experience Trail, der gemeinsam mit der Universität Zürich entwickelt wurde. Spezielle Achtsamkeitsübungen, Atemfokus und kleine Bewegungsimpulse begleiten die Wanderung und sind als Einladung zu verstehen, die Landschaft nicht nur zu sehen, sondern mit weit geöffneten Sinnen zu spüren. Der Blick von Muottas Muragl auf die Oberengadiner Seenlandschaft, der Duft der Arven, die Stille zwischen zwei Schritten, all das wirkt nach, auch wenn man schon längst wieder im Alltag gelandet ist.
Pontresina hätte mit seinem 580 Kilometer langen Wegnetz genug Gründe, einfach ein Wanderort zu sein wie viele andere in der Schweiz. Doch was den Unterschied macht, ist die Konsequenz, mit der hier Erholung neu gedacht wird, nicht nur am Rande, sondern als etwas, was sich wie ein roter Faden durchzieht. Der Morteratschgletscher liegt in Sichtweite, der Schweizerische Nationalpark ist nur eine kurze Talfahrt entfernt, und in den Felswänden rundum lebt die grösste Steinbockkolonie des Landes, völlig unbeeindruckt vom Treiben im Tal darunter.

Heimat auf Zeit
Stilvoll und mit herzlicher Gastfreundschaft, lässt es sich im Vier-Sterne Sunstar Hotel Pontresina wohnen, dem früheren Hotel La Collina, das 2024 komplett kernsaniert und erweitert wurde. Mit dem gekonnten Mix aus Bündner Bergdorf-Charme und urbanem, modernem Design wird es schnell zum Lieblingsplatz. Weite Fensterfronten lassen den Blick auf die umliegende Bergwelt schweifen. Arvenholz trifft auf klare Linien. Die Lofts haben eine eigene Kitchenette, in der Mountain Lounge brennt abends ein Feuer. Die Familienzimmer bieten Platz für sechs Personen, Kinder bis elf Jahre wohnen bei zwei Erwachsenen gratis. Die Erholung stellt sich hier inmitten unberührter Landschaft fast von allein ein. Und manchmal, wenn man wieder voller Eindrücke heimgekehrt ist, braucht es vielleicht nur ein kleines Bonbon, um sich wieder hinzubeamen.
