Die Rückkehr des grössten Alpenvogels
Er ist der grösste Vogel der Alpen und doch bekommt man ihn nur selten zu Gesicht: der Bartgeier. Lange als blutrünstiges Untier verschrien, ist heute klar, dass der Alpenvogel sich weder Lämmer noch Kinder krallt, sondern mit seiner einzigartigen Ernährungsweise sogar zur Sauberkeit in den Alpen beiträgt.
Blanca Bürgisser

Geier geniessen keinen guten Ruf, was auch für den Bartgeier gilt. Dieses schlechte Bild hält sich seit Jahrhunderten, obwohl es längst widerlegt wurde. Sein Ruf als Lamm- und Kinderräuber hatte drastische Folgen für den Greifvogel. Im ersten Jagdgesetz von 1875 wurde er als schädliche Art klassifiziert, und der Abschuss wurde sogar vom Staat belohnt. Dies führte dazu, dass der Bartgeier Ende des 19. Jahrhunderts in der Schweiz ausgerottet war.
«Der Bartgeier braucht trotz seiner erfolgreichen Rückkehr weiterhin Unterstützung.»
Erst in den 1980er-Jahren kam es zur Wiederansiedlung des Greifvogels. Zoos und Tierparks begannen mit der Nachzucht der Bartgeier, die als Jungtiere im Alter von rund 100 Tagen ausgesetzt wurden. Das Projekt trug Früchte, heute leben wieder 350 Bartgeier in den Alpen. 2024 schlüpften in der Schweiz 24 Vögel in der freien Wildbahn. Doch die Wiederansiedlungsprojekte laufen weiter. Die genetische Vielfalt der wild lebenden Bartgeier ist noch sehr gering, und ohne weitere Auswilderungen käme es zu starker Inzucht.

«Bartgeier ernähren sich zu rund 90 Prozent von Knochen.»
Knackige Kost
Anders als die hartnäckigen Vorurteile vermuten lassen, jagen Bartgeier keine Lämmer. Ihre Nahrung besteht zu 90 Prozent aus Knochen. Neben Calcium enthalten diese einen hohen Anteil an Fett und Eiweiss. Der Bartgeier ist das einzige Tier in den Alpen, das sich so ernährt. Das hat den Vorteil, dass er keine Konkurrenz bei der Nahrungssuche hat. Zusätzlich macht ihn das zu einem unverzichtbaren Teil des Ökosystems. Der Greifvogel hält auf diese Weise die Bergwelt sauber und verhindert, dass sich Krankheiten ausbreiten.
Damit der Alpenvogel die Knochen verdauen kann, hat er den sauersten Magensaft des Tierreichs, vergleichbar mit ätzender Batteriesäure. Dank seiner langen Speiseröhre kann er Knochen von einer Länge bis zu 30 cm problemlos schlucken. Sind die Knochen grösser, lässt er sie aus einer Höhe von 50 bis 80 Metern auf Felsen fallen, damit sie in kleinere Stücke zersplittern. Dafür wählt er meist dieselben Stellen, weswegen diese auch «Bartgeierschmieden» genannt werden.

Das Recht des Stärkeren
Der Bartgeier richtet selbst die Brut nach seinen Essgewohnheiten aus. So beginnt er diese im Gegensatz zu den meisten Vögeln im Winter. Der Februar ist der ideale Zeitpunkt für die Jungen, um zu schlüpfen. Dann gibt es viele tote Tiere, die den harten Winter nicht überlebt haben, was bedeutet, dass es reichlich Nahrung für die Jungtiere gibt, die sich noch von Aasfleisch ernähren.
Das Weibchen legt immer zwei Eier, die die Eltern abwechselnd ausbrüten. Damit die Eier nicht erfrieren, statten die Greifvögel ihren Horst neben Ästen auch mit Fellresten und Schafwolle aus. Es wird vermutet, dass dies ein möglicher Ursprung der Ängste um den Bartgeier und das Verschwinden von Lämmern ist. Zusätzlich haben sie an den Beinen eine dicke Daunenschicht, um die Eier warmzuhalten. Die Brut dauert etwa 52 bis 58 Tage. Die Küken schlüpfen nicht gleichzeitig, und es überlebt immer nur eines der beiden, meist das Erstgeborene. Das andere Küken wird entweder vom Erstgeborenen getötet oder verhungert, weil die Eltern nur eines der Jungen füttern. Gründe, warum der Bartgeier trotzdem zwei Eier legt, sind eine mögliche Nichtbefruchtung eines der beiden, das Sterben eines der Embryonen oder der Tod eines Kükens in den ersten Tagen vor dem Schlüpfen seines Geschwisters. Das zweite Ei dient also zur Absicherung.
Der kleine Bartgeier wächst schnell, bereits nach drei Monaten ist er so gross wie seine Eltern. Nach weiteren 30 Tagen unternimmt er erste Flugversuche. In seinem ersten Lebensjahr legt der Flugkünstler auf der Suche nach seinem Revier oft Strecken von bis zu 700 km am Tag zurück. Erst im Alter von vier bis fünf Jahren wird der Bartgeier sesshaft. Sein Revier ist riesig und kann bis zu 400 km² umfassen. In den folgenden zwei Jahren wird er geschlechtsreif und geht eine Paarbindung ein. Bartgeier sind wahre Romantiker, ihre Beziehung hält ihr ganzes Leben, welches im Schnitt bis zu 40 Jahre umfasst.

