Biodiversitätstage Arosa vom 13. bis 21. Juni 2026
Was du im Wald nicht siehst
Die Sonne ist weg, aber der Himmel leuchtet noch. Du stehst am Waldrand oberhalb von Arosa, hörst das Rauschen der Lärchen und hältst ein kleines Gerät in der Hand, das ein bisschen aussieht wie ein überdimensioniertes Hörgerät. Murièle Keller, Fledermausexpertin der Regionalen Koordinationsstelle Graubünden, bittet um Stille. Dann passiert etwas: Aus dem Rauschen tritt ein rhythmisches Klicken hervor. Eine Fledermaus. Direkt über dir. Unsichtbar, aber plötzlich vollständig da. «Jetzt hörst du, was du sonst nie hörst», sagt sie leise. Das ist der Moment, in dem Arosa aufhört, Kulisse zu sein.
Die alpine Landschaft zwischen Weisshorn und Aroser Rothorn ist jedem vertraut, der hier oben Ferien gemacht hat: blühende Wiesen, klares Licht, Stille nach dem letzten Munggapfiff. Was sich darin abspielt, im Moos, in der Baumkrone, in der Dämmerung über dem Obersee, bleibt dem normalen Blick meist verborgen. Die Biodiversitätstage Arosa geben dir etwas, das sich nicht mehr einfach ablegen lässt: die Fähigkeit, die Natur zu lesen.
Das klingt nach Schule. Ist es nicht. Es ist ein Handwerk. Und wie jedes Handwerk fängt es damit an, dass man das erste Mal wirklich hinschaut.

Was im Verborgenen wächst
Am Obersee beginnt die Woche mit dem Biodiversitätsmarkt: Er ist offen, kostenlos und bietet viel Raum für Begegnung. Regionale Produzentinnen und Naturschutzorganisationen sind vor Ort, man kann probieren, fragen, zuhören.
Wer auf den Geschmack gekommen ist, den nimmt Corina Jäger mit in eine andere Dimension des Verborgenen. Sie kennt die Heilkräuter und Wildpflanzen, die rund um Arosa wachsen. Was du vielleicht als Unkraut abgetan hättest, wird in ihren Händen zu Wildkräuterpesto. Wer das Magazin «natürlich» liest, weiss: Heilpflanzen sind kein Trend, sondern Traditionshandwerk. Was du an diesem Abend berührst, riechst und abschmeckst, nimmst du als Rezept mit. Und als Geschichte für den nächsten Abend in Gesellschaft.
Die Kunst, langsam zu sehen
Im Sonderwaldreservat führen Fachleute von Pro Natura, der Schweizerischen Vogelwarte und dem Arosa Forst durch einen Wald, den die meisten beiläufig durchqueren. Er ist ein komplexes System: bewirtschaftet, geschützt, voller Abhängigkeiten und Leben. Bringe ein Fernglas mit und nimm dir Zeit für die Details, denn es gibt viel zu entdecken.
Am Schwellisee zeigt Fotografin Nina Homberger, wie Licht, Fokus und Bildausschnitt bestimmen, was du siehst. Du entdeckst Perspektiven, die du vorher nie gesehen hast. Das funktioniert mit Kamera oder Smartphone. Vorkenntnisse brauchst du keine.

Von Spuren und Perspektiven
Der Wolf ist zurück. In Graubünden ist das kein Zeitungsthema mehr, sondern gelebter Alltag auf Alpen, in Wäldern, auf Wanderwegen. Lokale Fachpersonen erklären an einem kompakten Abendvortrag, wie ein Rudel seinen Tag strukturiert, wo die Tiere unterwegs sind und wie man sich in Wildtier- und Herdenschutzgebieten richtig verhält. Kein Aktivismus, keine Panikmache. Faktenwissen, das bleibt.
Wer mehr will, geht am nächsten Tag mit. Wanderleiterin Katharina Trachsler, Wildhüter Simon Seiler und Alplandwirt David Zippert begleiten dich ab Langwies auf einer Tagestour durch ihre Realität. Du liest Spuren, begegnest den Schafen und hörst drei echte Perspektiven auf ein Zusammenspiel, das den alpinen Sommer heute prägt. Dreizehn Kilometer zu Fuss, Mittagessen aus dem Rucksack. Die Koexistenz von Wolf, Mensch und Weidetier ist kein abstraktes Politikthema mehr, wenn du mittendrin stehst.
Veit Fritz, der weiss, wo die Steinböcke stehen, rundet die Woche ab. Auf einer Wanderung hoch zum Alteinsee lernst du zu sehen, was du sonst übersehen hättest. Eine Sichtung ist nie garantiert. Der veränderte Blick, mit dem du ins Dorf zurückgehst, schon.

Der Blick, den du mitnimmst
Nicht im Rucksack. Im Kopf: eine andere Art, durch Wälder und über Alpen zu gehen. Das Wissen, dass die Natur um dich herum spricht und ganz eigene Geschichten erzählt, die du bis jetzt noch nicht hören konntest. Und vielleicht bist du die Person, die beim nächsten Abendessen jenen leisen Wundern eine Stimme gibst.
Das ist keine Bildungsreise. Es ist eine Woche, in der Arosa mehr wird als der Ort, an dem du Ferien machst.

Alle Erlebnisse, Daten und Anmeldung: arosa.swiss/biodiversitaetstage
