Bretagne: Salz auf den Lippen, Weite im Kopf

Der Wind scheint die Gedanken zu ordnen und der Wellengang lehrt einen den Rhythmus der Natur: In der Bretagne beginnt die Erholung nicht erst an der Rezeption eines Wellnesshotels. Sie beginnt mit einem Atemzug an der Küste.

Daniela Dambach

Die erste Brise duftet nach Salz, Tang und Ferne. In den Ohren hat man das Geräusch der Wellen, die Eile und Hektik davontragen. Da steht man nun, mit dem Gefühl, dass diese Landschaft nichts von einem verlangt, ausser vielleicht: Genauer hinzusehen – in die Weite, aber auch ganz nah, zu sich selbst. Diese Inspirationen laden dazu ein, die Bretagne als ein von Natur aus regenerierendes Reiseziel zu entdecken, in dem die Sinnlichkeit inmitten von Abwechslungen das stete Leitmotiv ist: atmen, gehen, schmecken, lauschen und entschleunigen. Gerade ausserhalb der Hochsaison entfaltet die Region auf der grossen Halbinsel im äussersten Nordwesten Frankreichs ihre geballte Kraft. Dann übernehmen die Elemente das Zepter; die Wolken gehören den Möwen, die Buchten den Gezeiten und die Horizonte jenen, die sich Zeit nehmen.

Frische Luft einatmen

Die Bretagne ist eine einzige Frischluftkur. Auf dem legendären Zöllnerpfad GR®34 führen die Küstenpfade auf Tausenden Kilometern vorbei an Granitfelsen und Heide, stets das Meer auf der anderen Seite. Gegenwärtiger könnte die Gegenwart nicht sein, während man geht, weiter und weiter, mit Wind im Haar – aber auch Salz und einem Lächeln auf den Lippen und einem Blick, der einfach schweifen darf. Etwa von den hellen Stränden bis zum Horizont oder über die Felsen an der Rosa- Granit-Küste, die von der seltenen Farbe und skulpturalen Form her wirken wie steingewordene Poesie, gedichtet von Wind und Wellen. Hier, auf der Route zwischen Tréguier und Lannion, ist jeder Aussichtspunkt ein Impuls zum Innehalten.

Genuiner Geschmack

Schön anzusehen? Absolut, aber nicht nur, schliesslich schmeckt die Bretagne ebenso intensiv, wie sie aussieht. Zum Beispiel nach goldbraun gebackenem Buchweizen (franz. «Sarrasin» oder «Blé noir»), seit Jahrhunderten als «schwarzes Gold» der Region geschätzt, der als Grundlage der für die berühmten Galettes dient, aber auch für Pasta, Brot wie auch andere salzige oder süsse Gebäcke. Gerade im September öffnen Höfe ihre Tore, sodass Besuchende die eifrige Ernte feldnah miterleben und mit den passionierten Produzierenden ins Gespräch kommen können – und so dem bretonischen, kulinarischen Kulturgut auf das Korn fühlen.

Auch die bretonische Symbolfrucht hat nun Saison: In der Region gedeihen über 600 verschiedene Apfelsorten, darunter zahlreiche alte, heimische Lokalsorten. Vielerorts werden die knackigen Früchte noch von Hand gesammelt und in kleinen Keltereien zu charaktervollem Cidre verarbeitet – mal trocken, mal fruchtig, stets geprägt vom jeweiligen Terroir. Jeder Bissen wird hier zur Begegnung mit dem Ort.

Natur pur spüren

Der Geschmack bleibt noch auf der Zunge, während der Atlantik bereits zum nächsten Erlebnis ruft. Jetzt ist es der ganze Körper, der die Bretagne erfährt: im Wind, im wechselhaften Lichtspiel und im Rhythmus der salzigen Wogen. Also, warum nicht selbst hinaus auf den schimmernden Ozean? So lässt sich beim Aquawandern, Kajakfahren, Stand-up-Paddeln oder auf Bootsfahrten das erfrischende Wasser an den Beinen spüren, das Rauschen der Brandung hören und die frische Luft einatmen, die nach einem Gemisch aus Pinien und Algen duftet. Etwa am Cap-Coz beginnt die Action dort, wo Wind und Wellen zusammentreffen: Katamarane, Jollen, Windsurfbretter und Foil-Boards stehen auch für jene bereit, die im Schutz der Beg- Meil-Klippen erste Versuche wagen wollen. Wer Kräfte und Kondition kitzeln will, tut dies an den Stränden des südlichen Finistère, wo der Atlantik seine wildere Seite offenbart. Beim Surfen sind Balance, Instinkt und Timing gefragt – ein kurzer Augenblick, in dem Körper, Brett und Ozean eins werden. Wahrscheinlich liegt genau darin die Magie des Meeres in der Bretagne: Sie ermahnt nicht dazu, Abstand zur Natur zu halten, sondern verlockt dazu, sich auf sie einzulassen. Mit jedem Schritt, jedem Paddelschlag und jeder Welle wird die Küste ein Stück vertrauter.