Mysteriöse Färbung
Damit die Bartgeier die weiten Strecken innerhalb ihres Reviers zurücklegen können, haben sie eine Flügelspannweite von 2,6 bis 2,9 Metern. So können sie, ohne grossen Kraftaufwand, in luftiger Höhe kreisen. Männchen und Weibchen werden 1,1 m gross und fünf bis sieben Kilo schwer. Unterscheiden lassen sich die Geschlechter durch das Aussehen nicht.
Während die Jungtiere eine braun-graue Färbung aufweisen, färben sich die Brust- und Kopffedern mit zunehmendem Alter weiss. Die Greifvögel belassen ihr Gefieder jedoch nicht weiss. Sie suchen sich Pfützen, die reich an Eisenoxid sind, und wälzen sich darin. Dadurch erhalten die weissen Federn eine rote Färbung. Der Grund dafür ist bis heute nicht geklärt. Eine Theorie geht davon aus, die Tönung schütze vor Keimen, andere Forschende vermuten, dass es sich dabei um ein Statussymbol handelt.
Unter ihrem Schnabel besitzen männliche ebenso wie weibliche Bartgeier einen dunklen, borstigen Bart, dem sie ihren Namen verdanken. Auch hier wissen Forscher*innen noch nicht, welchen Zweck dieser erfüllt. Eine gängige Vermutung lautet, dass er zum Ertasten sperriger Sehnen beim Auftrennen der Gelenke diene.
Ein weiteres Erkennungsmerkmal des Bartgeiers ist der rote Ring um seine Augen. Dieser sogenannte Skleralring umfasst die Iris und soll diese verstärken. Anders als bei anderen Tieren ist der Skleralring beim Bartgeier stark durchblutet. Das führt dazu, dass er bei Aufregung – und der dadurch erhöhten Durchblutung – leuchtend rot erscheint. Die Iris selbst ist bei jungen Bartgeiern noch braun, während sie sich nach zwei bis drei Jahren gelb färbt.

Die Zukunft des Bartgeiers
Trotz der Wiederansiedlung kommt es immer noch selten vor, dass man einen Bartgeier in freier Wildbahn sichtet. Die grossen Flugkünstler leben in abgelegenen Bergregionen, wo sie in kleinen Höhlen und Felsnischen ihren Horst bauen. Solch unberührte Landschaften werden leider immer seltener. Zusätzlich setzt der Klimawandel anderen Alpentieren zu, wodurch die Nahrungsquelle der Bartgeier kleiner wird. Eine weitere Gefahr für den scheuen Alpenbewohner sind Bleivergiftungen durch Giftköder für Wölfe sowie durch Munition in angeschossenen Kadavern. Auch Windturbinen, Antennen und Stromleitungen können ein Risiko für den Bartgeier darstellen, da er diese nicht richtig einschätzen oder wahrnehmen kann, wodurch es zu einer Kollision kommen kann.
Deshalb ist das Engagement von Organisationen wie der Stiftung Pro Bartgeier und dem WWF nach wie vor besonders wichtig für das Überleben des Bartgeiers. Die Stiftung Pro Bartgeier ist Teil von Auswilderungsprogrammen und überwacht den Bestand der Bartgeier. Auf ihrer Webseite können Sie die Bartgeier der Schweiz kennenlernen und durch Webcams und Bilder schauen, wie es ihnen geht. Dort erfahren Sie auch, wie Sie zum Schutz des Bartgeiers beitragen können. •
Bartgeier zählen am 10. Oktober
Jedes Jahr führt die Stiftung Pro Bartgeier mit ihren Partnern eine Bartgeierzählung durch. Dafür sind sie auf die Unterstützung von F reiwilligen angewiesen, die an diesem Tag während vier bis sechs Stunden an einem fixen Beobachtungsposten nach Bartgeiern Ausschau halten.
Mehr Informationen und das Anmeldeformular finden Sie unter: www.bartgeier.ch