Entschleunigung etablieren

So wie das Meer den Körper fordert, vermag es ihn auch wieder zur Ruhe zu bringen. Nach der Dynamik auf dem Wasser beginnt eine andere Form der Begegnung mit der Küste: eine Reise nach innen, – die nicht selten über die Haut führt, da die Bretagne zu den bedeutendsten Thalasso-Destinationen Europas gehört. Schliesslich liefert sie mit zerklüfteter Küste, Gezeiten und nährstoffreichem Atlantikwasser seit jeher die natürlichen Zutaten für diese Form der Erholung. Entlang der Atlantikküste und des Ärmelkanals liegen zwölf Thalassotherapie- Zentren mit eigenem Charakter: mal zurückgezogen, mal gesellig, mal luxuriös. Hier kommt die natürliche Kraft des Meeres direkt an Land – und an den Leib dank warmen Bädern, Vichy-Duschen, Algenpackungen, Massagen oder anderen Spa-Behandlungen.

Wenn schliesslich der letzte grüne Krümel der Algenpackung abgewaschen ist, bleibt mehr als nur ein entspanntes Körpergefühl. Der Blick wandert noch einmal über den Atlantik, der Wind trägt den Duft des Meeres heran. Der Bretagne-Effekt hallt nach, sodass der Alltag sogar dann noch weiter weg zu sein scheint, wenn er einem eigentlich längst wieder eingeholt hat. Neben den klassischen Souvenirs wie einem aromatischen Cidre, dessen Schöpfer einem mit seinem Lächeln noch lange präsent bleibt, oder einem wohltuenden Meersalz-Peeling findet sich im Gepäck noch etwas: ein Stück Weite.

Weitere Infos und Inspirationen: www.bretagne-reisen.de

Fünf sinnliche Favoriten

Buchweizen

Das Buchweizenfest (Fête du Sarrasin) wurde von dem Gastronomen und Gründer der bekannten Breizh Café-Kette, Bertrand Larcher, ins Leben gerufen. Es findet jährlich Mitte September auf der Ferme Breizh Café in Saint-Coulomb statt. Das Fest feiert die traditionelle bretonische Pflanze Buchweizen sowie das lokale kulinarische Erbe.

Cidre

Die handwerkliche «Cidrerie Domaine de Kerveguen» im Pays de Cornouaille bietet ein immersives Erlebnis rund um den Apfel – mit Obstgärten, Handernte, Besichtigung der Kelterei und Degustationen verschiedener Cidres, die zeigen, wie Apfelsorten und Terroir den Geschmack prägen.

Wassersport

Für Segelbegeisterte bietet das Wassersportzentrum Centre nautique de Fouesnant Cornouaille in Cap-Coz ideale Bedingungen. Katamarane, Jollen, Windsurfbretter und Foil-Boards stehen allen offen. Die ruhige Bucht eignet sich sowohl für Einsteiger als auch für Fortgeschrittene, für die zudem Einzel- oder Gruppen-Coachings stattfinden.

Surfen

La Torche zählt mit seinen langen, gleichmässigen Wellen zu den Klassikern der bretonischen Surfszene. Auch Crozon, La Palue und Lostmarc’h bieten ideale Bedingungen, eingerahmt von dramatischen Klippen, Dünen und einer Landschaft, die so rau wie faszinierend wirkt.

Wellness

Direkt am Ozean gelegen, bietet das Castel Clara auf Belle-Île-en-Mer eine stimmungsvolle maritime Auszeit. Die Thalasso-Anlage nutzt Meerwasser aus der Umgebung der Insel und setzt auf Meeresanwendungen, frische Algen und jodhaltige Luft. Algenpackungen, Entspannung und der Blick von der Terrasse über den Atlantik verwöhnen Körper und Geist.

Nach Tagen am Meer lädt das historische «Grand Hôtel de Courtoisville» in Saint-Malo mit seinem Spa, Hallenbad, Sauna und nordischem Bad zum Entschleunigen ein. Der Mix aus maritimem Flair, Gartenoase und wohltuenden Anwendungen intensiviert das Gefühl von Entspannung.

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